Ich steh auf den Treppen des Winds von Rolf Bossert, 2006, Schöffling

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Ich steh auf den Treppen des Winds.
Gesammelte Gedichte von Rolf Bossert (2006, Schöffling&Co., hrsg. von Gerhardt Csejka).
Besprechung von Michael Braun in freitag vom 17.3.2006:

Verletztes Lied
FATALISTISCH: Zur Wiederentdeckung des rumäniendeutschen Dichters Rolf Bossert

Vor ihrem großen Exodus versammelten sich die Dichter noch einmal in ihrem privaten Refugium. Ein Hauch von Bohème und utopischem Hochgefühl lag über der kleinen Schar der rumäniendeutschen Schriftsteller, die da in den späten Siebzigern in einem improvisierten literarischen Salon zusammentrafen. Von diesen Augenblicken einer kühnen Zuversicht berichtet ein Gedicht Rolf Bosserts, der suggestivsten poetischen Stimme aus diesem Lyriker-Kreis. "gerhardt hatte uns kaffee versprochen, er /hielt ihn auch". So beginnt das Gedicht, ein Text in sehr kolloquialem Ton, der das gesellige Gespräch der Dichter ästhetisch fortsetzen will.

Hinter Gerhardt, dem Gastgeber des Salons, verbirgt sich offenbar der Kritiker und Lektor Gerhardt Csejka, der seine rumäniendeutschen Dichterfreunde mit einem in der Mangelgesellschaft seltenen Getränk versorgt. Nicht nur der Kaffee, auch die neuesten Pläne werden herumgereicht: Übersetzungs-Projekte, Dichter-Anekdoten, Märchen, Jazz-Musik weht heran. Schließlich verlässt einer die Dichterrunde, um Wein zu organisieren. Die Schlusszeile des Gedichts lautet: "Später tranken wir auf die Zukunft in Bukarest". Diese Zukunft, die hier einem Trinkspruch anvertraut wird, konnte dann nicht mehr stattfinden. Das Kollektiv literarischer Dissidenten, das den Autoren der so genannten "Aktionsgruppe Banat" für ein paar Jahre Zuflucht und Perspektive geboten hatte, zerfiel, die Reste wurden durch staatliche Intervention gesprengt. Der Traum vom Dichter als "sanftem Guerillero", wie ihn Bosserts Kollege Richard Wagner in Umlauf gebracht hatte, war zu Ende. Was blieb, waren demütigende Ausreiseprozeduren. Herta Müller, Richard Wagner, Werner Söllner, Johann Lippet verließen als "Reisende auf einem Bein" (Herta Müller) ihr Land und gingen in die Bundesrepublik. Rolf Bossert trat die lange Reise im Dezember 1985 an. Ein Foto aus diesen Tagen zeigt ihn in fröhlicher Ausgelassenheit auf einem Schriftsteller-Colloquium in Berlin, an dem er im Februar 1986 teilnahm. Wenige Tage später sprang er, gerade mal 33 Jahre alt, in Frankfurt aus dem Fenster eines Aussiedlerheims.

Als die Namen der so genannten rumäniendeutschen Schriftsteller Anfang der achtziger Jahre in westdeutschen Feuilletons auftauchten, lag die deutsche Minderheitenkultur in Südosteuropa schon in tiefer Agonie. Bei der deutschsprachigen Bevölkerung in Rumänien, rund 300.000 Menschen, hatte in den Jahren zuvor eine große Emigrationswelle eingesetzt, auch große Teile der literarischen Intelligenz, Autoren wie Oskar Pastior, Dieter Schlesak und Ernest Wichner, hatten das Land bereits verlassen. Rolf Bossert, der Deutschlehrer aus der Kleinstadt Busteni im Karpatengebirge, war als Poet noch 1980 von den literarischen Institutionen des rumänischen Sozialismus hofiert und mit Preisen ausgezeichnet worden. Kaum war er nach Bukarest gekommen, um zunächst die Programmleitung im Kulturhaus "Friedrich Schiller" und danach das Lektorat in den Literaturverlagen der deutschen Minderheit zu übernehmen, tat sich schmerzhaft jener Riss zwischen Staatsästhetik und poetischem Autonomieverlangen auf, der nicht mehr zu kitten war.

Rolf Bossert, der in seinen ersten Texten viel mit traditionellen Liedformen und Kinderreimen experimentiert hatte, trieb nun den poetischen Fatalismus immer weiter voran. Mit fortschreitender Differenzierung seiner ästhetischen Mittel kam es zum großen Crash mit den Instanzen der Macht. 1984 stellte Bossert für sich, seine Frau Gudrun und seine zwei Kinder den Antrag auf Ausreise - und es begann der große Spießrutenlauf durch die Korridore der Despotie. Bossert verlor seine Arbeit als Lektor, seine Bücher wurden aus den rumänischen Bibliotheken entfernt, sein Name aus den Annalen der ansonsten verdienstvollen Zeitschrift Neue Literatur gestrichen. In den nicht mal zwei Jahren, die ihm noch blieben, schrieb er seine intensivsten und verstörendsten Gedichte: Gedichte, die sein Verfahren der schroffen Fügung, elliptischen Verknappung und poetischen Engführung immer mehr radikalisierten.

Sein zweiter Gedichtband Neuntöter, der im Jahr des Ausreiseantrags erschien, spricht schon von der Erstickung des Poetischen im Land des großen Conducators Nicolae Ceausescu: "Wer noch ein Lied hat, / greift sich an den Kehlkopf: ohne / ersichtlichen Grund." Es sind diese Gedichte aus den Jahren 1980-1985, die mit ihrer bitteren Lakonie und schmerzhaften Sinnlichkeit das eindringlichste Bild der rumäniendeutschen Verhältnisse zeichnen, das uns in zeitgenössischer Poesie überliefert ist. Es sind Gedichte, scharf von Erkenntnis und streng im Exerzitium der Form, die auch nach über 20 Jahren keinerlei Patina angesetzt haben. Es sind Verse, die von Verletzungen sprechen, von einer unmittelbaren körperlichen Gewalt, die Bossert und seine Freunde durch die Securitate, den notorisch brutalen Geheimdienst, am eigenen Leib erlebten. Zu Bosserts Gedichten, die bleiben werden, gehört auch das "Verletzte Lied": "Mein Auge blieb weg, so / Gabs keinen Schlag. Wer / Rührte mich an: der / Mitternachtstag. Die Knie // Ein Scharnier sind / sauber geölt. Ich / Stürze aufs Pflaster und / Fall auf die Welt. Die Kälte / Schneidet den Kiefer / Entzwei. Jetzt wohnt mir im Mund / Ein singender Brei. Das Auge". Diese Metapher des Auges bildet zusammen mit den Topiken von Schnee und Eis die Motivkerne seiner späten Gedichte.

Kurz nach Rolf Bosserts Tod war 1986 unter dem trefflichen Titel Auf der Milchstraße wieder kein Licht eine erste Auswahl seiner Gedichte im Rotbuch Verlag erschienen. Da es sich nur um rund 80 Texte hauptsächlich aus dem Band Neuntöter handelte, ergänzt um einige späte Gedichte, legten seine Dichterfreunde alsbald ein Versprechen ab: "Es bleibt noch vieles nachzutragen." Dieses Versprechen ist jetzt, zwanzig Jahre danach, eingelöst worden durch die nahezu vollständige Ausgabe seiner Gesammelten Gedichte, die Gerhardt Csejka für den Verlag Schöffling & Co. zusammengestellt hat. Diese neue Ausgabe macht nun die erstaunlichen Entwicklungssprünge und Metamorphosen des Dichters Rolf Bossert fassbar, die er in nur einem Dutzend Jahren vollzogen hat.

Die bislang unveröffentlichten Gedichte des ersten Teils zeigen den Autor als listigen Gaukler, der sich mit Eulenspiegeleien und Wortspielereien in Brechtischer Tradition politisch exponiert. Eine bislang unbekannte Seite des Dichters Rolf Bossert, sein beträchtliches Talent zur Leichtigkeit und Selbstironie, offenbaren die hintersinnigen Kinder-Gedichte, in denen der Autor noch weit entfernt ist von Bitterkeit und Fatalismus. Die wirklich substanziellen Gedichte finden sich dann aber erst ab 1979, wenn Bossert zu harten Bild-Brüchen und Negationen übergeht. Wer sich für die Genese der Bossertschen Poetik en détail interessiert, dem ermöglichen die 340 Seiten der Gesammelten Gedichte viele neue Entdeckungen. Fairerweise muss man aber zugeben, dass bereits die alte, nur noch antiquarisch greifbare Rotbuch-Auswahl die wirklich "hinterlassungsfähigen" Gedichte des Lyrikers Rolf Bossert in konzentrierter Form dokumentiert hat. Den Wendepunkt im literarischen Leben des Rolf Bossert markiert im übrigen das Auftakt-Gedicht des Bandes siebensachen, ein "Selbstporträt" als Zweizeiler, in den sich die Tragödie des Dichters eingeschrieben hat: "Ich schreib mir das Leben / her, schreib mir das Leben weg." Das Ich hat sich an die Schrift gebunden - eine Entscheidung, die in zwei Richtungen führt: auf den Weg der Rettung und den der Selbstauslöschung.

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Ich steh auf den Treppen des Winds von Rolf Bossert, 2006, Schöffling2.)

Ich steh auf den Treppen des Winds.
Gesammelte Gedichte von Rolf Bossert (2006, Schöffling&Co., hrsg. von Gerhardt Csejka).
Besprechung von Jan Wagner in der Frankfurter Rundschau, 16.8.2006:

Hey Jonas, heute ist's sonnig im Wal
Trauriges Jubiläum, zwanzig Jahre nach seinem Tod: Der Banater Dichter Rolf Bossert in einer schönen Ausgabe

Wie es gewesen sein mag, im Rumänien Ceausescus die Existenz eines Schriftstellers zu führen, von der Zensur entmündigt, ständig von der allgegenwärtigen Securitate und dem Berufsverbot bedroht zu werden - es lässt sich wohl im Freiraum eines beliebigen heutigen Arbeitszimmers, mag es auch klein oder unbeheizt sein, kaum nachvollziehen, höchstens erahnen, sofern man die Zeugenaussagen direkt Betroffener zu Hilfe nimmt. Und wie erst, wenn man überdies einer sprachlichen und kulturellen Minderheit angehörte, deren Leserschaft im Inland klein oder aber, wenn es sie denn in Deutschland, Österreich und der Schweiz überhaupt gab, nur äußerst schwer erreichbar war.

Eine ganze Reihe der deutschsprachigen Autoren aus dem Banat hat es seit ihrer Ausreise aus dem sozialistischen Rumänien, seit dem Zusammenbruch des Regimes, zu großer Bekanntheit gebracht - Namen wie Herta Müller, Oskar Pastior, Rainer Kirsch, Klaus Hensel, Werner Söllner und Ernest Wichner sprechen für sich. Nicht gilt dies für den Dichter Rolf Bossert, der am 17. Februar 1986 im Alter von nur dreiunddreißig Jahren in Frankfurt am Main starb, wenn auch die Widmungen, die er seinen Gedichten voranstellte, von enger Freundschaft mit vielen der genannten Autoren zeugen - wenn die Verse nicht gerade launig "dem scheißwetter und nur ihm" zugeeignet sind.

Wie andere rumäniendeutsche Autoren, etwa Richard Wagner und Johann Lippet, gehörte auch Bossert der sogenannten "Aktionsgruppe Banat" an, die sich einer Literatur des Engagements verschrieben hatte: ein Programm, das die Obrigkeit misstrauisch machen musste. Zunächst aber konnte Bossert - nach einem Germanistikstudium in Bukarest, nach seiner Heirat und der Geburt zweier Söhne - seine Gedichte vergleichsweise unbehelligt veröffentlichen. Während er in einem Kulturhaus, später als Verlagslektor arbeitete, erschien sein erster Gedichtband, der, wie wenig später ein Kinderbuch, preisgekrönt wurde, und auch ein zweiter Gedichtband konnte noch in Rumänien erscheinen. Der Druck aber und die Bedrohung durch die Geheimpolizei nahmen stetig zu - und wurden manifest, als Bossert nach einem Restaurantbesuch von Unbekannten brutal zusammengeschlagen wurde und stationär behandelt werden musste. Als die Familie 1984 einen Ausreiseantrag stellte, war der Bruch endgültig vollzogen, jegliche Publikation fortan untersagt und das Leben bis zur Ankunft in Frankfurt durch qualvolles Warten, ständige Schikanen und Durchsuchungen geprägt. Nur zwei Monate nach der glücklichen Ausreise, nach vielversprechenden ersten Lesungen in Berlin, fand man Bosserts leblosen Körper frühmorgens vor seiner Frankfurter Unterkunft: Selbstmord durch einen Sprung aus dem Fenster, so die offizielle Todesursache.

Zwanzig Jahre nach seinem Tod werden die Gedichte dieses noch immer unbekannten Vertreters der rumäniendeutschen Literatur einer breiteren Leserschaft in einem kompakten Band zugänglich gemacht - ein Andenken zu einem traurigen Jubiläum. Die weitgehend chronologische Anordnung der Texte lässt Bosserts dichterische Entwicklung nachvollziehen und, gerade hinsichtlich der späteren Gedichte, erahnen, was noch zu erwarten gewesen wäre. Dabei sind keinesfalls alle Texte gleichermaßen überzeugend. Doch selbst ein Gelegenheitsreim wie "Pershing II" auf "Frühstücksei" hat als blasseres Teilchen seinen Platz im Mosaik, ist immerhin von dokumentarischem Interesse und in jedem Fall ein Beispiel für die große stilistische Bandbreite der Bossertschen Gedichte, die sich des subversiven idiomatischen Wortspiels genauso bedienen wie der Bündigkeit eines Haikus oder einer kreuzgereimten, liedhaften Strophenform: "Wir sitzen in Städten in Osten./ Man macht Poesie./ Und während die Schreibfedern rosten/ Erklärt sich der Krug zum Genie", wie es in dem Gedicht "Gartenlokal" leicht schunkelnd heißt.

Bosserts Gedichte bewegen sich in einem Spannungsfeld, als dessen extreme und höchst gegensätzliche Pole sich Brecht und Celan ausmachen ließen. An jenen erinnert nicht nur der Ton der späteren Verse, deren prägnante Bildlichkeit ("Dieser Schlaf/ ist wie Milch auf dem Pflaster") in zunehmend komplexe Texte eingewebt ist. In dem Gedicht "Reise" scheint Bossert gar direkt auf das Vorbild und dessen Biographie Bezug zu nehmen, ja den Dichter, der sich in Paris das Leben nahm, anzureden: "Flüstere mir ins Aug/ deinen Blick auf die braune Seine./ Die Welle des Jahres Siebzig,/ kreist sie noch um das splitternde Wort/ aus dem Krankenland/ mit den Buchen?" Doch auch Beispiele für "Gebrauchsgedichte" im Sinne Brechts (dem ein frühes Poem "dankbar zugeeignet" ist) finden sich zwischen den späten Versen immer wieder, Gedichte über "diesen real, ach, existierenden/ Schnee". Und wenn nur eine Zeile weiter von den "Knusperhäuschen des Widerstands" die Rede ist, so fehlt auch der verzweifelte Humor nicht, der in vielen Texten der späten siebziger und frühen achtziger Jahre aufblitzte: "die schweine drängen sich in die würste", liest man da, noch in konsequenter Kleinschreibung, oder stößt auf den herrlich trotzigen Ausruf "Noch ein Bier, Jonas, heute/ ists sonnig im Wal!".

Selbst in solchen Gedichten aber, die sich mit Fug und Recht als hermetisch bezeichnen ließen, ist der im Alltag wurzelnde Schreibanlass, der Bezug zum persönlichen Erleben, vor allem aber der zur gesellschaftlichen Realität unübersehbar. So erlaubt in dem Gedicht "Neuntöter", das Bosserts zweitem Gedichtband den Titel gab, jener Singvogel aus der Familie der Würger, der die Eigenart hat, seine Opfer vor dem Verzehr auf Dornen aufzuspießen, einen Rückgriff auf den wohl berühmtesten aller Rumänen - und zugleich auf das Land Ceausescus, das Bossert verlassen durfte und dem er doch nicht entkam: "So stürzt/ aus der braunen Grotte/ Vogel der Pfähler,/ glaubt mirs:/ Draculas Großneffe weint/ um die alte Heimat."

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