Ich habe sie geliebt von Anna Gavalda, 2003, Hanser1.) - 3.)

Ich habe sie geliebt.
Roman von Anna Gavalda (2003, Hanser - Übertragung Ina Kronenberger).
Besprechung von Stephan Maus auf der Homepage www.stephanmaus.de
(SZ 17.3.2003):

Heul doch
Anna Gavalda massiert die Tränendrüsen: Ich habe sie geliebt

Formidable! Époustouflant! Génial! Frankreich hat nicht nur eine ähnlich hohe Nettohaushaltsverschuldung wie Deutschland, sondern auch seine literarischen Fräuleinwunder. Anna Gavalda gehört zu diesen Mademoiselles Miracle. Und weil die französische Literaturkritik generell einen Hang zu Sprechblasen aus dem Rosenwasserschaumbad und zu Patschuli-Beweihräucherungen hat, liest man über Gavaldas neuen Roman, er zeuge von einer besonderen „Intelligenz des Herzens“ und der gewissen „Musik einer Schriftstellerin“. Lauschen wir also der Musik dieses intelligenten Schriftstellerherzens.

Ein Buch, das mit dem Zwischenruf einer Schwiegermutter beginnt, stimmt von vornherein mißtrauisch. Ein Schwiegerelternbuch also. Der Mittdreißigerin Chloé ist der Mann durchgebrannt. Sacré Adrien! Paris ist ein Fest, und dem Heißsporn war zu langweilig bei Familienausflug und Schrankwandsex. Nun sitzt die Gehörnte mit ihren zwei kleinen Töchtern Lucie und Marion bei den betuchten Schwiegereltern und weiß nicht mehr weiter. Will man mehr von einer Frau lesen, die in Krisenmomenten zu den Schwiegereltern flüchtet? Schwiegermutter Suzanne ist die Grande Bourgeoise aus der Industriellenfamilie, ihr Mann Pierre ist Managerworkaholic im Familienunternehmen und vorerst der „Kotzbrocken“ des Romans. Pierrot erweist sich als erprobter Krisenmanager und transportiert die greinende Rumpffamilie erst einmal ins Sommerhaus. Die Macht der symbolischen Jahreszeiten ist unüberwindlich, im Sommerhäuschen herrscht tiefer Winter. Kennen wir: Sommerhaus später. Jetzt ist erst einmal Winter. Der kalte, kalte Winter des Herzens.

Vor dem prasselnden Kamin, neben der Elektroheizung und am knarzenden Küchentisch geht nun das große Flennen los: Warum hat er mich verlassen, was hat sie, was ich nicht habe, was soll nun aus den Kindern werden, wo sind meine Socken? Im Dachgeschoß träumen die vaterlosen Kinder von glücklichen Familienszenen aus der Margarinenwerbung, im Rez-de-Chaussé heult Mami Rotz und Wasser, während der liebe Opa noch einen schmerzlindernden Kräutertee aufsetzt. Wenn Adrien aus seinem fernen Liebesnest anruft, um mit seinen Töchtern zu sprechen, bekommen diese den wissenden Blick von altersweisen Paartherapeuten, nehmen Mami tröstend bei der Hand und zeigen ihr die schönen Seiten des Lebens: die Schaukel im Garten, das Gras, den Regenwurm.

Vor dem flackernden Schein des Kaminfeuers entpuppt sich auch der Schwiegervater als einfühlsamer Therapeut. Nach Jahren der Strenge und der Verschlossenheit erzählt er Chloé in einer langen, nächtlichen Rotweinsitzung von einer Affäre, die seine einzige große Liebe war: „Ich – ich liebte es, mit ihr zu schlafen.“ Parbleu, das hört man gern. Pierre hat die schöne und kluge Mathilde dem Schein einer glücklichen Familie geopfert. Doch das hat die Familie dem Terror eines unglücklichen Mannes ausgesetzt. Chloé möge doch bitte das Scheitern ihrer Ehe als Befreiungsschlag nutzen, Adrien sei ihr sowieso nicht gewachsen. Sagt der Vater des Ehebrechers, der es wissen muß. So funktioniert modernes Motivationstraining: Think positive. Und so funktionieren Schundromane.

In dürrer Sprache, die man selbst bei Sympathie für schreibende Französinnen nicht für ausdrucksstarke Lakonie halten kann, skizziert Anna Gavalda dieses nichtssagende, konventionelle Kammerspiel zwischen Pierre und Chloé. Die Personenkonstellation in diesem Beichtstuhl für schlichte Gemüter ist schematisch: die Affäre des Schwiegervaters soll Chloés Leben therapeutisch spiegeln und ihr den Abschied vom Gatten erleichtern. So stellt man sich auch Jürgen Schrempp als Trostspender vor. Wenigstens fängt der Kotzbrocken nicht auch noch an zu heulen. Mit ihrem putzigen Kiddie-Casting benutzt Gavalda die niedlichen Töchter als schablonenhafte Statisten, die in besonders sentimentalen Momenten traurig mit den Augen kullern oder mit kleinen Patschehändchen in Muttis tränenüberströmtem Gesicht herumfuhrwerken: „Ich lachte und küßte sie auf ihren herzallerliebsten Schmollmund.“ C´est chou. Bleibt zu hoffen, daß man in der République des Lettres für solche Sätze Abzugspunkte im Rentensystem bekommt.

Gavalda hält ihre farblose Prosa für so stark, daß sie ihren Text in kleinen Bröckchen liefert. Das muß ein Mutterreflex sein, der den lieben Kleinen nur Mundgerechtes servieren möchte. Zahllose Absätze und weiße Seiten unterbrechen den Textfluß. Um den Nettotextanteil des Buch steht es ebenso besorgniserregend wie um die Nettostaatsverschuldung der französischen Republik. Die Absatztaste ist Gavaldas einziges Stilmittel. Man braucht den lose gefügten Text eigentlich nicht zu lesen; er fällt einem wie von selbst durch die schläfrigen Augen ins müde Hirn, wo die kleinen Absätze so sperrig herumliegen wie ein Haufen Bauklötzchen, die zwei verwöhnte Scheidungskinder im Dachgeschoß eines Sommerhauses ausgekippt haben.

Gäbe es ein effizientes Kalkulationsprogramm für den erfolgreichen Frauenroman, würde es ein solches Buch ausspucken. Gavalda scheint mit ihrem Roman gewieft auf den Trennungsschmerz von ein paar Hunderttausend Frauen abzuzielen, um die Hypothek auf ihr Sommerhaus zu tilgen. Einfallslos spottet sie über die Lebensweisheitsjukebox Paul Coelho und nudelt doch dieselben Gassenhauer über Selbstverwirklichung und Lebensmut herunter. In klischeegesättigter Sprache werden die abgedroschenen Problemchen durchschnittlich gewitzter Mittelklassemuttchen durchgekaut. Es geht noch einmal um die alles verschlingende Einsamkeit hinter dem prall gefüllten Einkaufswagen, die große Leere vor dem Bug des Kinderwagens und die gut abgefederte Langeweile auf dem beheizten Mercedes-Beifahrersitz. Blödsinniger Tratsch auf Talkshow-Niveau, der in Deutschland seit zwanzig Jahren von Elke Heidenreich und ihren überflüssigen Konsorten ventiliert wird.

Gavalda ist eine furchterregend überschätzte Autorin. So hat ihr letzter Erzählungsband einige Furore in der SWR-Bestenliste gemacht. Eines Tages wird die Welt wissen wollen, welche Kritiker-Kamarilla eigentlich hinter dieser Chartliste steckt. Bald, sehr bald werden Namen fällig. Einer der wenigen möglichen Reize dieses Buches könnte darin liegen, es während der Lektüre im Geiste simultan ins Französische zurückzuübersetzen. Eine Vorbildung von einem Jahr bei der örtlichen VHS dürfte für diese Aufgabe reichen. Der Übersetzerin kann man dazu gratulieren, das französische Three-Letter-Word „con“ mit „Kotzbrocken“ wiedergegeben zu haben. Den Rest wird sie beim Bügeln erledigt haben. Was sich streckenweise bemerkbar macht, denn es finden sich recht viele Gallizismen im Text. Gavalda ist nicht nur banal, sondern auch dumm. Über einen Chinesen heißt es: „Mit dem Schlitzauge, wie ist es gelaufen?“ So mögen wir sie, die Froschfresser. Spätestens hier taugt das Buch nur noch als ballistisches Studienobjekt zur Berechnung der idealen Flugkurve zwischen Schreibtisch und Papierkorb.

Ursprünglich ist der Roman bei dem Pariser Verlag Le Dilettante erschienen. Man kann sich keinen angemesseneren Publikationsort für eine solche Prosa vorstellen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.stephanmaus.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0303 LYRIKwelt © Stephan Maus

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Ich habe sie geliebt von Anna Gavalda, 2003, Hanser2.)

Ich habe sie geliebt.
Roman von Anna Gavalda (2003, Hanser - Übertragung Ina Kronenberger).
Besprechung von Sascha Verna in der Frankfurter Rundschau, 1.4.2003:

Küchentalk

Anna Gavaldas Debüt

"Die Falle besteht darin, zu glauben, dass man ein Recht darauf hätte, glücklich zu sein", bemerkt die Ich-Erzählerin in Anna Gavaldas erstem Roman. Unser Leben entgleite uns, fügt sie hinzu, aber das sei nicht schlimm: "Optimal wäre nur, wenn wir es früher wüssten."
Chloé hat es nicht einmal geahnt. Sie war bis vor kurzem Ehefrau und Mutter und also glücklich, nun ist sie verlassene Ehefrau und allein erziehende Mutter und also todunglücklich. Vorbei die Cocktail Parties, die sie als repräsentative Gattin regelmäßig organisierte, stattdessen Tränen über Tränen und ein Schwiegerpapa, der ihr sein Mitgefühl geradezu aufdrängt. Mit ihren beiden kleinen Mädchen landet Chloé schließlich in der Küche eines unbeheizten Landhauses, wo sie vergeblich auf einen Anruf ihres entlaufenen Gemahls hofft, während der Schwiegerpapa sie mit teurem Wein und schmackhaften Gerichten moralisch aufzupäppeln versucht. Chloé erkennt in dem älteren Herrn, der da Karotten klein schneidet und Fleisch anbrät, den sauertöpfischen Patriarchen Pierre nicht wieder, der ihr und dem Rest der Familie mit seinem unterkühlten Verhalten bis dahin jede Form entspannten Zusammenseins verunmöglicht hat.

Grob lässt sich Ich habe sie geliebt als Abfolge von Monolog, Dialog und Monolog beschreiben. Chloés zynisches Selbstgespräch bildet den ersten Teil. Zwischen dem hektischen Überprüfen nicht vorhandener Nachrichten auf dem Telefonbeantworter und Aufmunterung des gelangweilten Nachwuchs bemüht sich Chloé, mit Galgenhumor über die erlittenen Kränkungen hinweg zu kommen. "Wie lange dauert es, bis man den Geruch desjenigen vergisst, der einen geliebt hat? Und wann hört man auf, selbst zu lieben", fragt sie sich und bittet nicht um eine Antwort, sondern um eine Eieruhr. Sie überlegt sich, ihren Kopf abzuschrauben und ihn weit weg zu kicken, gibt das Vorhaben indes auf, da sie vermutet, ohnehin daneben zu treten.

Nach einer Weile gelingt es Pierre, solche sadomasochistischen Turnübungen zu unterbrechen und Chloé in eine Unterhaltung zu verwickeln. Er nutzt die Gelegenheit unter anderem dazu, sein Image aufzubessern. Den Kotzbrocken-Verdacht wird er allerdings erst los, als er sich seinerseits in einem dramatischen Vortrag als Feigling outet. Der Grund seines Kummers heißt Mathilde, eine Frau, die nicht die seine war, und die zur seinen zu machen er nicht gewagt hat.

Anna Gavalda schildert die Verwandlung einer Landhausküche in eine Dunkelkammer der unverarbeiteten Emotionen. Zwei Trostbedürftige öffnen einander ihre verwundeten Herzen, die eine trotzig, der andere resigniert. Damit würden sie sich noch heute beschäftigen, wäre der Roman auf Seite 164 nicht zu Ende. Mit einer Spur Ironie hier und einem Hauch Sentimentalität dort hält die Autorin das gepflegte Geplauder in Gang. Nur sind Inhalt und Verlauf dieser luftig inszenierten Konversation denkbar wenig überraschend und die Protagonisten ungefähr so reizvoll, wie es Sprechblasen halt so sind. Die verhandelten seelischen Tragödien wirken synthetisch und die Reaktionen darauf nicht minder. Die Figuren deuten bloß auf sich selber, und ihre Geschichten bleiben Geschichten, die man sich anhören kann oder auch nicht. Ich habe sie geliebt verliert sich in seiner eigenen Harmlosigkeit und einer bourgeoisen Nonchalance ohne besonderen Charme. Das ist nicht schlimm. Optimal wäre nur, wenn wir es nicht so früh wüssten.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0403 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

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Ich habe sie geliebt von Anna Gavalda, 2003, Hanser3.)

Ich habe sie geliebt.
Roman von Anna Gavalda (2003, Hanser - Übertragung Ina Kronenberger).
Besprechung von Gernot Krämer aus titel-magazin:

Enttäuschte Hoffnung
Mit ihrem zweiten Roman tritt Anna Gavalda in der Gewichtsklasse der gehobenen Unterhaltungsliteratur an

Blicken wir kurz zurück: Mit ihrem im Original bei einem kleinen Pariser Verlag erschienenen Debut "Ich wünsche mir, daß irgendwo jemand auf mich wartet" landete Anna Gavalda im vergangenen Jahr einen großen Überraschungserfolg. In jeder ihrer zwölf Erzählungen schlüpfte die Autorin in die Haut einer anderen Person und fand für jede von ihnen einen authentischen Ton. Anna Gavalda präsentierte sich als temperamentvolle und aufregende literarische Verwandlungskünstlerin. Mit Spannung erwartete nun eine regelrechte „Fan-Gemeinde“ den angekündigten ersten Roman.
Und hier ist er: Chloé, eine frisch verlassene Ehefrau, lässt sich vom Schwiegervater mit den beiden kleinen Töchtern aufs Land fahren, um für ein paar Tage Abstand zu gewinnen. In dem ungeheizten und unvorbereiteten Haus der Familie lernt sie seine Fürsorge und vor allem seine unerwartete Gesprächsbereitschaft zu schätzen. Pierre, der autoritär-verschlossene Familientycoon, bisher noch stets unfähig, über sich und seine Gefühle zu sprechen, zeigt sich nach und nach von einer anderen Seite. Er ringt sich sogar durch, das große Geheimnis seines Lebens preiszugeben, das in der nicht ausgelebten und letztlich gescheiterten Liebe zu der „Frau seines Lebens“ besteht.

Ein Roman in Dialogen

"Ich habe sie geliebt" ist fast dialogischer Kurzroman, der sich über zwei Tage und Nächte in einem Landhaus abspielt. Während der ersten Hälfte des Romans hält Chloé Rückschau auf ihr gescheitertes Eheleben, während der zweiten Hälfte resümiert Pierre seins. Der Unterschied lässt sich so definieren: Die eine Ehe ist gescheitert, weil der Mann gegangen, die andere, weil er geblieben ist. In die Form einer Frage gekleidet, formuliert Pierre am Ende seine „Moral“: nämlich ob es nicht besser für sie und die Kinder sei, von einem nicht mehr liebenden Mann verlassen zu werden, als (wie er) eine lieblose Ehe fortzusetzen?
Einsichten wie diese sind im Leben hilfreich, in der Literatur jedoch ein bisschen platt. Allzu wortreich, und manchmal nicht frei von Rührseligkeit, entfalten sich die wie 1:1 aus dem Leben genommenen Dialoge. Immer wieder an Grenzen stößt das Modell, einen ganzen Roman in Gesprächsform zu halten. So muss sich Chloé auf den letzten 50 Seiten weitgehend mit der Rolle einer Stichwortgeberin für Pierres Erzählung begnügen – die der stärkste Teil des Buches ist und als eigenständiger Text überzeugt hätte. Übrigens hätte man sich auch einen fesselnderen Schluss denken können als das Zubettgehen des Schwiegervaters nach beendeter Erzählung.
In Interviews erwähnt Anna Gavalda hin und wieder Françoise Sagan. Gehobene Unterhaltungsliteratur dieser Art dürfte die Gewichtsklasse sein, in der Anna Gavalda mit "Ich habe sie geliebt" angetreten ist.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.titel-magazin.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0503 LYRIKwelt © titel-magazin