Ich
reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot.
Erzählung von Josef
Winkler (2008, Suhrkamp).
Besprechung von Katrin Hillgruber in der Frankfurter
Rundschau, 30.12.2008:
Ausgerechnet an Allerheiligen erhielt Josef Winkler in diesem Jahr den Georg-Büchner-Preis. Oft schon hat der selbsternannte "Knochensammler" den Feiertag der toten Seelen beschrieben, an dem diese bis Mitternacht Ausgang aus ihren Gräbern erhalten. So auch in seinem neuesten Buch, einem schmalen Brevier von elf Reiseerzählungen mit dem ungewöhnlichen Titel "Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot."
Auch der Umschlag ist für die grafisch strenge Edition Suhrkamp überraschend: Ein herrlich bunter Schutzengel ist darauf zu sehen, der ein Kind auf seinem Weg behütet. Josef Winkler erläutert die Zusammenhänge: "Der Titel zitiert ein Lied aus den zwanziger Jahren, ich habe es auf einer Kassette mit Schwulen- und lesbischen Liedern wiedergefunden. Und der Umschlag ist ein Motiv aus unserem Katechismus in der Schule. Er stammt aus den zwanziger Jahren und wurde nach dem Krieg unverändert für die Dorfvolksschüler wieder aufgelegt."
Winklers metaphorischer Überschwang und die immer wieder
aufbrechende Aggression in seinen Texten sind nicht zuletzt dem reichen
Bilderfundus des Katholizismus geschuldet, den drastischen, zu Ritualen
erstarrten Verboten, die dem 1953 geborenen Kärntner Bauernsohn eingebläut
wurden. So hatte die Mutter ihren Kindern untersagt, untereinander das Brot zu
schneiden, denn damit trennten sie dem Herrgott die Fersen ab: "Jeden Tag einmal
hat die Mutter gesagt, dass ich den Herrgott nicht bei den Füßen herunterziehen
und ihm auch nicht die Fersen abschneiden soll. Und jeden Tag einmal habe ich
zur Mutter gesagt, dass ich mir eine Wimper ausreißen und ihr meine Wimper ins
Herz stechen werde."
Nach dieser Lektüre werden sensible Gemüter freitags so schnell keine
Wurstsemmel mehr essen wollen. Neben weltweiten tatsächlichen Unglücksfällen und
solchen, die in seinen wechselnden Lektüren auftauchen, erinnert sich Winkler an
ein tragisches Ereignis in seinem Heimatdorf Kamering. Das Verbot missachtend,
am Kreuzigungstag Jesu Fleisch zu essen, stürmte ein Junge quer über die Straße
zum Metzger und wurde überfahren.
In der Erzählung "Knochenstillleben auf dem Asphalt mit Ovomaltine" bricht der
Autor mit seiner Familie und einem Filmteam nach Mexiko auf. Sie wollen dort
Allerheiligen erleben, den "Día de los muertos", der mit besonderen Riten
begangen wird. Zeitgleich wird ein Junge in Winklers Wohnort Klagenfurt
überfahren - auf einem Zebrastreifen nahe einer Baustelle. Wegen der Fußball-EM
war sie unzureichend bewacht worden, da ständig Arbeiter zum Stadionbau
abgezogen wurden. Virtuos verknüpft Josef Winkler, durch seine eigene
Vaterschaft sensibilisiert, diese der EM geschuldete Tragödie mit dem
mexikanischen Totenfest.
Mit "Zeit der Butterblumen, Zeit der Gladiolen" verneigt sich der hochverdiente
Büchner-Preisträger vor Alfred Döblins
Erzählung "Die Ermordung einer Butterblume". Während in der Küche die
"honiggelbe, sirupartige Butterblumenmelasse, die man früher ‚Honig der armen
Leute' nannte" kocht und dabei Dimensionen annimmt, die an das Grimmsche Märchen
vom Süßen Brei erinnert, entspinnt sich im gelben Schein der gar nicht so
harmlosen Wiesenschönheit Butterblume eine verhängnisvolle Kette Kärntner
Unglücksfälle. Gladiolen wiederum legten die Winkler-Kinder dem Großvater ins
Grab.
Mit ähnlich schwindelerregenden Volten wie Döblin nähert sich Josef Winkler dem
Rätsel, weshalb "der Tod zappelt wie die Geburt". Indem er den Schrecken mit
seinem "Filmkamerakopf" (beschrieben "Im Sternhagel der Bilder") in allen
Details beobachtet und exakt benennt, entsteht so etwas Überraschendes wie
Trost.
Für Josef Winkler ist Schreiben kein Selbstzweck, sondern eine existenzielle
Notwendigkeit. Deshalb stört es ihn auch nicht, auf die Rolle als Chronist
internationaler Todesfälle und Todeskulte festgelegt zu werden: "Es ist so, wie
es ist. Thomas Bernhard hat einmal gesagt: ‚Der Tod, das ist mein Thema.' Beim
frühen Lesen habe ich genau diese Themen auch in der großen Literatur gesucht,
bei Hans Henny Jahnn, bei
Genet und wie sie
alle heißen." Seinem immer wieder perpetuierten Lieblingsmotiv gewinnt Winkler
im Lauf der Jahre - Übung macht den Meister - eine ganz eigene, gelassene Komik
ab. Kunst und Leben wird bei ihm eins, beginnend mit dem Schokoladenpudding, in
dessen Haut die fünfjährige Tochter Siri im Angedenken an den toten Großvater
ein Kreuz ritzt, bis zu den beiden jungen Selbstmörderinnen, die sich vom Turm
der Klagenfurter Stadtkirche stürzten, in der
Julien Greens sterbliche Überreste ruhen, auch er ein literarischer
Gewährsmann des Autors.
Nur einem überragenden und derart phantasiebegabten Stilisten wie Josef Winkler
ist es vergönnt, das Lebensthema Tod so zu variieren, dass die Lektüre jedes
seiner Bücher wie "Friedhof der bitteren Orangen", "Natura morta" oder "Roppongi.
Requiem für einen Vater" zu einem neuen rhapsodischen Genuss wird. Davon kündet
in nuce dieses bunte Bändchen mit seinem gewaltlüsternen Titel.
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