Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten von Christian Kracht, 2008, KiWiIch werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten.
Roman von Christian Kracht (2008, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 22.10.2008:

Ein Alpenalptraum in der Schweizer Sowjetrepublik

Erst drei Romane in dreizehn Jahren haben wir von Christian Kracht, einer besser als der andere, quer zum Mainstream. Schon zu Beginn der Popliteratur hatte „Faserland" dieselbe ausgehebelt. Eine Vision islamistischen Terrors am Vorabend des 11. Septembers war „1979". Der neue Roman nun spielt nicht weniger als ein Weltmodell nach den Utopien durch. In entschlackter Marmorklippen- und Stahlgewittersprache, in Sätzen, die sich frostig, kantig und klar einfräsen, die leuchten und eine Antiwelt aus Sprache bauen.

Eine Anti-Utopie mit Lenin in der Schweiz

Kracht, deutscher Millionärssohn, geboren 1966 in der Schweiz, Weltenstreuner mit Wohnsitzen in Asien, Afrika und Buenos Aires, ist keiner, der Oberflächen abmalt. Seine Figuren sind unterwegs, um Distanz zu gewinnen zu den Ironien und Zynismen und sie in Gegenentwürfen zu unterlaufen. Dieser Roman ist wie ein Neo Rauch-Gemälde: rätselhaft, vieldimensional, herkulisch und so, dass man innere Kraft und Souveränität spürt. Das Buch ist grundiert von allgemeinen politischen Verirrungen, es führt unsere Gewissheiten ad absurdum. Das reiht sich zu den Anti-Utopien von Orwell bis Cormac McCarthy.

Wir sind in etwa in unserer Gegenwart, nur hat sich die Welt anders entwickelt. Lenin war in der Schweiz geblieben, um an den Schlaf der Welt zu rühren. Die Schweizer Sowjetrepublik der Eidgenossen führt seit 96 Jahren Krieg gegen die dekadenten Engländer und die cholerischen Deutschen. Keiner lebt, der den Frieden kennt. In Rumänien und am Schwarzen Meer stehen hindustanische Armeen, angeschlossen Sinti-Divisionen. Oben bei Minsk verläuft die koreanische Front. Die Amexikaner haben die Grenzen für immer geschlossen. Russland ist viral verseucht, Oberitalien afrikanisch verwaltet.

Afrika ist der erste Kontinent. Aus seiner Mitte wächst die Kampfreserve der Schweizer Partei. Der Ich-Erzähler stammt aus Malawi. Von alpenländischen Divisionären wurde in der Rekrutenschule sein Gehirn gewaschen. Nun ist er in Neu-Bern Parteikommissär. Seine 5. Armee hat die Stadt eingenommen. Er sucht sich Aufträge, führt sie aus, protokolliert dabei empfindungslos das Kriegsleid und pathetisch die eisstarre Natur: ein Alpenalbtraum. Hallenfluchten, groß wie Kathedralen, eiserne Fahrstuhlkörbe, an den Wänden die Schweizer Geschichte im Stil des sozialistischen Realismus. Nichts funktioniert, alles nur Propaganda. In diesem geschrumpften Ebenbild des Systems begreift der Afrikaner, um fortan ein anderer zu werden. Der Plot ist simpel, das Buch ist es nicht. Es sammelt und collagiert warnend unseren Bildervorrat. Ernst Jünger, Gothic-Novels, Sprachkritik, der Kitsch der Berge und Revolutionengeben in ihrer Synthese dieses Massiv von einem Roman. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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