Ihr Unvergleichlichen von Jurek Becker, 2004, Suhrkamp1.). - 2.)

Ihr Unvergleichlichen.
Briefe von Jurek Becker (2004, Suhrkamp, hrsg. von Christine Becker und Joanna Obrusnik).

Besprechung von Martin Lüdke aus der Frankfurter Rundschau, 8.12.2004:

Nachrichten aus einer anderen Welt
Charmant, taktierend, herablassend und immer witzig: Jurek Beckers Briefe lassen die tapfere Haltung auch seines Werks erkennen

Die Annahme, dass die Briefe Jurek Beckers etwas zur Erhellung seines Werkes beitragen können, sollte naiv erscheinen, zumal sich der Autor nur selten über Themen, Motive, Verfahrensweisen äußert, also das Handwerkliche seines Schreibens weitgehend ausspart und sich auch sonst nur selten über seine Arbeit vernehmen lässt. Er schreibt zwar schon einmal den Entwurf eines Klappentextes, beschwert sich vehement, weil zutiefst getroffen, dass er auf der Titelseite der Suhrkamp-Verlagsvorschau nicht mit Foto erscheinen soll und sich dementsprechend, zu recht, als zweitrangig eingestuft sieht.

Er lässt Uwe Wittstock, seinerzeit Mitherausgeber der Neuen Rundschau, sehr von oben herab wissen, dass sich seine bio-bibliographischen Angaben in jedem ordentlichen Nachschlagewerk finden und darum der Autor nicht mit derartigen Lappalien belästigt werden müsse. Er zeigt sich als Ekel und, weitaus öfter, als Charmeur. Er wirbt, schmeichelt, umgarnt seine Briefpartner, lässt sie zuweilen schroff abblitzen. Unablässig weist er, geschäftsmäßig kühl, Anfragen und Angebote zurück. Und besonders die Kulturbürokraten seines Arbeiter- und Bauernstaates lässt er geradezu genüsslich auflaufen, so wenn er bei dem "werten Genossen Selbmann" anfragt, nachdem, offenbar seiner langen Haare wegen, ein Interview mit ihm in der "Aktuellen Kamera" des DDR-Fernsehens nicht gesendet wurde, ob es denn hilfreich wäre, sich die Haare abschneiden zu lassen.

Rechthaberisch legt er sich nach einem Verkehrsdelikt mit der Justiz an, rührend schreibt er seinem Sohn. Er beschwert sich bei Kritikern, setzt sich für Kollegen ein, die ungerecht behandelt, im Fall von Peter Schneider sogar dummdreist angegriffen werden. Er gratuliert Böll zum Nobelpreis und bekennt ihm dabei eindrucksvoll seine unverhohlene Bewunderung. Er bittet die tschechische Botschaft, von weiteren Einladungen abzusehen, so lange seine Kollegen in der Tschechoslowakei schikaniert, unterdrückt und verfolgt würden. Er zelebriert seine Eitelkeiten. Er zeigt Mut und Zivilcourage. Und Entschiedenheit.

"Liebe Elisabeth", schreibt er im März 1973 an seine langjährige Lektorin Elisabeth Borchers, "setz Dich lieber gleich hin, diesmal ein Brief von ungewohnter Art, ich bin stocksauer und werde gleich losschimpfen. Wieviel Schuld Du selbst an meinem Zorn hast, weiß ich nicht, aber einer mußes ja gewesen sein, leider ist das Kind schon in den Brunnen gefallen." Ganze "37 Fehler und Ungenauigkeiten" habe er gefunden: "siebenunddreißig". Klare Worte, denen dann wieder Liebeserklärungen folgen. Wenn es ein durchgängiges Motiv dieser Briefe gäbe, es wäre: der Witz. Immer, fast zwanghaft schon, wollte er witzig sein. Nur waren die Verhältnisse oft gar nicht danach.

Denn seine Briefe kommen tatsächlich noch aus einer anderen Welt. Aus einer Welt, die uns schon seltsam weit entrückt, fremd geworden ist: Geschichte. Der erste, hier abgedruckte Brief aus dem Jahr 1969 war an Elisabeth Borchers gerichtet, den letzten veröffentlichten Brief schrieb er, seinen bevorstehenden Tod ahnend, im November 1996, an Rainer Weiss, den heutigen Programmdirektor des Suhrkamp Verlags.

Der weitaus größte Teil dieser Korrespondenz stammt also aus DDR-Zeiten. Der junge Jurek Becker war mit seinem ersten Roman, Jakob, der Lügner, schlagartig, gleichermaßen im Osten wie im Westen, berühmt geworden. In den folgenden Jahren versucht er, wie man es damals nannte, in kritischer Solidarität seinem Staat, wenigstens nach außen hin, die Stange zu halten und doch die westlichen Publikations- und Einflussmöglichkeiten, vor allem nach innen, in der DDR, zu nutzen. Auf diese Weise spürt man immer die Mauer im Kopf. Er musste taktieren, öffentlich vorsichtiger auftreten als privat, obwohl er es ersichtlich liebte, sich klar und unmissverständlich auszudrücken. Besonders vorsichtig wurde er nach der Genehmigung seiner (anfangs befristeten) Ausreise. Er wollte sich von keiner Seite vereinnahmen lassen. Auch aus der Rückschau betrachtet, erscheint seine Zivilcourage schon bewundernswert; er legte sie bereits an den Tag zu Zeiten, als sich das damit verbundene Risiko noch nicht abschätzen ließ. Er wusste, was er wollte. Aber nur langsam konnte er sich von der Hoffnung lösen, dass die Verhältnisse in der DDR zu verbessern wären. Die daraus resultierende Resignation witzelt er gerne beiseite.

So gesehen, lassen sich Jurek Beckers Briefe doch als Kommentar zu seinem Werk lesen. Trotz oft wiederholter, kaum variierter Formeln, trotz ermüdend häufiger, standardisierter Ablehnungsschreiben und des auch wenig interessanten Austauschs einigermaßen trivialer privater Informationen, und eines nur mäßig hilfreichen Kommentars.

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Ihr Unvergleichlichen von Jurek Becker, 2004, Suhrkamp2.)

Ihr Unvergleichlichen.
Briefe von Jurek Becker (2004, Suhrkamp, hrsg. von Christine Becker und Joanna Obrusnik).

Besprechung von Jan Bürger in Die Zeit, 13.1.2005:

Liebe Gurkenzwiebel
Briefe und Postkarten des unvergessenen Jurek Becker

Seit wir E-Mails in Höchstgeschwindigkeit um die Welt schicken, ist die Klage über das Ende der Briefkultur weit verbreitet, und natürlich ist sie nicht völlig unbegründet. Begibt man sich in Archive, um Nachlässe durchzusehen, lässt sich leicht eine Änderung des Schreibverhaltens erkennen, die in den späten fünfziger Jahren einsetzte: Persönliche Briefe wurden nicht nur seltener, sondern auch inhaltlich und stilistisch anspruchsloser. Schuld daran ist offenkundig weniger die Informationsrevolution der letzten zwanzig Jahre als das Telefon. Es scheint sogar so zu sein, dass Quantität und Qualität des schriftlichen Austauschs seit der flächendeckenden Verbreitung von Internet-Anschlüssen wieder zunehmen – wobei das neue Medium seinen Tribut fordert: Nahm man sich in Zeiten der Handschrift in der Regel vor, möglichst sorgfältig zu formulieren, so dominiert an den Tastaturen das Ideal der Flüchtigkeit. Überspitzt gesagt: Schlecht Schreiben gehört beim Mailen zum guten Ton.

Der Realsozialismus hat immerhin eines beflügelt: Die Briefkultur

Aber es gab auch ein Land, in dem die traditionelle Briefkultur bis vor 15 Jahren ungebrochen fortbestand. Es gab auch die DDR, und jeder, der einmal Briefe von Dichtern wie Wulf Kirsten oder Richard Leising in Händen gehalten hat, weiß, dass es sich bei der viel beschworenen Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen um mehr als eine Phrase handelt. Viele Schriftsteller und Intellektuelle schrieben im Realsozialismus ungeheuer eindrucksvolle Briefe. Einer von ihnen war Jurek Becker.

Denn sosehr er sich mit seinen eingängigen, klug komponierten Romanen an angelsächsischen Vorbildern orientierte, so deutlich war Becker als Korrespondenzpartner ein Kind der DDR. Dabei wirken seine Briefe alles andere als gestrig. Etwas altmodisch ist höchstens, dass er fast jede schriftliche Äußerung in Schulheften, in denen er auch seine Prosawerke und Drehbücher entwarf, vorformulierte und dann für den Empfänger abschrieb. Eine Gewohnheit, die sich für die literarisch interessierte Nachwelt jetzt als Glück erweist, denn ohne sie wäre es sicher schwierig gewesen, gleich zwei Bücher mit Beckers Briefen herauszugeben: die umfangreiche Auswahl Ihr Unvergleichlichen, die seine Witwe Christine zusammen mit Joanna Obrunik für den Suhrkamp Verlag zusammengestellt hat, sowie den von Trude Trunk für Ullstein bearbeiteten Bildband mit Postkarten, die der Schriftsteller seinem 1990 geborenen Sohn Johnny geschickt hat.

Das Schönste an Jurek Beckers Briefen ist, dass er sie stets als Teil seines literarischen Werks verstand und ihre Form ungewöhnlich ernst nahm. Nicht zuletzt dadurch verwandelten sich seine Postkarten mitunter in hinreißende Nonsens-Poesie. »Du alte Quetschkommode«, schreibt er dem kleinen Johnny 1994, »hier in Polen, wo ich jetzt bin, sehen die Polizisten aus, wie bei uns die Briefträger. Und die Briefträger sehen aus wie bei uns die Eisenbahner. Bloß die Kinder sehen genauso aus wie bei uns. Jedesmal, wenn ich eins sehe – und das geschieht sehr oft –, muß ich an meinen Johnny denken. Dein Papa.«

Schon diese wenigen Zeilen demonstrieren Beckers große Stärke: die Ironie. Mit ihrer Hilfe gelingt es ihm immer wieder, selbst unangenehme Nachrichten so vorzutragen, dass sie ihre Adressaten nicht verletzen, sondern ihnen lediglich ein schlechtes Gewissen machen. »Setz Dich lieber gleich hin«, empfiehlt er Elisabeth Borchers 1973, »diesmal ein Brief von ungewohnter Art, ich bin stocksauer und werde gleich losschimpfen. Wieviel Schuld Du selbst an meinem Zorn hast, weiß ich nicht, aber einer muß es ja gewesen sein…«

Die 25 Schreiben an die Lektorin und Lyrikerin Borchers gehören zu den Höhepunkten der Briefauswahl. Es ist erstaunlich, wie sich die »Werte Frau Borchers« schnellstens in eine »Süßelisabeth« oder ein »Liebstes Lieschen« verwandelt und aus einer reinen Geschäftsbeziehung ein enges Vertrauensverhältnis wird. Und zugleich zeigen sich durch sie die Defizite der Suhrkamp-Ausgabe besonders deutlich. Da der Austausch mit seiner Lektorin, bei dem Becker bei allen Komplimenten und Kosenamen stets eine gewisse professionelle Distanz wahrt, zu den persönlichsten des Bandes gehört, fragt man sich: Wo sind die wirklich persönlichen Dokumente geblieben? Hat er seinen engsten Freunden, den Söhnen und seinen beiden Frauen tatsächlich so wenige bedeutende Briefe geschrieben? Ist die vorliegende Auswahl repräsentativ?

Zumindest aber hätten einige Postkarten an den kleinen Johnny auch der ambitionierteren Ausgabe gut getan. Denn wie viel aussagekräftiger sind jene Botschaften an die »alte Ananasbirne«, das »olle Gummibärchen« oder die »liebe Gurkenzwiebel« als die vielen Absagen und Dankadressen an Professoren und Redakteure, die sie neben hoch interessanten Stücken präsentiert! Die Johnny-Postkarten machen deutlich, dass die Skepsis an dieser Edition, die darüber hinaus durch einen dürftigen Kommentar und das Fehlen anständiger Register besticht, nicht aus der Luft gegriffen ist. Und dennoch ist Ihr Unvergleichlichen lesenswert – nicht nur, weil Becker hervorragend schreibt, sondern auch, weil ihm die Zeitläufte einen ungewöhnlichen Lebensweg aufgezwungen haben.

Jakob der Lügner von Jurek Becker, 1982, SuhrkampEs begann mit der Kindheit im Ghetto, im KZ Ravensbrück und später in der DDR. 30 Jahre später folgten der enorme Erfolg mit dem ersten, 1969 veröffentlichten Roman Jakob der Lügner und die vertrackten Schwierigkeiten mit den DDR-Behörden. 1978 siedelte Becker in den Westen über, und Mitte der achtziger Jahre geriet er für ihn selbst überraschend in ein Doppelleben als Erfinder der Fernsehserie Liebling Kreuzberg und literarisches Ausnahmetalent. All das verleiht seinen Briefen den Rang von historischen Dokumenten.

Sie erzählen uns noch einmal, was es in einem Staat wie der DDR bedeutete, mit der Zensur zu kämpfen, wie man sich für jedes offene Wort beim Ministerium für Kultur rechtfertigen musste. Und dabei gingen die Behörden gegen Becker noch vergleichsweise zurückhaltend vor. Sein Welterfolg und seine Herkunft boten einen gewissen Schutz. Nicht von ungefähr betonte er noch 1987: »Ich betrachte mich nicht im Exil. Ich war nicht gezwungen, die DDR zu verlassen, ich wollte es damals. Übrigens bin ich heute noch Bürger der DDR, und die meisten meiner Bücher werden dort gedruckt.«

Anderen etwas vorzumachen war nicht Beckers Art. In seiner Korrespondenz erweist er sich als das Gegenteil eines Angebers, und das machte ihn im Literaturbetrieb einsam. Ja, beim Lesen seiner Briefe fragt man sich oft, ob dieser Schriftsteller überhaupt zum Literaturbetrieb gehörte. Mit Frisch, Grass, Hermlin und Stefan Heym fühlte er sich freundschaftlich verbunden, doch Autorenversammlungen und Akademietagungen blieb er in der Regel fern. »Die wenigen Schriftstellerkongresse, an denen ich bisher teilgenommen habe, haben mich zuverlässig in ein Stimmungstief versetzt, das Wochen anhielt«, gestand er dem Leiter eines Goethe-Instituts 1993, und das war wohl keine Pose.

Trotz Nachlässigkeiten und Leerstellen zwei lesenswerte Bände

Besonders unangenehm war Jurek Becker die Überheblichkeit vieler Kritiker, allen voran des bekanntesten, was natürlich auch dem Rezensenten seiner Briefe zu denken gibt. Das kann ihn allerdings nicht davon abhalten, die beiden nachlässig bearbeiteten Ausgaben eher widerwillig zu empfehlen und sich zu wünschen, dass Beckers Briefe in Zukunft so sorgfältig und vollständig ediert werden, wie es ein Autor seines Formats verdient hat. Gerade mal sieben Jahre liegt sein Tod zurück, und die vorliegenden Bände sind hoffentlich nur ein Anfang. So gute Briefschreiber wie ihn gab es auch in der DDR wenige.

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Leseprobe I Buchbestellung 1107 LYRIKwelt © J.B./Die Zeit