Ich muss los von Annette Pehnt, Piper-Verlag 20011.) - 4).

Ich muß los.
Roman von Annette Pehnt (2001, Piper).
Besprechung von prop aus der Frankfurter Rundschau, 5.5.2001:

Rastloser Suchender

Ein merkwürdiger Eigenbrötler scheint dieser Dorst zu sein. Nach einem Einser-Abitur fährt er ständig mit der Straßenbahn durch die Stadt. Später verdient er den Lebensunterhalt mit Stadtführungen der ungewöhnlichen Art: Triste Winkel füllt er mit der Magie des Kinderblicks, erfindet unglaubliche Geschichten - die Touristen bleiben staunend zurück. Mit Elner, der wissbegierigen Grundschullehrerin im trauten Kuscheldecken-Heim, versucht sich Dorst noch einmal im Wahrheitsspiel, an dem er schon als Kind scheiterte: Nein, er hatte die Omi nicht lieb, die ihn zum Abschied immer auf die Lippen küsste. Darf ein Kind so was sagen, auch wenn der Omi vor Schreck die Kaffeetasse aus der Hand fällt? Dorst tut es, bis ihm die Wahrheit ausgetrieben wird. Annette Pehnt schildert in ihrem Romandebüt Ich muss los die emotionale Unbehaustheit ihres Helden so lakonisch wie eindringlich. In einer erfreulich schlichten Sprache zähmt sie die Gefühlswelt des ganz und gar nicht schlichten Gemüts ihres Helden. Ein Psychogramm ohne belehrenden Zeigefinger, das von der ersten bis zur letzten Seite mitreißt.

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Ich muss los von Annette Pehnt, Piper-Verlag 20012.)

Ich muß los.
Roman von Annette Pehnt (2001, Piper).
Besprechung von Maike Albath aus der Frankfurter Rundschau, 10.5.2001:

Authentischer Autismus
Unterm Mehltau: Annette Pehnts Debüt "Ich muss los"

Es gibt Romane, an denen alles mehr oder weniger zu stimmen scheint: Man trifft auf einen Helden mit einem interessanten Schicksal, es mangelt nicht an sorgfältig gestalteten Nebenfiguren und passenden Schauplätzen, die Handlung ist klug konstruiert, die Erzählebenen funktionieren, die Geschichte hat einen eigenen Ton. Und trotzdem springt kein Funke über, trotzdem ist die Lektüre zäh, trotzdem klingt kaum etwas nach. Annette Pehnts Debüt Ich muss los gehört zu dieser Sorte von Romanen, aber woran liegt das eigentlich?

Dorst heißt die Hauptfigur, ein junger Mann, der nicht studieren mag, ein Eigenbrötler, der von früh bis spät herumstreift. Dorst hält sich mit unkonventionellen Stadtführungen über Wasser und zeigt Touristen die Holunderbüsche hinter der Post, den Pilztunnel und den steinernen Harfenspieler. Der versponnene Spaziergänger sammelt gerade seine ersten Erfahrungen mit Frauen, die Gun oder Jasmin heißen, Sekretärinnen oder Wäscherinnen sind, bis er eines Tages Elner begegnet. Sie ist Grundschullehrerin, hat eine ungeheure Menge Haare auf dem Kopf und nimmt an den Besichtigungen seiner alternativen Sehenswürdigkeiten teil. Elner wird Dorsts Freundin. Dorst fasziniert ihre phantasievolle Alltagswelt, die knallgelbe Bettwäsche und die Begeisterung für ihre Schüler, aber als Eigenbrötler kann er Elners Wünschen nach totaler Zweisamkeit nicht entsprechen, rückt seine Wohnungsschlüssel nicht raus und zieht sich immer wieder zurück. Es kommt zu Turbulenzen, und der Leser weiß von Anfang an, womit das zusammenhängt, so deutlich wird mit dem Zaunpfahl gewinkt: Schmerzhafte Kindheitserfahrungen sind in Dorsts harschem Charakter verkapselt.

Ordentlich unter die Jetzt-Zeit gehäkelt ist die zweite Erzählebene, auf der die obligatorischen Kindheitstraumata abgehandelt werden: In Rückblenden erfährt man von der Krankheit und dem Tod des Vaters, der Trauer der Mutter und der Isolation des kleinen Dorst. Unpathetisch und sachlich im Erzählgestus folgt Episode auf Episode. Stundenlange Straßenbahnfahrten, quälende Geigenstunden und beklemmende Familienzusammenkünfte reihen sich aneinander, bevölkert von der Babysitterin Karina, der verletzbaren dünnhaarigen Mutter und dem einzigen Freund namens Gregor, mit dem Dorst auf einer Sommerradtour den Odem von Freiheit verspürt.

Die Enge und Klaustrophobie einer bundesrepublikanischen Familie in den 70er-Jahren schlägt einem auf jeder Seite entgegen, und Annette Pehnt führt die Bestandsaufnahme der Gefühlskultur jener Zeit fort, wie sie bei David Wagner, Ralph Bönt und anderen Altersgenossen schon anklang. Ihr zurückgenommener Tonfall ist im Grunde sympathisch und passt zu dem Sujet: Schließlich geht es um Autismus und die Fixierung auf unüberwundene Verletzungen. Andererseits tastet sie durch diese Erzählweise nur die Oberfläche der Erlebnisse ab, ihre tiefe Dramatik wird für den Leser nicht spürbar. Was die Erfahrungen für den Helden tatsächlich bedeuten, bleibt abstrakt und muss hergeleitet werden. Vielleicht rührt daher die Zähigkeit der Lektüre - schon nach wenigen Kapiteln fühlt man sich selbst befallen von dem bundesrepublikanischen Mehltau, der alles zudeckt. Die lähmende Wirkung mag kalkuliert sein, aber sie besitzt keine ästhetischen Qualitäten und verpufft. Dass Dorst immerzu umher geht und der Erstarrung zumindest physisch zu entkommen versucht, ist die einzig mögliche Entwicklung der Handlung.

Auch wenn Annette Pehnts Debüt keine Jubelrufe auslöst: Ihr Buch macht Hoffnung, dass die Clerasil-Tuben-Ästhetik der Kiepenheuer & Witsch-Kultur endlich ausgedient hat. Ich muss los ist mehr als bloße Attitüde.

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Ich muss los von Annette Pehnt, Piper-Verlag 20013.)

Ich muß los.
Roman von Annette Pehnt (2001, Piper).
Besprechung von Gudrun Norbisrath aus der WAZ, 16.8.2001:

Dorst heißt eigentlich keiner
Ich muss los: Ein eindrucksvoller Debütroman

Eine junge Autorin schreibt über Beziehungen. Besonders aufregend klingt das nicht, doch die 34-jährige Annette Pehnt hat mit ihrem Debütroman einen eindringlichen, seltsam berührenden Text vorgelegt. Einsam, ausweglos, rat- und rastlos: Das ist Dorst, der Junge mit dem komischen Namen und dem ebenso merkwürdigen Verhalten. Wären da nicht seine Mutter und seine Freundin, die ebenfalls unter Varianten der Einsamkeit leiden: Man könnte meinen, Dorst wäre gestört. So aber scheint es, dass die Menschen an sich gestört sind, einer wie der andere. Dorst, ein freundlicher kleiner Junge, fing an zu lügen, als er merkte, dass die Wahrheit die Menschen unglücklich macht. Als sein Vater starb, hörte er auf, Geige und Fußball zu spielen und versteckte sich stundenlang in der Tiefgarage um zu singen. Unerwarteter Höhepunkt dieses Lebens ist eine Fahrradtour, bei der er und sein einziger Freund Georg ein unwirkliches Naturschauspiel erleben: Durch Luftbrechung erscheint ihnen die Sonne doppelt. Es ist die letzte Gemeinsamkeit. Georg findet Beruf und Freundin, Dorst weder noch. Er lernt Frauen kennen, und er verdient manchmal Geld, aber beides auf abstruse Weise. Dorst bietet verrückte Stadtführungen an, er erfindet eine Stadtheilige, der er den Namen seiner Tante Lollo gibt, führt die Reisenden in einen modrigen Tunnel und schwatzt von einer Champignonzucht, und rätselhafterweise fallen die Menschen, die von dem schleimigen Pilzzeug kosten, nicht tot um. Die Frauen, denen Dorst sich zögernd zuwendet, empfangen ihn nackt an der Kaffeemaschine oder fordern Zusammenleben. Beides macht ihm Angst, und er flieht, doch letztlich wankt er nicht unter der Wucht der Erlebnisse: Verwirrt schläft er zwar hinter Müllcontainern, doch dann wankt er nach Hause um zu baden - ein Lebenswanderer, der zu tief verletzt ist, um ernstlich gefährdet zu sein. Annette Pehnt erzählt all diese Merkwürdigkeiten gelassen, ohne unangemessene Identifikation, auch mit lapidarer Heiterkeit. Es ist kein Zufall, dass der verquere Held an Holden Cauldfield in Salingers Fänger im Roggen erinnert: Wie er findet Dorst sich nicht zurecht in der Welt der Vernünftigen, einzig die Beziehung zu ernsthaften Kindern ist ihm möglich: Menschen außerhalb der anerkannten Realität wie er selbst. Der Roman spielt irgendwo, irgendwann, und die Namen sind nicht von dieser Welt: Dorst heißt, genau genommen, niemand, und auch die Freundin, bei der er auszuhalten versucht, hat einen absonderlichen Namen: Elner. Diese Elner, die ihn halten und an sich binden will, gehört durchaus in seine Welt, sie leidet an demselben Problem wie er: Auch sie ist allein, nur, dass sie die Lösung da sucht, wo er sie nicht geben kann. Beziehungen, Verstrickungen, und am Ende steht Einsamkeit. Es ist ein schöner Roman, dicht, melancholisch verschleiert, voller Poesie und Wahrheit. Allerdings lebt er von offenbar auch autobiografischen Details - man möchte hoffen, dass die Autorin dennoch den Atem für weitere Texte findet.

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Ich muss los von Annette Pehnt, Piper-Verlag 20014.)

Ich muß los.
Roman von Annette Pehnt (2001, Piper).
Besprechung von Martin Ebel aus Die Welt, 24.3.2001:

Dorst geht
Annette Pehnts bemerkenswert souveränes Romandebüt "Ich muss los"


Der erste Satz dieses Buchs hat sechs Wörter, der letzte vier, der Titel, auch ein vollständiger Satz, nur drei. "Ich muss los": Dieser Satz fällt immer wieder, mit ihm befreit sich der Held aus unbehaglichen Situationen, durch Flucht. Ich muss los: Das sagt nichts über ein Wohin aus, sondern nur, notdürftig höflich verbrämt, über ein Weg. Die innere Entsprechungen dieser Äußerung könnte "Bloß weg hier" heißen, und auch das wäre ein Satz von äußerster Kürze und Vollständigkeit.

Dorst, der Held von Annette Pehnts Debütroman, macht nicht viele Worte. Am liebsten macht er gar keine. Er beobachtet, hört zu. Wird er gefragt, weicht er aus. Will man etwas von ihm, macht er sich davon. "Er drehte seine Runde", heißt es über das Kind. Er habe Ameisen im Hintern, sagt seine Mutter über ihn. Er ist immer in Bewegung. So kann man ihn nicht fassen. Das macht den Umgang mit ihm nicht einfach. Dorst ist, was man ein schwieriges Kind nennt.

Das Wort "hyperaktiv" gab es damals noch nicht. "Auffällig" will nicht recht passen: Dazu ist er zu unauffällig. Wenn Gregor mit seinen Freunden spielt, schaut er zu. Am liebsten singt er in einer dunklen Tiefgarage, stundenlang. Da ist er unsichtbar. Am schönsten war die Radtour, die er einmal mit Gregor gemacht hat: Da fuhren sie immer geradeaus, verloren die Orientierung, fuhren immer weiter, irgendwohin. Wenn es nach Dorst gegangen wäre, führen sie heute noch. Aber da war noch Gregor. Der wollte nach Hause. Der wusste überhaupt immer, was er wollte, und erreichte es auch.

Der ausgwachsene Dorst - ist er das wirklich? - weiß immer noch nicht, was er will. Nur, was er nicht will. "Immer haust du ab. Das ist doch kein Leben. Wie soll ich denn mit dir zurechtkommen, du sagst keinen Ton", schreit ihn Elner an, eine junge Lehrerin, die sich auf ihn einlassen, die mit ihm leben will. Sie stellt Fragen, Anforderungen, Ansprüche. Er verweigert sich. "Wie soll ich denn mit dir zurechtkommen?" fragt sie wieder. Seine Antwort: Gar nicht... Fortsetzung

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