Ich schneie.
Roman von Pavel
Kohout (1998, Knaus).
Besprechung von Ulrich
Karger, Berlin:
Nach der "sanften
Revolution" kehrt der Ökonomieprofessor Viktor Král aus dem Exil zurück und wird
Regierungsberater. Er ist nach wie vor die große Liebe der Pragerin Petra Márová. Die
üblichen Ablösungsprobleme mit ihrer mittlerweile 17-jährigen Tochter sowie die bis
dahin gesammelten Männerbekanntschaften stehen einer Erneuerung dieser leidenschaftlichen
Beziehung nicht im Wege - schon eher die Ehe Viktors mit einer wesentlich jüngeren Frau
und deren gemeinsames kleines Kind. Aber auch damit hätte Petra Márová gut umgehen
können, wäre da nicht ein neuerlicher Schatten aus der Vergangenheit aufgetaucht:
Viktors Name wird im Agentenregister des alten Regimes gefunden.
Ein anderer Verehrer von Petra war Major der Staatssicherheit, der früher Dissidenten
geschützt haben will. Er gesteht, Viktor ohne sein Wissen in das Register eingetragen zu
haben, um ihm die Ausreise zu ermöglichen. Später behauptet er sogar, Viktor sei
tatsächlich ein geheimer Informant gewesen. Einer der beiden Männer lügt, aber wer?
Mit Petra Márová hat Pavel Kohout eine nicht nur in ihrer Lebens-und Liebeslust üppige
Figur geschaffen. Diese spontane und ihre Spontaneität verfluchende Ich-Erzählerin
erscheint von der ersten Zeile an glaubhaft. Als Rivalin ganz Frau, mit gesundem
Menschenverstand und einem ungetrübten Verhältnis zur Sexualität ausgezeichnet, kämpft
sie jeden Tag aufs Neue gegen ihre eigenen Widersprüche und Unzulänglichkeiten an. Sie
hat Prinzipien, aber diese hat sie als (hervorragend übersetzte) Tschechin, die vor den
Prinzipien zuallererst ihr Herz sprechen läßt. So könnte sie sich durchaus Situationen
vorstellen, in denen ihr Viktor der Staatssicherheit gegenüber hätte schwach werden
dürfen, ohne daß sie ihm deshalb ihre Liebe versagt hätte. Aber dafür verlangt sie
auch lieber früher als später rückhaltlose Offenheit. Auf Dauer mit einer Lüge leben,
das kann Petra Márová nicht.
Pavel Kohout hat einen furiosen Liebesthriller geschaffen, der in seiner kurzweiligen
(Selbst-)Ironie eine hilfreiche Übersetzung des sperrigen Begriffes
"Vergangenheitsbewältigung jüngster Geschichte" zu leisten vermag und eine/n
jede/n berühren müßte.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.buechernachlese.de.vu]
Leseprobe I Buchbestellung 0901 LYRIKwelt © Ulrich Karger