ich bin die
Schwalbe von einst/eu sun la randolina d'ünsacura.
Gedichte aus dem Nachlass, rätoromanisch/deutsch von Luisa
Famos (2004, Limmat, Hrsg. von Mevina Puorger)
Besprechung von Cornelia Jentzsch in der Frankfurter Rundschau, 05.01.2005:
Schule des neuen Sehens
Doch in den Gedichten aus dem Nachlass präsentiert
sich noch eine andere Luisa Famos
Die Dichterin Luisa Famos dürfte
nur wenigen bekannt sein. Das mag einerseits daran liegen, dass sie zu ihren
Lebzeiten nur zwei schmale Gedichtbände mit knapp fünfzig Gedichten veröffentlicht
hat; Mumaints/ Momente hieß der erste, Inscunters/ Begegnungen
der zweite - beide Bände erschienen in deutscher Übersetzung unter dem Titel Poesias
1995 im Arche Verlag. Ein anderer Grund ist sicherlich der, dass Luisa Famos in
jener Sprache schrieb, die nur einer kleinen Bevölkerungsgruppe im Alpengebiet
verständlich ist, dem Rätoromanischen. Doch anders als im deutschen Sprachraum
ist Luisa Famos in der rätoromanischen Schweiz, in der sie lebte, nicht nur
bekannt, sondern dort ist sie "die Luisa Famos. Wie man im Deutschen von
der Droste,
der Lasker-Schüler,
der Bachmann
spricht." Wenn man ihre Bücher liest, ahnt man bald, warum sie so
ungeteilte Zuneigung gewann.
Ihre Gedichte sind eine seltene Mischung aus alltagssprachlicher Klarheit,
religiöser Weite sowie äußerster Verdichtung und Effizienz im Wort. Man kann
sie mit Kristallen vergleichen, rein und durchsichtig, mit geraden klaren Kanten
und von lichter Schönheit. Es lässt sich vermuten, dass Luisa Famos ihre Verse
nur nach großer handwerklicher Fürsorge in die Öffentlichkeit entlassen hat.
Im Nachwort der deutschsprachigen Ausgabe von Iso Camartin heißt es, was in
Luisa Famos' Gedichten "so überraschend deutlich wird, ist ein Grundgefühl.
Es hat mit der Zeit, der kreisförmig wiederkehrenden, zu tun. Ihr Widerspruch
liegt darin, daß sie für das Erleben ganz unverfügbar bleibt. Zwar kommt im
Kreisfluß der Jahreszeiten alles wieder. Dennoch ist kein Augenblick zu halten,
kein Gefühl zu retten, kein Erlebnis zu verlängern".
In diesem Sinn begreift man auch das Besondere
dessen, was sich Religiosität nennt und leicht mit zwanghafter Abhängigkeit
gleichgesetzt wird. Nicht ein Gott ist es, der für Luisa Famos dieses Wort
besetzt hält, sondern die in allen Dingen wohnende Urkraft des Lebens -
"Augenblicke, eidechsengleich, flüchtig, tief voll, vom Geschmack unseres
Lebens".
Zugleich steht Luisa Famos natürlich in der Tradition rätoromanischer
Dichtung, die noch bis in die Gegenwart deutlich von religiösem Brauch geprägt
ist. Die Dichterin stammt aus Ramosch, das zu den Dörfern des Engadin zählt,
in denen man auch noch im zwanzigsten Jahrhundert karg und einsam lebte. In den
fünfziger Jahren erst löste sich das Ladin, die dortige Form des Rätoromanischen,
von seiner veralteten Rechtschreibung und wurde zeitgemäßer. Religiosität ist
hier ein anderes Wort für tägliches Überleben und der Name steht für den
Pfahl, den man in den Boden stemmt, um nicht von der Zeit weggespült zu werden.
Religiosität hat nichts mit Verklärung zu tun.
In der rätoromanischen Sprache gibt es deshalb Worte, die sich nicht mit den
entsprechenden deutschen decken. Das "Heimweh", "increschantüm",
hat seine sprachliche Verwurzelung im lateinischen Wort für "sich
steigern", hineinsteigern, also etwas schmerzlich Zwanghaftes. "Am
Heimweh spüren die Lebenden, daß die Toten in die Welt zurückdrängen. Beide
leiden an dieser Haftung, und Heimweh ist nie mehr etwas, was sich
sentimentalisch verklären läßt", schreibt Iso Camartin.
Luisa Famos hat ihren eigenen souveränen Umgang mit all diesen Tatsachen gewählt.
Wenn die Gegenwart so unzuverlässig ist, dass sie im wiederkehrenden Kreislauf
allen Seins doch immer nur wieder in die Vergangenheit absinkt, hilft nur, dass
der Mensch sich ebenfalls dreht und neu sehen lernt und sich dadurch behauptet.
In ihren Gedichten beweist Luisa Famos Zeile für Zeile, dass sie die natürliche
Gabe besaß, mit allen Sinnen neu zu sehen. Auf eine ruhige, genaue,
konzentrierte Art. "Raben, aufleuchtend im Schnee" oder "wie
Glockenklang verwirbelt im Wind ein Kinderlachen" heißen ihre Übersetzungen
in Sprache.
Mit ihren Mann und ihren Kindern lebte sie einige Jahre in Lateinamerika, wo ihr
Mann als Bauingenieur in Honduras und Venezuela tätig war. Wenige asketische
Worte reichen in ihren Gedichten aus, um das Fremde sichtbar zu machen.
"Sonne brennt und brennt auf die dampfende Erde ... der Indio sieht
Orchideen sich öffnen in ihrer Zartheit."
Verfälschtes Bild
Mit nur vierundvierzig Jahren starb 1974 die Dichterin an Krebs. Ihr früher Tod rief im Bündnerland Erschütterung hervor und trug zusätzlich zum Mythos Luisa Famos bei, die auch als Ansagerin der ersten rätoromanischen Fernsehsendung tätig war. Jetzt ist im Zürcher Limmat Verlag ein weiterer Band mit Gedichten erschienen, die die Herausgeberin Mevina Puorger aus dem Nachlass, etwa hundert losen Blättern, veröffentlicht hat. Versehen ist der Band mit einem akribischen Anmerkungsapparat, der sich allerdings nur auf das rätoromanische Original bezieht und somit für deutschsprachige Leser weitgehend verschlüsselt bleibt. Im Vorwort, für das ebenfalls Iso Camartin bemüht wurde, steht zu diesen Entwürfen, Erst- und Zweitfassungen: "Ich bin sicher: Luisa hätte die Gedichte wohl nicht so publiziert, wie sie jetzt dastehen".
Und das scheint auch der Haken an diesem Band zu sein. Denn das, was gerade die Faszination der Gedichte von Luisa Famos ausmacht, ihre sprachlich souveräne Verknappung, kommt in vielen Gedichten dieses Nachlassbandes (noch) nicht zum Tragen. Leser, die diesen Band als erstes in die Hände bekommen, erhalten so ein verfälschtes Bild der Dichterin. Man kommt nicht ganz umhin, den wissenschaftlichen Ehrgeiz der Herausgeberin, die den Nachlass im Rahmen einer Dissertation an der Universität Zürich aufarbeitete, als den eigentlichen Grund für diesen postumen Gedichtband zu vermuten.
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