1.) - 2.)
Ich und
Kaminski.
Roman von Daniel
Kehlmann (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Beatrix Langner in Neue
Züricher Zeitung vom 18.03.2003:
Das Genie und das
Nichts
Daniel Kehlmanns Roman «Ich
und Kaminski»
Von der geplanten Biographie des noch lebenden Malers Manuel Kaminski, des vergessenen Surrealisten, des Zeitgenossen von Picasso und Matisse, verspricht sich ein junger Kunsthistoriker den ganz grossen Durchbruch sowie Ruhm und Geld. Er macht sich auf die Bahnreise in das kleine Bergdorf, in dem Kaminski mit seiner Tochter lebt. Als er grossspurig in Kaminskis Wohnstube tritt, kennen wir diesen Menschen so gut, dass uns der Alte schon leid tut. Der Romanheld Sebastian Zöllner ist eine Kreatur des Kunstbetriebs; ein unangenehmer Mensch, der es darauf anlegt, seine Mitmenschen durch Unhöflichkeit vor den Kopf zu stossen. Er benutzt fremde Wohnungen und fremde Leben. So will er sich auch des Malers Kaminski bemächtigen, zur Befriedigung seiner Selbstsucht. Seine Recherchen sind Lehrstücke in zynischem Pragmatismus.
Daniel Kehlmann braucht nur zwanzig Druckseiten, um die Konstellation eines ungleichen Duells zu gründen: ein egozentrischer, subalterner Intellekt gegen das schöpferische Genie, eine unsichere, fremden Meinungen unterworfene, parasitäre Existenz gegen die Autorität eines Lebenswerks, das sich vollendet hat und zu sich selbst zurückgekehrt ist, jenseits der Öffentlichkeit, in der zeitentrückten Stille des nahen Todes.
Daniel Kehlmann erzählt diese Geschichte in der ersten Person, aus der Perspektive des jungen Mannes. Das ermöglicht seinem Roman eine grossartige Tiefenschärfe. Die Oberfläche aber, die Sprache ist von polierter Härte; sie desavouiert den Erzähler, ohne dass sie ihn denunzieren muss. Zöllners Selbstwahrnehmung wird in seiner fatalen Unangemessenheit und Hybris gespiegelt in den Reaktionen der Menschen, denen er auf die Nerven geht. Er merkt davon nichts. Nicht einmal, dass seinem Gegenspieler, dem vergessenen Avantgardisten, dieser windige Biograph nicht so unwillkommen ist, wie es auf den ersten Blick aussieht. Bei seinem Wildern im fremden Leben hat er Kaminskis Jugendliebe aufgestöbert. Kaminski, fast blind und altersschwach, beschliesst, sie mit Zöllners Hilfe aufzusuchen. Der junge und der alte Mann, der Mediokre und das Genie, brechen zu einer Autofahrt Richtung Norden auf. Am Ende dieser Reise in die Erinnerung voller Kuriositäten, komödiantischer Wendungen, und grimmiger Menschenkenntnis hat das Leben den Biographen und die Kunst den Kunstbetrieb überlistet. Zöllner (der Name ist sprechend) hat nicht Kaminski, sondern dieser ihn übertölpelt. Ein anderer als Zöllner wird die Biographie schreiben, und er wird das willfährige Werkzeug eines Genies sein, dessen Avantgardismus so selbsternannt ist wie das Sendungsbewusstsein seines Biographen eitel. Seinen Ruhm verdankt Kaminski einem einzigen Sachverhalt: der grosse Claes Oldenburg hat ihn einmal ausgestellt. Am Ende steht etwas wie Zuneigung zwischen dem listigen alten Mann und dem Adepten; die Begegnung endet mit einem Unentschieden.
Das Buch hat die Spannung eines guten Kriminalromans, aber die Indizienketten liegen hier offen in den Gesichtern und Gesten der Figuren. Daniel Kehlmann ist ein überaus klarer und konzentrierter Erzähler. Ihn interessiert die Poetizität eines Stoffes, das heisst, seine Eignung, im Sichtbaren das Nicht-Sichtbare, im Wirklichen die Transzendenz des immerhin Möglichen zu transportieren. In den ersten drei Romanen waren es noch surreale Phantasien, die den Helden die übersinnliche Erfahrung von Zeit, Tod, Identität ermöglichten. Der vierte Roman des 1975 geborenen Daniel Kehlmann braucht nicht mehr die Grenzerfahrung von Unglücksfällen, magischen Entrückungen. Die Mythen des Kunstmarkts treiben blühende Lebenslügen hervor, denen der Biograph und das Objekt seiner Begierde gleichermassen huldigen... Fortsetzung
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Leseprobe I Buchbestellung 0403 LYRIKwelt © NZZ
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2.)
Ich und
Kaminski.
Roman von Daniel
Kehlmann (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Anita
Pollak bei buecherservice.at
vom 22.3.2003 (Kurier):
Wenn Daniel
Kehlmann heute bei der Leipziger
Buchmesse aus seinem neuen Roman liest, so nicht als österreichisches
Nachwuchstalent, sondern als arrivierter Suhrkamp-Autor. Lesungen, Interviews,
öffentliche Auftritte, als das nimmt der erst 28-Jährige gelassen und
routiniert hin. Bereits seit sechs Jahren legt er erfolgreich ein Buch nach dem
anderen vor, doch erst jetzt wird ihm vom jubelnden deutschen Feuilleton das
„Wunderkind“ umgehängt.
„In meinem Alter hat Schiller
,Kabale und Liebe’ geschrieben, so jung bin ich gar nicht mehr“, stellt
Kehlmann, der sich unbefangen aus der Literatur- und Philosophiegeschichte
bedient, ohne Koketterie, aber auch ohne falsche Bescheidenheit fest. Als Autor
fühlt er sich Nabokov,
Borges und Calvino
verwandt und irgendwann möchte er doch auch seine Doktorarbeit über Kant zu
Ende führen, falls das mit der Schriftstellerei nicht so gut weiter geht –
wofür es keinerlei Anzeichen gibt.
Rollenspiele
Hat er sich mit seinen ersten Büchern das zweifelhafte Lob des
„Altmeisterlichen“ eingehandelt, scheint er sich mit seinem jüngsten Roman
„Ich und Kaminski“ davon frei geschrieben zu haben. Er ist stilistisch jünger
geworden, sprachlich lockerer, souveräner und eleganter. Und obwohl man beim
Lesen nicht unbedingt an einen so jungen Autor denkt, hat seine frühere
Altklugheit einer erfreulichen Ironie, einem spielerischen Element Platz
gemacht.
„Mich reizt am Schreiben das Rollenspiel, das Ausprobieren von Geschichten und
Lebensläufen, die nicht die meinen sind, aber natürlich etwas mit mir zu tun
haben“, wobei er sich auf Max
Frisch beruft, denn „man kommt übers Lesen zum Schreiben“.
Im konkreten Fall kam Kehlmann übers Lesen von Biografien zu seiner frei
erfundenen Geschichte vom alten Maler Kaminski und dessen Biografen, dem
Kunstkritiker Sebastian Zöllner. In seiner Selbstüberschätzung, seiner
aufdringlichen Eindringlichkeit, seinem Opportunismus, seiner eitlen
Selbstbespiegelung ist dieser Zöllner recht unsympathisch und ein
unsympathischer Ich-Erzähler ist immer ein erzählerisches Risiko.
„Dieses Risiko bin ich bewusst eingegangen, denn in diesem Ansatz liegt die
Komik und ich wollte ein Buch mit dem Ton aggressiver Komik schreiben. Dieses
seltsame Spannungsverhältnis vom Biografen zu seinem lebenden Objekt, diese
gegenseitige Manipulation hat mich interessiert. Außerdem wollte ich etwas über
einen Maler machen und so haben sich beide Ideen verbunden.“
Wer wen manipuliert bzw. an der Nase herum führt, das bleibt unentschieden. Zöllners
mit großem persönlichen und finanziellem Einsatz geführte Recherche
zerschellt an der Mauer, die um den als blind berühmt gewordenen Maler
errichtet worden ist. Als er glaubt mit ihm ausgebrochen zu sein, findet er in
dem Alten ( ist er wirklich blind? ) seinen Meister. „Sie müssen früher
schalten“ erklärt Kaminski vieldeutig seinem Entführer, den er zu seinem
Chauffeur gemacht hat. Zöllners Hoffnung mit Kaminskis Biografie Karriere zu
machen, endet im Fiasko, gibt aber umso mehr Anlass zu Persiflage und Satire des
Kunst -und Medienbetriebs, den Kehlmann aber nur als Nebenschauplatz betrachtet.
„Das war kein Schreibanreiz, ich persönlich bin ja immer gut behandelt
worden. “
Aus persönlichen Verletzungen heraus zu schreiben, das lehnt Kehlmann ab.
„Wenn man persönliche Verletzungen in Büchern bewältigt, nützt man den
Leser als Publikum seiner privaten Therapie aus, das hat fast was
Unmoralisches“.
Und was Unmoralisches, das würde Kehlmann sicherlich nie schreiben. Deshalb lässt
er zu guter letzt sogar den großkotzigen Biografen noch zu einem Menschen
werden, mit dem man beinah Mitleid hat. Denn: „Das muss man Zöllner
zubilligen“.
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