Ich will ein
Buch mit dir.
Buch von Birgit
Kempker (1997, Edition Engeler).
Besprechung von Michael
Braun in der Basler Zeitung vom 28.11.1997:
Birgit Kempker: Ausser Atem. Liebessprachfragmente
«Das Schreiben», behauptet Roland Barthes in seinem Traktat «Die Lust am Text»,
ist «die Wissenschaft von Wollust der Sprache, ihr Kamasutra». Daraus ergibt
sich eine Arbeitsmaxime die für jeden Autor Geltung hat, der danach strebt, die
«Fragmente einer Sprache der Liebe» aufzuzeichnen: «Der Text, den ihr
schreibt, muß mir zeigen, daß er mich begehrt.»
Diese Sätze, markieren das Feld, das auch die Texte der Basler Autorin Birgit
Kempker ausmessen, der von Affekten, Passionen, Obsessionen und Fetischismen
aufgeladene Spannungsraum der Liebe und des Begehrens, die von den Zerreißproben
der Lust aufgewühlte Landschaft der Sprache, der «Text der Lust». Im jüngsten
Werk Birgit Kempkers, das als bibliophiles Lese-, Hör- und «Compact-Buch» bei
Urs Engeler Editor erschienen ist, formiert sich der Text der Lust als wuchernde
Verserzählung, als eine weitausgreifende lyrische Korrespondenz, in deren
Verlauf ein Ich und ein Du ihre Phantasmen der Liebe austauschen.
«Ich will ein Buch mit dir» heißt der Titel des Werks, und es entfaltet sich
darin eine heftige, um Liebe, Sehnsucht und Passion kreisende Sprachbewegung,
wobei in die Briefgeschichte der zwei Liebenden immer wieder historische
Liebesdiskurse eingeschleust werden. Die personalen, geschweige denn
biographischen Konturen der Protagonisten sind dabei nicht auszumachen. In dem
Text der Lust sprechen nicht nur zwei Liebende, er wird überlagert von anderen
Texten des Begehrens: Hinein flüstern und zetern Stimmen auch anderer Liebender
Ermahnungen erwünschter und unerwünschter Dritter - ein Maskentanz zwischen
Kleist, Hamsun und Rilke hindurch, der immer wieder zu jenen Kempkerschen
Liebesnarren aus der Gegenwart zurückführt. «Das ist unsere Aufgabe, uns
lesen», sagt das Ich an einer Stelle, und so ist es nur konsequent, daß der
Text mit einer «Legende» beginnt.
Die «Legende», die wir als erbauliche religiöse Erzählung kennen, kommt ja
eigentlich von den mittellateinischen «legenda», wörtlich: von den zu
lesenden Stücken. Die Liebenden lesen sich also gegenseitig, produzieren
gemeinsam das Buch der Liebe. Was dann in den ersten Zeilen als «Legende»
geboten wird, sind eigentlich nur Vers- und Satzköder, die, von der Autorin
ausgelegt, als kleine geheimnisvolle Chiffren in den folgenden Text einführen.
Jeder Satz der Legende kehrt im folgenden als Überschrift wieder, am Ende wird
die Legende in umgekehrter Satz-Reihenfolge wiederholt: Der letzte Vers der
Anfangs-Legende ist nun der erste, die «Legende» wird gleichsam von rückwärts
her noch mal erzählt.
Birgit Kempkers Text spricht sich frei von allen formalen oder inhaltlichen
Begrenzungen, evoziert in «atemlosen Spannungsbögen» das Wuchern des
Begehrens und die Euphorien der Liebe, ohne jedoch in die Falle irgendeiner
stereotypen Liebes-Ethik zu gehen. «Jede abgeschlossene Aussage», so heisst es
bei Roland Barthes, «läuft Gefahr ideologisch zu sein.»
Birgit Kempkers Text der Lust und des Begehrens kennt aber nur Sätze und
nichtlineare Geschichten mit offener Aussage. In ihrer antinarrativ angelegten
Verserzählung sind gleichwohl kleine Erzählkerne verborgen; die Geschichte von
Johann Nagel etwa, dem eigensinnigen Helden aus Hamsuns Roman «Mysterien», der
als «Ausländer des Daseins» durchs Leben und durch die Liebe geht; oder die
Geschichte der Schauspielerin Jean Seberg, die als junge Journalistin Patricia
Franchini im gleichnamigen Film «ausser Atem» gerät. Oder die mit
geheimnisvollen Fotos illustrierte Geschichte einer Kindheit, in der ein junges
Mädchen Rose genannt wird und beinahe ertrinkt. «Schreiben», sagt Birgit
Kempker, «ist ein Liebesversuch.» Das Maskenspiel ihres neuen literarischen
Liebesversuchs irritiert, verstört, zertrümmert die Leseroutine - aber
mobilisiert gerade dadurch «die Lust am Text».
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der Basler Zeitung]
Leseprobe I Buchbestellung 0804 LYRIKwelt © M.B./Basler Zeitung