Ich bin ganz, ganz tot, in vier Wochen.
Bettel- und Brandbriefe berühmter Schriftsteller, hrsg. von Birgit Vanderbeke (2006, Autorenhaus Verlag).
Besprechung von
Jens Dirksen aus der NRZ vom 28.06.2006:

Die Bittschriftsteller
"Ich bin ganz, ganz tot, in vier Wochen": Vom Klassiker Schiller bis zu Uwe Johnson haben Dichter aller Zeiten das Betteln um Lohn und Brot zu einer eigenen Kunstform entwickelt - ein Sammelband von Birgit Vanderbeke.

Das Jahreseinkommen eines deutschen Schriftstellers liegt im Schnitt bei 15 749 Euro (Autorinnen bekommen seltsamer Weise nur 13 643 Euro). So hat es die Künstlersozialkasse ermittelt. Und wenn man die wenigen Dauerpreisträger und Bestsellerautoren herausrechnet, fragt sich erst recht: Wie soll man davon leben?

Virtuoser Schmeichler und Erpresser: Heine

Ein altes Problem. Schon am 26. April 1768 schrieb der erfahrene Bruder Leichtfuß Gotthold Ephraim Lessing an seinen Bruder Karl: "Nimm meinen brüderlichen Rat und gib ja den Vorsatz auf, vom Schreiben zu leben." Weil das kaum möglich ist, hat sich unter Dichtern eine nicht selten hochpoetische Textform entwickelt, deren Geschichte noch gar nicht geschrieben ist: Der Bitt- und Bettelbrief. Heine schmierte dem Baron Rothschild Honig um den Bart, seinem Bankiers-Onkel Salomon Heine drohte er dagegen mit der Veröffentlichung seiner Memoiren. Dem Verleger Julius Campe rückte Heine wiederum mit einer Melange aus Beschimpfung, Augenzwinkern und schriftlichem Rührstück auf die finanzielle Pelle. "Regimentsmedikus" Friedrich Schiller bat den Herzog von Württemberg 1782 um eine Besoldungszulage von 550 Gulden - genau die Summe, die bisher durch die Schriftstellerei in Schillers Kasse geflossen war, die ihm der Herzog just verboten hatte. Nun, der Herzog verweigerte die Annahme des Briefes. Und Schiller die Fortsetzung des Dienstverhältnisses. Er floh nach Mannheim. Matthias Claudius vermutete beim Kronprinzen von Dänemark eine direkte Verbindung zwischen Tränendrüse und Geldbeutel, weshalb er auf seine acht Kinder verwies. Jean Paul und Hölderlin bettelten ihre Mütter an, wohl wissend, dass die selber nicht viel hatten. Das wüste Genie Christian Dietrich Grabbe schrieb an den Romantiker Ludwig Tieck, der selber als "König der Schnorrer" galt: "Nahe am Untergange blicke ich noch einmal auf der Erde umher und sehe keinen, keinen als Sie, zu dem ich mich wenden möchte..." Else Lasker-Schüler wiederum, die oft erbärmlich arm war, führte dem wohlhabenden Kollegen Franz Werfel ihr Elend in einem Satz vor Augen: "Und ich fresse schon meine Fingerspitzen wie Spargelköpfe."

Großer Urlauber: Franz Kafka

Wer weiß schon, dass ein Jahrhundertschriftsteller wie Robert Musil 1936 den österreichischen Bundeskanzler Schuschnigg um eine Pension anflehte? - "Für Dienstjahre, während deren Dauer ich nicht nur als Dichter, sondern auch als Beamter und Offizier meinem Vaterlande gedient habe." Musil blieb erfolglos. Und beschwerte sich über Bettler, die etwas weniger diskret unter seinem Fenster versuchten, mit Musik über die Runden zu kommen. Alles nichts gegen Uwe Johnson, der 1982 nach jahrelanger Schreibblockade 230 094,89 DM Schulden bei seinem Verleger hatte. Immerhin hatte wenigstens Franz Kafka durchschlagende Erfolge zu verzeichnen, wenn er den "löblichen Verwaltungsausschuss" der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt", bei der er ja in Lohn und Brot war, bat, ein ums andere Mal - vorwiegend um monatelangen Urlaub und großzügige Freistellungen, damit er seine Krankheiten und Liebesverhältnisse auskurieren konnte.

Schmunzeln nicht ausgeschlossen

All das hat Birgit Vanderbeke in dem wunderbaren Bändchen "Ich bin ganz, ganz tot, in vier Wochen" zusammengestellt. Und ebenso kundig wie mitfühlend mit Vorwort und Kommentaren bedacht - schließlich hat Birgit Vanderbeke zwischen dem so gut wie unbezahlten Beginn ihrer Karriere, dem Bachmann-Preis von 1990 und ihrem Bestseller "Alberta empfängt einen Liebhaber" (1997) fast alle Höhen und Tiefen, alle Aufschwünge und Abstürze des schreibenden Gewerbes selbst schon erlebt. So ist das Buch eine halb traurige, halb tröstliche Lektüre. Gelegentliches Schmunzeln nicht ausgeschlossen. (NRZ) 

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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