Ich bin
nicht innerlich.
Annäherungen
an Gottfried Benn von Jan
Bürger (2003, Klett-Cotta).
Besprechung von Sabine Franke in der Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:
Ganz schön viel los auf Gang B
Die große Stuttgarter
Gottfried-Benn-Werkausgabe ist abgeschlossen - und die jüngere Literaturszene
tobt sich aus
Dr. Gottfried Benn hat so komische gelbe Flecken
im Gesicht. Seine Stirn und seine Wangen glühen orange. Das kommt daher, dass
sich neben der Philologie nun auch noch die junge Generation mit ihm beschäftigt.
Dabei hätte er beinahe seine Ruhe gehabt: Gerade ist die insgesamt dritte, die
umfassende und ultimative Stuttgarter Werkausgabe abgeschlossen worden, sind die
letzten beiden Teilbände mitsamt einem neu begründeten Benn-Jahrbuch
auf dem Markt erschienen. Das komplette Lebenswerk steht, Vorstufen, Lesarten
und Nachlass inklusive, ordentlich anzuschauen und solide kommentiert, im Regal.
Vorbei sind die Zeiten, in denen Benn als "leibhaftige Warntafel"
verschrien war. Die Rezeption ist in eine Phase eingetreten, in der historische
Fehltritte großzügig vergeben werden und man von den großen deutschen
Dichtern sowieso viel lieber die frisch publizierten Briefwechsel mit
Ex-Geliebten liest. Museale Ruhe beginnt sich breit zu machen, der Rest ist das
Schlurfen der Archivare.
Doch hier kommt die neue Generation! Jetzt rastert man ihn also fröhlich von
allen Seiten durch und beleuchtet ihn in Neonfarben. Unwirsch ist Benns Kopf zur
Seite gedreht, in beharrlicher Verweigerungshaltung gegenüber allem, was er
doch nicht ändern kann. Per Sprechblase werden ihm seine eigenen Worte in den
Mund gelegt: Ich bin nicht innerlich. Das ist der Titel und das Motto des
jugendlich aufgemachten Lesebuchs, in dem sich fünfzehn jüngere Autoren dem
alten Dichter genähert haben.
Es wird vorsichtig von "Annäherungen an Gottfried Benn" gesprochen,
denn die Abstoßung nach außen war im Falle Benn, ob kalkuliert oder nicht,
schon immer immens groß. Ein Nietzsche lesender Arzt für Haut- und
Geschlechtskrankheiten. Ein Apologet der Nazis. Einer, der es 1912 gewagt hatte,
eine von Ratten besiedelte Wasserleiche auf den literarischen Gabentisch zu
stemmen und auch die Sekrete und Gerüche, die den Körperöffnungen von
"Huren und Madonnen" entströmen, unbedingt erwähnen musste. Der,
nachdem sein berufliches Hauptbetätigungsfeld, "Die Krone der Schöpfung,
das Schwein, der Mensch", mit krassem Expressionistenpathos poetisch
erledigt war, bisweilen sehr zart dichten konnte, vor allem aber philosophisch
wurde und seither - Stichwort "cyanüres Schwälen" oder "Thermopylen-Moral"
- ohne Lexikon nicht lesbar ist. Ein eigenbrötlerischer Sonderling, der 1934
mit trotzigem Stolz postuliert hatte, seine Nähe sende kalte
"Todesstrahlen" aus, zu gefährlich sei er, "zu stark persönlich,
zu ,genial'".
In seiner Büchnerpreisrede,
1951, fragte Benn dann, etwas versöhnlicher, was die Generationen miteinander
verbinde. Man darf sich auch fragen, was die Beiträger des Sammelbandes im Jahr
2003 mit Benn verbindet. Wohin soll die Frage nach der Innerlichkeit des
Dichter-Ichs, die der Titel des Bandes aufwirft, führen? "Der innere
Mensch - das ist die Voraussetzung für alles; aber der Ausdruck ist das
Entscheidende; in der Kunst gilt das Äußere!", so Benns kategorisches
Diktum. Das Verbindende zwischen zwei Künstlergenerationen sei demnach schlicht
und einfach "Produktion, Bemühung um Ausdruck und Stil". Was sich fürs
Erste noch machbar anhört, ist aber ein echtes Problem: Gefordert sei von den
kommenden Generationen nicht nur ein neuer Stil, sondern damit verbunden auch
"ein neuer Mensch". Was rät der Alte also? "Meine Herren
Nachfolger, lassen Sie sich ruhig von mir provozieren, ich hoffe, es macht Sie
hart. Härte ist das größte Geschenk für den Künstler, Härte gegen sich
selbst und Härte gegen sein Werk".
Die Herren Nachfolger (fünf davon sind Damen) sind - abgesehen vom Herausgeber
selbst, der im Vorwort den Nihilismus Benns als "verstörend"
bezeichnet - ganz unerschrocken an den Herrn Vorgänger herangetreten. Man ist
versucht, darin den Mut unbekümmerter Autodidakten zu erkennen, die in einem
weitgehend Benn-freien Raum aufgewachsen sind. Schließlich herrschte in den
Universitätsbibliotheken jahrzehntelang Ruhe am Anfang von Gang B, weil sich
die Lehrer- und Professorengeneration ab den Sechzigern weiter unten bei
"Brecht" aufgehalten hatte, während es in den Achtzigern erst bei C
wie Celan so richtig
belebt wurde. Der dichtete feinsinnig auf ein poetisches "Du" zu, Benn
lesen hieß dagegen einem frauenfeindlichen Zyniker huldigen und war außerdem
reaktionär.
Es ist also bezeichnend, an welchen wunden Punkten das Bennfieber im Jahr 2003
ausbricht. Sein Kokaingenuss, seine Berliner Nachtcafé-Besuche locken offenbar
keinen aktuellen Popliteraten hinter das Notebook. Benns Konflikte mit den
deutschen Exilanten, sein 12-jähriges erzwungenes Schweigen, die notorischen
Frauengeschichten - all das scheint, zumal in den Zeiten der Veräußerlichung
des Künstlers zum biographischen Schauobjekt, keinen Anstoß zu kreativer
Unruhe gegeben zu haben. Sodass es, wo dann doch einmal Else
Lasker-Schüler durchs Bild stiefelt, fast schon ein bisschen billig wirkt.
Es ist vielmehr die Substanz des Bennschen Werks, die zur kreativen Reibungsfläche
geworden ist. Mit ernsthafter Hingabe haben sie sich in einigen exzellenten
Beiträgen thematischen Aspekten, sprachlichen Besonderheiten oder
Wirkungsprozessen in Benns Werk gewidmet, wobei sich neben den theoretischen Annäherungen
auch ein Gedichtzyklus, kurze Prosatexte und eine lose Szenenfolge finden.
Die Generation Golf ist mit Florian
Illies ebenso vertreten wie die Jahrgänge um 1960 und Alban
Nikolai Herbst, der 1955, ein Jahr vor Benns Tod, geboren wurde. Dabei geht Ulrike
Draesner mit ihren "Gedanken zum lyrischen Ich", dem
"Tarnmantel des Autors", wohl am intensivsten auf Körperkontakt mit
dem Dichter. Norbert
Hummelt dringt ungeniert in die von der diskreten germanistischen
Literaturwissenschaft lange geschonte Psyche des Autors ein. Ausgehend von Benns
legendärer Abneigung gegen Kinder untersucht er eine immer wieder mit dem
unauffälligen Bild des "Knaben" getarnte Leerstelle im Werk:
"Was so rigoros in die Ferne gewünscht wird, macht sich verdächtig, an
das Nächste zu rühren."
Daniel Kehlmann führt
mit einer eleganten Wegwerfbewegung vor, wie man eine frühpubertäre
Bennfaszination auch mit den Mitteln der Literaturgeschichte, der
philosophischen Überlegenheit und des verbesserten Geschmacks nicht loswerden
kann. In einer persönlichen Betrachtung des Gedichts "Durchs Erlenholz kam
sie entlang gestrichen ---- / die Schnepfe nämlich" verhehlt Ulf
Stolterfoht seine Verachtung des Bennschen Konzepts vom "Wallungswert
der Wörter" nicht, führt aber sinnfällig und bestimmt erstmalig die
Beatles-Stones-Antithese in die Benn-Rezeption ein. Was für alberne und
unfreiwillig komische Formen Benns Wortartistik annehmen konnte, offenbart sich
hier ebenso, wie immer wieder klar wird, dass einzelne Formulierungen Benns sich
auf immer und ewig in die Sprachrezeptionszentren eingefräst haben. Dass diese
Wirkung nicht auf die deutschsprachige Welt beschränkt ist, zeigt unter anderem
ein abschließendes Benn-Alphabet, das der ukrainische Schriftsteller Juri
Andruchowytsch mit Bennschem Gestus recht wüst und wild zusammengehauen
hat.
Benns Nicht-Innerlichkeit ist folglich noch der Rede wert. Entspricht aber
dieser Annäherung der Autoren an Benn umgekehrt auch, dass die Autoren Benn an
sich heranlassen? Wie färbt der bunte Benn auf sie ab, und sind die entzündeten
Rasterpunkte ansteckend? Das würde man doch gerne wissen. Welche Bedeutung sein
Programm der Ausdruckskunst für das Schreiben der einzelnen Beiträger hat, ob
die neue Generation gar daran denkt, den geforderten Stil und den "neuen
Menschen" hervorzubringen, bleibt ungeklärt. Leider hat Jan
Bürger den Anlass und die Chance nicht genutzt, in einem ausführlichen
Nachwort den Bogen zu schließen. So vermittelt dieses Kaleidoskop ein ebenso
willkürlich zusammengemixtes wie bunt schillerndes Bild, das aus Splittern
einer neuen Bennrezeption besteht, die ja noch weiter reicht als der vorliegende
Band.
Die Frage nach der neuen Wahrnehmung Benns im Jahr 2003 ist anlässlich der nun
vollendet vorliegenden Ausgabe der Sämtlichen Werke umso interessanter -
präsentiert doch eine Werkausgabe den Autor immer als einen Klassiker, nicht
ohne jedoch von gewissen Mechanismen gesteuert zu sein. Die Stuttgarter Ausgabe
ist in der relativ kurzen Zeitspanne von knapp fünfzig Jahren, die seit seinem
Tod vergangen ist, die dritte Edition der Werke Benns. Nach der ursprünglich
vierbändigen, von Dieter
Wellershoff besorgten ersten Gesamtausgabe, die noch im Wiesbadener
Limes-Verlag zwischen 1958 und 1961 erschien, entstand ab1980 im Hause Fischer
als Lizenzausgabe eine Taschenbuchfassung, die sich unter der Herausgeberschaft
Bruno Hillebrands zu einer textkritischen Bearbeitung der alten Textvorlage
mauserte und 1982 bis 1990 in fünf Bänden veröffentlicht wurde.
Da seit 1980 im Marbacher Literaturarchiv der Nachlass Benns sowie das Archiv
seines Briefpartners F. W. Oelze mit umfangreichem Manuskriptmaterial zugänglich
war, hielt man es für das Gebot der Stunde, im Gegensatz zur Limes-Ausgabe mit
den Fassungen letzter Hand, einen authentischen, quasi renaturalisierten Benn
der Erstfassungen zu präsentieren, dessen Texte zudem in chronologischer
Reihung nacherlebbar waren. Das neue Editionskonzept war ein durchschlagender
Erfolg beim Publikum, das nun die genuine Vitalität des Expressionisten
wiederentdecken konnte. Voller Überschwang pries damals
Helmut Heißenbüttel
das Wegschlagen des "Stucks", der noch zu Lebzeiten Benns über die Gesammelten
Gedichte geschmiert worden sei.
Mit der dritten, der Stuttgarter Benn-Ausgabe, deren erster Band 1986 unter der
Herausgeberschaft von Gerhard Schuster erschienen ist und die unter Holger Hof
nun ihren Abschluss fand, liegt jetzt eine umsichtig geplante und gewissenhaft
betreute textkritische Ausgabe des gesamten bekannten Werks von Gottfried Benn
vor, die kaum etwas zu wünschen übrig lässt. So viel Benn war nie, und näher
konnte man ihm bislang nicht kommen. Der Leser hat Einblick in alle
Entwicklungsstadien und Überlieferungsstufen der Texte, und kann aus zusätzlichem
Material aus dem Nachlass sowie sachdienlichen Zitaten und Hinweisen zu den
jeweiligen Textstellen weitere Erkenntnisse schöpfen. Das zu gewährleisten war
keine einfache Aufgabe, hatte doch schon Benn selbst seinerzeit eingeräumt:
"Um ein grosser Schriftsteller zu werden, muss man vor Allem seine eigene
Handschrift lesen können". 1949 schrieb er an Oelze: "Ich habe ganze
Hefte mit Notizen, anderweitig gekritzelt, u. kann kein Wort mehr davon
entziffern."
Der erste der beiden Abschlussbände enthält, neben Dialogen und Szenen wie der
"Stimme hinter dem Vorhang", das Libretto des in Zusammenarbeit mit
Paul Hindemith entstandenen Oratoriums "Das Unaufhörliche" samt einem
neu entdeckten Einleitungstext. Abgedruckt sind neben Interviews auch
Rundfunkgespräche und die medizinischen Schriften Benns. Letztere waren zwar
bereits publiziert, konnten jedoch durch einen 1940 verfassten Brief "Über
Selbstmord im Heer" aus dem Nachlass ergänzt werden. Aus der Abteilung mit
Nachträgen zu den vorangegangenen Bänden ist insbesondere der unlängst neu
aufgefundene früheste Prosatext Benns ("Unter der Großhirnrinde. Briefe
vom Meer") hevorzuheben.
Am interessantesten sind freilich die im zweiten
Teilband des siebten Bandes erstmals publizierten Vorarbeiten, Entwürfe und
Texte aus dem Nachlass, die die Jahre 1930 bis 1956 betreffen. "Ich hatte
seit je so gelebt, daß ich mir ein großes Gehirn machte durch Lektüre,
Notizen und mittels Gedächtnisstützen." Ein Teil dieses Gehirns gelangte
noch 1991 aus dem Besitz von Ilse Benn als weiteres Konvolut von Arbeitsheften
und Tagebuchnotizen zum Nachlass in Marbach. In ihm fanden sich unter anderem
zahlreiche Gedichtentwürfe und Vorarbeiten zu Prosatexten. Programmatisch hierfür
liest sich eine Notiz vom Januar 1954, als Benn schrieb: "Überall quillt
es heraus - aber selten fertig -".
Wie der "Prismatiker" Benn nach und nach, meist abends in der Kneipe
und direkt neben der Anzahl getrunkener Biere, kurze Materialfetzen und
gelungene Formulierungen notierte und daraufhin nach einer Methode, die er
selbst als "prismatischen Infantilismus" bezeichnete, zu einem Werk
zusammengefügt hat, lässt sich anhand einer Fülle von Einzelnotizen
nachvollziehen.
Diese wurden bewusst nicht von den - laut ursprünglichem Editionsplan
eigentlich an gesonderter Stelle abzudruckenden - identifizierbaren Vorstufen
von Werken geschieden und in unterschiedliche Abteilungen sortiert, sondern es
wurde die kontinuierliche Fortführung der Eintragungen und damit ihr
authentischer Materialcharakter erhalten. Wo eine Formulierung erstmalig
auftaucht und welchen Weg sie durch verschiedene Kontexte, Textgattungen und Überarbeitungsphasen
nimmt, bis sie schließlich zur Veröffentlichung gebracht wird, ist dabei eine
im Einzelfall immer wieder spannende, die Arbeitsweise Benns gut abbildende
Schnitzeljagd. Benn ohne diese Entstehungsgeschichte lesen zu wollen, erscheint
im Nachhinein fast langweilig.
Benns Werk ist nicht Fragment geblieben. Während er zu Zeiten des
Schreibverbots unter den Nazis noch konstatierte: "Sterben heißt, dies
alles ungelöst verlassen, / die Bilder ungesichert, die Träume / im Riß der
Welten stehn und hungern lassen", betonte er in den Jahren vor seinem Tod
ausdrücklich, dass er ein abgeschlossenes Werk hinterlassen würde. Der
unbedingte Schaffenswille und die strenge Beharrlichkeit, mit der er sein
poetologisches Programm verfolgte, gehört bis heute zum Faszinierenden an
Gottfried Benn. Die "innere Substanz" ist nicht nur künstlerischer
Ausdruck, äußere Form geworden, sondern hat nun mit der großen Benn-Ausgabe
auch eine Art Körperlichkeit gewonnen, die sich der Leserschaft als ein
geschlossener, aber in sich beweglicher Block darbietet. Komme also wer wolle -
und auch ruhig mit Neonfarben. Die Bilder sind gesichert.
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