...ich stellte mich unter,ich machte mich klein... Wolfgang Koeppen (2001, Stroemfeld)...ich stellte mich unter, ich machte mich klein... Wolfgang Koeppen
Bericht von Jörg Döring (2001, Stroemfeld).
Besprechung von Sven Hanuschek in der Frankfurter Rundschau, 16.3.2002.

Ein Mädchen vom Mars - das war's
Jörg Döring weiß Neues über Wolfgang Koeppen in den Jahren zwischen 1933 und 1948

"Ich liebte ein Mädchen in Lichterfelde / Die lebte zu lange von meinem Gelde / Ich liebte ein Mädchen in Wannsee / Die konnt kein' nackten Mann sehn" und so fort, durch schätzungsweise 40 verschiedene Mädchen und Lokalitäten sang sich Ingo Insterburg in den frühen 70ern, als Wolfgang Koeppen an Jugend schrieb. Damit hat Insterburg ein grundlegendes Prinzip literarischer Texte im Unterschied zu Sachtexten illustriert: Sie sind nicht im wörtlichen Sinne wahr; sie geben das mehr oder minder subtil auch zu verstehen ("Ich liebte ein Mädchen aus Mainz / Die war gar keins"); sie sind vieldeutig, regen die Phantasie an und sind geschätzt, vielleicht wegen ihres Unterhaltungswerts, vielleicht, weil sie als Sprachspiel deutlicher oder grotesker oder übertriebener werden können als das übliche Wirkliche Leben.

Koeppen ist zu Lebzeiten förmlich zu Tode porträtiert worden, von neuem mit jedem der paarunddreißig Literaturpreise, die er erhielt, als sein Werk zum größten Teil abgeschlossen war. Die Preise haben ihn weder beschwingt noch korrumpiert, seine Werke blieben wenige, außerdem kurz, düster, nihilistisch, heimatlos und was der beliebten Epitheta mehr sind; wuchernde, heillose Assoziationen in einer Sprache, an der man sich betrinken kann wie an ein paar Lyrikern oder an Arno Schmidt. Koeppen hat verhältnismäßig viele Interviews gegeben, die er zu einer schweifenden, sinnlichen Kunstform ausgebaut hat; und hier ist immer wieder von seinem Leben die Rede, als sei's ein Werk der Literatur: in immer neuen Variationen über dieselben Zeitabschnitte und Ereignisse. Er hat sich offenbar nicht gern gelangweilt in Interviews. Besonders in seinen Jahren im Dritten Reich war nie so ganz klar, wo die Wirklichkeit aufhörte und die Fiktionen begannen.

Als Eulenspiegel oder Schwejk hätte er sich gern gesehen: Ein Reisender, der seiner unglücklichen Liebe nach Italien nachreiste; ein Emigrant in den Niederlanden, der seinen Berliner Freunden gefolgt war; bei Erika Manns "Pfeffermühle" kannte er ein Mädchen, für die er eine Scene schrieb; ein Heimkehrer aus Den Haag kurz vor dem Krieg, der sich beim Film unterstellen konnte. Seine Drehbücher seien zu schlecht zum Verfilmen gewesen, aber gut genug, dass ihn die Filmgewaltigen weiterbeschäftigten. Die letzten beiden Kriegsjahre wollte er im Untergrund gelebt haben, in Feldafing am Starnberger See. Bekanntlich gibt es dort heute noch keine Untergrund-, man muss mit der Schnellbahn fahren, aber Koeppens Geschichte ist lustig: Der Hotelbesitzer habe ihn in den Keller gesperrt, als er nicht mehr zahlen konnte, bei rohen Kartoffeln, bis Kriegsende.

Jetzt hat Jörg Döring eine Studie vorgelegt, die über Koeppens Jahre zwischen dem Erstling Eine unglückliche Liebe (1934) und Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch (1948) kaum noch Fragen offen lässt. Statt der vielfältigen und widersprüchlichen Aussagen des Autors wissen wir jetzt genau, in welchem sozialen Netz mit immer wieder erstaunlichen Verbindungen und Kontinuitäten Koeppen sich bewegte. Döring hat viele Zeitzeuginnen ausfindig gemacht, ein ungetrübtes Biographenglück: Koeppens unglückliche Liebe, die Schauspielerin Sybille Schloß, konnte er in New York noch sprechen, eine 90jährige Emigrantin inzwischen. Sie ist dasselbe Mädchen, für die er den Pfeffermühlen-Monolog geschrieben hat. Einer ihrer glücklicheren Liebhaber, Herbert Kluger, wird nach dem Krieg Verleger der Aufzeichnungen aus einem Erdloch sein. Am Keller in Feldafing war ein Mädchen schuld, die schenkte ihm dann seine Huld, nämlich Marion Ulrich, seine spätere Frau; der Keller war ein Souterrainzimmer mit Seeblick, in dem er mit der Geliebten lebte, die ihn als Schwägerin des Hoteliers sicherlich nicht nur mit rohen Kartoffeln versorgt hat. Und er war statt im Untergrund vier Monate beim Volkssturm in Feldafing.

Wolfgang Koeppens berufliche Vita fügt sich gut in das Gesamtbild von Künstlern, die in Deutschland versuchten, den Nationalsozialismus zu überleben - ohne Kompromisse ging's dabei nicht ab. Döring kann zeigen, dass Koeppens Äußerungen durchweg mit Weichzeichner bearbeitet sind; seine Wege waren nicht ganz so vorbildlich schwejkisch und eulenspiegelisch, wie er das im Rückblick gern gehabt hätte. Für seinen zweiten Roman Die Mauer schwankt (1935), von dem er später nie recht überzeugt war, hatte er ursprünglich den Titel Die Pflicht und die Strenge vorgesehen, der tatsächliche stammt von seinem Lektor. Sein Protest gegen die Titeländerung der Zweitauflage in Die Pflicht war also etwas heuchlerisch. Er hat zahlreiche obskure Drehbücher und Handlungsaufrisse verfasst, mit Namen wie "Rosi und die Philosophen", "Pflicht und Leidenschaft", "Der Weibsteufel". Davon konnte er gut leben, und er hat nie erzählt, dass einer seiner Beiträge für "unpolitische, dumme Filme" tatsächlich realisiert worden ist, eine schönfärberische NS-Fassung von Gottfried Kellers "Romeo und Julia auf dem Dorfe". Am Drehbuch sind neben Koeppen allerdings noch zwei weitere Autoren beteiligt gewesen.

Döring liefert keinen öden journalistischen Biographismus, sondern analysiert zugleich Koeppens Arbeiten; am grundlegendsten ist sein systematischer Vergleich der originalen Aufzeichnungen Jakob Littners mit Koeppens umstrittenem Text. Er hat genauer hingesehen als die bisherige Forschung, und er verteidigt Koeppens Fassung bei allen Ambivalenzen als "Dokumentar-Fiktion". Viele der Literarisierungen stammen von Littner, Koeppen hat sie dankbar aufgegriffen und ausgebaut. Er hat seine Vorlage stark inhaltlich und stilistisch bearbeitet, Littners rassistische Ausrutscher ebenso getilgt wie seine übergroße Frömmigkeit und Versöhnlichkeit zurückgenommen - eine weitgehende Fiktionalisierung des authentischen Charakters. Döring kann nachweisen, dass es sich um eine "mutwillige - teils nachvollziehbare, mitunter auch symptomatisch tendenziöse - Umarbeitung einer korrekturbedürftigen Textvorlage" handelt.

Als "unanständig" bezeichnet er aber, die einzige deutlich moralische Wertung Dörings, das Vorwort Koeppens von 1992, in dem er sich zum Sprachrohr eines angeblich verstummten Opfers macht und die Existenz des Originalmanuskripts auf drei Blätter mit Notizen des Verlegers verkleinert.

Das sind nur wenige aus der Fülle von neuen Details mitsamt ihrer Konsequenzen, die Döring ermittelt und analysiert hat, ausgehend von der Hauptquelle des Nachlasses. Sie machen deutlich, wie geschickt Koeppen mit den NS-Behörden, mit seinen privaten Beziehungen jongliert haben muss. So verbindlich, so hilflos fast, wie er sich gab, kann er nicht gewesen sein. Er war kein Opfer des nationalsozialistischen Regimes, freilich auch kein übermäßiger Opportunist. Seine Kompromisse sind im Vergleich zu anderen seiner Generation harmlos, hat er sich doch in seinen Hauptwerken, die mit Tauben im Gras (1951) einsetzen, nie zur moralischen Instanz erklärt. Seine Verwicklungen haben aber offensichtlich ausgereicht, eine gültige Niederschrift des "Lebensromans" dieser Zeit zu verhindern; der umfangreiche Nachlassband Auf dem Phantasieross (2000) zeigt, wie besessen Koeppen seine Arbeiten immer wieder umschrieb, neu schrieb, Bruchstücke, die sich nicht mehr zusammenfügen ließen. Döring hat Koeppens disparaten-desperaten Lebensroman für diese Jahre nachgeliefert, detailfreudig, nüchtern und freundlicherweise ohne erhobenen Zeigefinger.

Zurück zu Insterburg: Koeppen hat literarische Funken aus seinem Desaster schlagen können; das Elend der Germanisten ist, dass sie an Einlinigkeit, an eindeutige Rekonstruktion gekettet bleiben. Döring mag das Defizit empfunden haben, und so versucht er ein Schlusskapitelchen nach der Devise "Ich liebte ein Mädchen vom Mars / Das war's": Nach der schieren Fülle an Daten und Analysen Koeppens Lebensroman-Stoff narrativ, auf wenigen Seiten und leider nicht von Koeppen.

Wie viel auch noch über Koeppens spätere Werke zu erwarten ist, zeigt das erste Jahrbuch der Internationalen Koeppen-Gesellschaft. Wie bei Döring gibt es dort biographische Zusammenhänge in aufwendigen Recherchen, vor allem zu den frühen Jahren in Ortelsburg; Koeppen-Bestände außerhalb des Greifswalder Nachlasses werden umfassend aufgearbeitet; vor allem wird das Werk von verschiedenen Seiten beleuchtet. So wird etwa gezeigt, wieviel Marcel Proust Koeppen als Spiegelfigur bedeutet hat; und es wird auf Koeppens verqueren Humor, seinen Sinn für Groteskes hingewiesen, ohne den man Der Tod in Rom (1954) heute wohl als Schwarzen Kitsch lesen könnte. Kurz, ein vielversprechender Anfang.

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