Ich vertraue. Querfeldein.
Reden und Aufsätze von Martin Walser (2000, Suhrkamp)
Besprechung von Joanna Jablkowska aus Rezensionen-online "Sz":

Martin Walsers Essays, Aufsätze und Reden sind nicht so bekannt wie seine Romane, gleichwohl einige von ihnen für Interesse, Aufsehen, sogar Medienstreit gesorgt haben. Bekannt war die Bergen-Enkheim-Rede Über den Leser (1977), in der sich der Autor erstmals offen für die deutsche Einheit einsetzte, die Deutschlandrede aus dem Jahre 1988, die hauptsächlich die Teilung zum Thema hatte; nicht ohne Echo blieben seine Spiegel-Artikel Deutsche Sorgen (1993) und Über freie und unfreie Rede (1994). Zu den bekanntesten literaturwissenschaftlichen Statements des Dichters gehörten, neben seiner Dissertation über Kafka, die Frankfurter Poetikvorlesungen Selbstbewußtsein und Ironie (1981). Publizistische Texte und Essays füllen zwei Bände der 1997 erschienenen Werkausgabe.

Nun ist ein neuer Aufsatzband von Martin Walser erschienen. Er enthält sieben Texte aus den letzten zwei Jahren, die chronologisch geordnet sind. Diese Reihenfolge kann etwas irritieren, denn die berühmte Paulskirchenrede, die die Kontroverse mit Ignatz Bubis provoziert hat und eine Monate dauernde Mediendebatte auslöste, ist der zweite, nicht der erste Text des Buches. Mit diesem bescheidenen Platz der Friedenspreisrede soll signalisiert werden - so kann man es zumindest verstehen -, daß die Zeit der Aufregung um Martin Walser vorbei sei und der Dichter sich ja nicht nur Politischem und dem Zeitgeschehen widme.

In diesen Aufsätzen zeigt sich Walser als Autor, der seine Sturm-und-Drang-Zeit längst hinter sich hat und sich offen zum Konservativen bekennen darf. Wie er dies schon oft in früheren Texten getan hat, etwa in seinen Bodensee-Skizzen, deklariert er eine Abneigung gegen Zentralismen und Globalisierungen. Das Wort "hiesig" gehörte seit Jahrzehnten zu seinen Lieblingswörtern (Ich vertraue. Querfeldein).

Verlierer und Versager, auch Idealisten, die sich überfordern und von Starken und Selbstsicheren, von "Gegentypen" ausbeuten lassen, waren für Walser immer interessanter als Sieger. Der "edle" Hecker ist ein Revolutionär und Republikaner der 1848er Zeit gewesen, dem Martin Walser viel Aufmerksamkeit widmet, auch Heinrich Seuse, ein Dichter der Bodenseeregion aus dem 14. Jahrhundert, über den Walser schon Ende der 70er Jahre geschrieben hat, Robert Walser, Kafka gehören zu den "Schüchternen", die nie nein sagen können, die leiden und sich mit diesem Leiden identifizieren. Mit dem Artikel Über die Schüchternheit greift Walser noch einmal Motive aus seinen Poetikvorlesungen auf, in denen er der romantischen Ironie und dem Ironie-Begriff von Thomas Mann die Ironie als "Einübung ins Nichts", als Identifizierung mit einer Null-Rolle entgegenstellte. Seine Lieblingsdichter waren auch damals Robert Walser und Franz Kafka. Auch Hölderlin gehört zu den Autoren, über die Walser gern schreibt. Hölderlin auf dem Dachboden hieß sein früher Aufsatz aus dem Jahre 1960. Damals inspirierte ihn das Gedicht Heimkunft, das er als Junge auf dem Dachboden seines Elternhauses gefunden hat und dank dem er seine heimatliche Umgebung neu entdeckte. Vierzig Jahre später, in dem Aufsatz "Rühmliche Heimat" findet er in Mein Eigentum den Tonfall, den er immer bei Hölderlin fand: Heimatlob in der Sprache, durch die Sprache, dank der Sprache, die der Natur eine neue Bedeutung zu geben vermag.

Die persönliche Sprache, die das ausdrückt was in einem vorgeht, die Meinungen ablehnt und nicht adressiert ist oder eine Wirkung antizipiert, beschäftigt Walser in dem Aufsatz Über das Selbstgespräch, in dem er auch auf die Reaktionen auf seine Friedenspreisrede eingeht: "Mir kommt es vor, was die unwillkürliche Sprache ausdrückt, könne den und jenen mehr an seine eigene Erfahrung erinnern, als wenn er sich nur als Ziel einer adressierten Sprache erlebt" (S. 141). Das Selbstgespräch ist Walsers ideale Kommunikationsform. Und wie in seinen früheren Texten so oft der Autor noch einmal, daß uns dank der Sprache einfällt, was uns fehlt. Die Sprache sei die Antwort auf einen Mangel.

Der Band Ich vertraue. Querfeldein ist eher für alte Walser-Leser bestimmt, für diejenigen, die vertraute Töne und bekannte Motive wiederentdecken als für die, die dem Dichter zum ersten Mal begegnen wollen.

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