ich
bin in der natur geboren.
Gedichte von Hans
Arp (2002, Arche, hrsg. von Hans Bolliger, Guido Magnaguagno, Harriett
Watts).
Besprechung von Stephan
Maus auf der Homepage stephanmaus
(SZ 7.8.2002):
Palastaufstand des Zeugs
Eine Auswahl von Hans Arps Gedichten: ich bin in der natur
geboren
In einem seiner Gedichte gibt der Zürich-Dadaist
Hans Arp Atelierauskunft: „Meine Schraubstöcke sind voller Eier.“ Gewiß:
Rohe Eier, so sensibel wie eine Piranha-Schwimmblase voller Nitroglyzerin;
Soleier, mariniert vom Salz des Sargassomeeres, wo sie in mobilen
Aallaichintarsien gedümpelt haben, vierzig Jahre lang, keinen Tag weniger;
Wachteleier und Wichteleier; hartgekochte Eier, so hart, daß sie kaum mehr vom
hermetischen Stein des Weisen zu unterscheiden sind; Windeier, in denen Sandstürme
rütteln, und hier und da rieselt Wüstenstaub durch die porösen Schalen wie
aus einem Salzstreuer; Eier, in denen Hennen neue Eier ausbrüten, in denen
wieder Glucken hocken und brüten bis in alle Ewigkeit, amen; das Ei des
Kolumbus, in dem es schwippt und schwappt wie im Innern eines Flüssigkompasses;
Straußeneier, in die ein ganzer Dichtereierkopf paßt; und Eier, aus denen plötzlich
ein Pfau hervorbricht und sein prächtiges Rad voller schneeweißer Eiermotive
weit über die Werkbank des Künstlers spreizt und dabei hysterisch kreischt,
denn seine linke Kralle steckt noch im Schraubstock des Dichters.
Hans Arp war eine Assoziationsmaschine. Doch
seine poetischen Gedankenketten ranken sich immer um einen roten Faden, eine
Vision entschlüpft der anderen, so daß man niemals vor einem unentwirrbaren
Bilderknäuel steht. Da der Dadaismus jedoch unter anderem auch die Befreiung
des Bewußtseins durch den konzentrierten Unsinn proklamierte, sollte sich der
Leser von Arps Gedichten in verwucherten Textlabyrinthen wohlfühlen können. Am
besten setzt er sich mitten ins Metapherngestrüpp, genießt das befremdliche
Parfum, bläst eine Melodie auf einem Sprachhalm und betrachtet die skurril
geformten Früchte, die um ihn herum wachsen.
Das Erstaunlichste an den Gedichten dieses
Vertreters einer Metropolen-Avantgarde ist die Allgegenwart der Natur. Der Titel
dieses Gedichtbandes ist programmatisch zu verstehen. Hans Arps experimentelles
Spiel vereint abstrakte Formkonstellationen mit sehr sinnlichen Visionen. Der
Dichter schöpft seine einleuchtenden Bilder aus Fauna und Flora, der Märchen-,
Sagen- und Legendenwelt und später immer mehr aus den Objets Trouvés in seinem
Atelier. So entsteht ein eigentümlicher, sehr amüsanter Kosmos aus Stühlen,
Knöpfen und Nähfäden, zwischen denen Pharaonen einherstolzieren und träge
Fische ihre Bahnen ziehen und mit den Kiemen wedeln. Die Objekte sind beseelt:
„gott ist den zylinderhüten angeboren.“
Verbunden durch die schöpferische Kraft des
Dichters kreisen die Gegenstände wie Mobiles im Raum und ziehen Dank einer
geheimnisvollen Schwerkraft die absonderlichsten Adjektive an: „die ohrenlosen
fässer / die augenlosen säcke / die fünfsinnigen tüten / nein nein sie
fliegen nimmermehr davon.“ Beruhigend. Zumal die Dinge insgesamt oft recht
aufmüpfig sind. Hin und wieder scheint Arp eine Palastintrige des
heiddeggerschen Zeugs anzuzetteln. Vor diesem Hintergrund bekommt Goethes
„Zauberlehrling“ mit seinem störrischen „alten Besen“ einen erstaunlich
dadaistischen Beigeschmack.
Die dadaistische Collage-Technik ist noch
immer eine leistungsstarke Poesiepumpe. Die geschickte Montage von heterogenem
Textmaterial hat nichts von ihrer befreienden Wirkung auf das Bewußtsein des
Lesers verloren. Man spaziert durch Arps Gedichte wie durch ein Museum voller
einleuchtender Ready Mades, verblüffender Objets Trouvés und poetisch
knatternder Traummaschinen. Hans Arps Gedichte zeugen von dem ergreifenden
Enthusiasmus, den die Avantgarde beim Niederreißen aller literarischer
Konventionen verspürt haben muß. Diese Begeisterung für das rücksichtslos
Neue in der Kunst teilt sich noch heute ungebrochen mit.
Die revolutionäre Geste des frechen Unsinns,
des mutigen Sprachexperiments trägt eine ungeheure Energie in sich. Bei Dada
war noch mal alles möglich. Nur kein Respekt, nur keine Bescheidenheit. Die
Moderne war noch jung und hatte prächtige Laune. Dem Dichter flog der
Lorbeerkranz vom Kopf, und er scheute selbst die eigene Lächerlichkeit nicht:
„Ich bin der lange Lebenslang / der zwölfte Sinn im Eierstock / der
insgesamte Augustin / im lichten Zelluloserock.“ Der rücksichtslose Mut des
insgesamten Augustins zum fröhlichen Experiment beeindruckt gerade heute, wo
die Literatur in den ökonomischen Zwängen von Lesbarkeit und
Zielgruppenorientierung immer mehr zum zahnlosen Content Provider verflacht.
Wer sich nicht von dem Keulenschlag der
gesammelten Werke einschüchtern lassen möchte, findet in der Gedichtauswahl
des Zürcher Arche Verlags einen schönen Einstieg in die Lyrik des Skulpteurs,
Malers und Schriftstellers Hans Arp. Der Band zeigt deutlich Hans Arps
Entwicklung vom fröhlichen, übermütigen Sprachverdreher und fast schon
surrealistischen Traumstenographen hin zum melancholischen Verfasser von
Meditationen in einfacher, aufs Wesentliche reduzierter Sprache. Arps
Altersverse strahlen eine ähnliche metaphysische Leere aus wie die
Bahnhofsbilder von Giorgio de Chirico.
Manchen Gedichtzyklus präsentieren die
Herausgeber nur in Auszügen. Was zuerst als etwas willkürlicher Eingriff in
das dichterische Werk erscheinen mag, gewinnt an editorischer Legitimität, wenn
man sich Arps Ästhetik steter Variation desselben Ursprungsmaterials vor Augen
führt. Das Herausreißen von Fragmenten aus einem größeren Kontext ist eine
erprobte Dada-Praxis. Gedichte waren für Arp immer mehr Materialfundus als
olympisches Marmormonument. Immer wieder hat Arp Zeilen aus früheren Gedichten
neu miteinander kombiniert. Das sachkundige Nachwort der Dada-Forscherin
Harriett Watts rückt Arps Texte in den biographischen und kunstgeschichtlichen
Zusammenhang und gibt zahlreiche Beispiele sehr gelungener Gedichtanalysen.
Besonders aufschlußreich ist das Wechselspiel zwischen Hans Arps
gestalterischen Werken und seinen Texten.
In einem frühen Gedicht klagt Hans Arp:
„weh unser guter kaspar ist tot. / wer trägt nun die brennende fahne im zopf.
Wer dreht die kaffeemühle. Wer lockt das idyllische reh. / auf dem meer
verwirrte er die schiffe mit dem wörtchen parapluie und die winde nannte er
bienenvater. / weh weh weh unser guter kasper ist tot. heiliger bimbam kaspar
ist tot.“ Ach was! En
avant dada! Dadas Kasperletheater lebt! Und jenes Gipfeltreffen zwischen
der Nähmaschine und dem Regenschirm auf einem Operationstisch, das die
Surrealisten als das poetische Urereignis schlechthin feierten, verwirrt die
Schiffahrt der reinen Vernunft noch immer aufs Erfrischendste.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.stephanmaus.de]
Leseprobe I Buchbestellung 1002 LYRIKwelt © Stephan Maus