Ich habe die Welt berührt von Jürg Halter, 2005, Ammann

Ich habe die Welt berührt.
Gedichte von Jürg Halter (2005, Ammann).
Besprechung von Samuel Moser in Neue Züricher Zeitung vom 13.07.2005:

Melancholischer Schrotthändler
Das lyrische Début von Jürg Halter

«Vergessen Sie Dada, vergessen Sie Pop, weg mit all dem neoromantischen Gesäusel und den schaurigen Realismusverschnitten, fort mit der einsilbigen Germanistenpoesie und Jim-Morrison-Epigonen, jetzt kommt Jürg Halter.» Wer immer auch diesen dreisten Klappentext in der Rhetorik von «Platz da für Mazda» geschrieben hat: Man muss Jürg Halter zunächst vor ihm selber in Schutz nehmen. Er kann zwar durchaus auftreten wie der Kraftmeier im Zirkus – aber eben: Es bleibt immer Zirkus. Oft genug lässt ihn Halter ins Leere laufen, das darf man nicht überhören oder überlesen, und am Ende eines Gedichts bleibt der Held still, klein und allein in der Manege zurück. «Ich will eine mir eigene Sprache sprechen, eine neue, meine / Sprache schaffen, ich will die Sprache dressurreiten / ganz mit meinem Körper», nimmt Halters stürmisch drängendes Ich einmal den Mund voll. Doch dann holt er sich sozusagen selber vom Pferd. Am Schluss bleibt nur noch ein scheues «Ich fange an zu sprechen mit / der Sprache».

Es gibt auch leise Untertöne in Halters Gedichten. Die gehören nun allerdings auch zu ihren Inszenierungen, und vielleicht ist dies das Gefängnis, in dem sie fast immer eingesperrt bleiben: Show ist Show. Die kann bekanntlich niemals aufhören, selbst ihre eigene Dekonstruktion überlebt sie mühelos. Halter bezeichnet sich als «Performance Poet». Auch wenn die Gedichte nun zwischen zwei Buchdeckeln liegen, merkt man ihnen an, dass ihr Autor sie als Bühne für sich und seine Künste versteht: «Ich sitze gebeugt im Korbstuhl, in der einen Hand / meine Stirn, in der anderen eine Lieblingstasse / das Pulver darin in Erwartung von – ich warte mit / auf was unter erwachenden Augen einen Kaffee ergibt.»

Balancierend zwischen Anspruch und Nonchalance, erzielt Halter seine Effekte. In der Attitüde des Unbeteiligten zieht er die Gedichte durch. Geschichten zu erzählen, ist ihnen wichtiger als das Gelingen des poetischen Augenblicks, Zeigen wichtiger als Schauen. Hinzuhören und Hinzusehen auf das, was die Worte selber sagen, lassen sie sich wenig Zeit. Dazu reden sie auch zu gern. Am liebsten von der subjektiven, aber ins Allgemeine formulierten Befindlichkeit eines heute Fünfundzwanzigjährigen: «Alles ist ein Kommen und Gehen / und ein immer schon vorhandenes Zitat / alles ein Winter unter Liebenden wie folgt: / hinter dem Kühlschrank harrt gebrochen ein Herz aus / Schokolade.» Halter ist wie ein melancholischer Schrotthändler: Aus Abfällen zimmert er sich seine Strophe. Alles ist drin, aber nichts passt zusammen. Sie hinkt und klemmt an allen Ecken und Enden. Das ist ein trauriges, aber dem Autor liebes Spiel. Ein Spiel fast ohne Regeln.

Wie bei jedem Spiel ist das einzig Wahre der Spieler selber. Halters Gedichte zeigen nabelfrei, worum es ihnen geht: um das Ich, um welches das Ich sich dreht. Und um seinen Anspruch, durch Lyrik Bedeutung zu erlangen: «Nun / ich will die Welt meine Lieder singen hören.» Aber man sollte nicht in jede Falle gehen, die ein Autor auslegt (selbst dann nicht, wenn er vorangeht). Halter ist mit mehr Wassern gewaschen, als einem lieb ist. Auch dieses Ich ist Pose: «Ich sitze gebeugt auf einem Stein im Feld.» Halters lyrisches Ich entzieht sich, wo es auftaucht; ist Gebrauchtware wie alles andere in seiner Welt: «Ich stehe betroffen vor einem Spalier / und in dem ich mich meine / spreche ich zum / Rasenmäher.»

«Ich habe die Welt berührt» heisst das Titelgedicht. Gerade das tun seine Gedichte aber zu wenig: wahrnehmen, auffassen, begreifen. Dazu fehlt es ihnen an einem Gegenstand im Sinne von Widerstand. Im Titelgedicht tritt Halter eine Weltreise an von Österreich über Surinam, Paris, Harlem usw. bis zu den finnischen Seen, in denen er sterben möchte – oder baden, wenn das denn noch ein Unterschied ist für ihn. Die Reise ist eine durch seinen Kopf und übers Papier. Sie geht nicht rundum, sondern kreuz und quer, der Willkür des Autors folgend, die seiner Lyrik den Rhythmus vorschreibt. Gerade deshalb fehlt ihr dann oft das Unkalkulierte, das Überraschende.

Eigenwilligkeit ist keine schlechte Eigenschaft von Gedichten. Bei Halter erschöpft sie sich aber zu oft in Originalität um jeden Preis, in mittelprächtigen Einfällen, in Ballast: «Ich lebe im Exil auf einem Mohnsamen, zwischen den / Zähnen eines Menschen, der gleich zu Bett gehen / würde / sich jedoch vorher noch zur Toilette begibt.» Dann wieder versacken die Gedichte rhetorisch: «So hält sich eine leichte Melancholie / für die Dauer eines Barbesuches in meiner Brust auf.» Ähnlich saufen auch manche der kurzen Gedichte ab: «Ich küsse mein müdes Knie / es soll deines sein / ich denke an dich heisst / ich hinke – / bist du eine Salbe?» Das heischt dann doch zu sehr und zu unverblümt nach Beifall – selbst für einen «Performance Poet».

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