Hundert Tage von Lukas Bärfuss, 2008, Wallstein1.) - 2.)

Hundert Tage.
Roman von Lukas Bärfuss (2008, Wallstein-Verlag).
Besprechung von Heribert Kuhn in der Frankfurter Rundschau, 5.4.2008:

Swissness und Völkermord

An der Seele versehrt kehrt David Hohl, der Held aus Lukas Bärfuss' Roman "Hundert Tage", zurück aus Ruanda, dem Land im Bannkreis jener Region Afrikas, für die der Titel eines anderen, weltberühmten Romans zum Synonym geworden ist: "Herz der Finsternis". Hohls Verstörung wird zum einen durch die Erkenntnis verursacht, dass sein persönlicher Einsatz für die Besserung der Lebensverhältnisse in einem Land voll Elend, Krieg und Massenmord zu moralischen Verstrickungen führte, denen er nicht mehr gewachsen war; die eigene "Tugend", so zieht er Bilanz, fand sich zuletzt durch eine "Symbiose" mit dem Verbrechen völlig entwertet.

Nicht weniger vernichtend fällt zum anderen das Urteil über das humanitäre Engagement seines Heimatlands, der Schweiz, aus. Hohl beschuldigt es keines geringeren Vergehens, als die ordnungstechnischen "Vorgaben" dafür geliefert zu haben, dass 1994 in Ruanda binnen hundert Tagen 800.000 Menschen umgebracht werden konnten.

Die Fähigkeit, auftragsgemäß und nach zeitlicher Maßgabe von Bürostunden Menschen abzuschlachten, verdanke sich speziell den Fertigkeiten, die die "Direktion für Entwicklungszusammenarbeit der Schweizerischen Eidgenossenschaft" den Eingeborenen beibrachte und als deren Inbegriff immer wieder "Redlichkeit" genannt wird.

So heftig ist der Hass Hohls auf sich selbst und seine Heimat, dass er wünscht, die Schweiz möge, nachdem sie mit ihrem Unternehmen, aus Ruanda eine "Schweiz Afrikas" zu machen, desaströs gescheitert ist, ihrerseits zum "Ruanda Europas" werden - ein Verlangen also, das nichts weniger als den hunderttausendfachen Mord unterm Matterhorn phantasiert.

Lukas Bärfuss will anscheinend seine Heimat, die sich gern in splendid isolation gefällt, mit aller Kraft in die Geschichte zwingen. Und die Rechnung ist schon aufgegangen.

Die Erfahrung, dass (Sekundär-)Tugenden und Ordnungssinn zu grauenhaften Auswüchsen führen können, gehört zur historischen Erblast Europas, speziell Deutschlands. Und gerade weil diese Erfahrung wie eine Formel weitergegeben werden muss, besteht keine Gewähr, dass die Verwandlung von "Tugendhaftigkeit" in Verbrechen und Tötungsbereitschaft jemals ein wirklich begriffener Prozess werden kann.

Wenn Bärfuss, der sich als Theaterautor einen Namen gemacht hat, seinen ersten Roman diesem Thema widmet, wird also zunächst niemand die Berechtigung des Unternehmens bezweifeln wollen. Man will wissen, welche Einsichten in den komplizierten Vorgang schleichender Korruption gerade eines humanitär hoch ambitionierten Engagements sein Buch bieten kann.

Es ergibt sich aber auch sofort die Frage, ob eine so heikle Problematik der Form des Romans bedurfte, um mit Erkenntnissen bereichert zu werden, die anders (Sachbuch, Reportage, Reisebericht etc.) auch zu haben gewesen wären. Schließlich gibt es zum Thema bereits Gil Courtemanches Roman "Ein Sonntag am Pool in Kigali", vor allem aber den umfangreichen Rechenschaftsbericht des kanadischen UN-Generals Roméo Dallaire, der sich nach Selbstmordversuchen durchrang, zum Hauptzeugen des Genozids zu werden.

Wie Courtemanche entscheidet sich Bärfuss für die Liebe als Kraftfeld der Organisation seines Stoffs. Nun muss man nicht gleich von Kolportage sprechen, wenn Ereignisse von historischer Komplexität um eine Liebesgeschichte zentriert werden. Vor allem dann nicht, wenn der Erzähler den Mut aufbringt, Affinitäten zwischen dem sexuellen Begehren seiner Hauptperson und der Erfahrung von Gewalt herzustellen. So beschäftigen David Hohl, der entgegen der Evakuierungsorder bei seiner schwarzen Geliebten in Kigali ausharrt, trübe Gedanken: "Ich ahnte, dass ihre Einstellung und der Höllenfick von letzter Nacht irgendwie zusammenhingen, und ich fragte mich, ob ich ein Perverser sei, und am nächsten Samstag bekam ich die Bestätigung."

Mut zur Finsternis kann erhellend wirken. Umgekehrt ist nicht verbürgt, dass die explizite Darstellung von Sexualität Geschichten authentischer und "wahrer" macht oder sie gar gegen Klischees immunisiert. In Bärfuss' Roman jedenfalls gefährdet die grelle, trotzdem schlichte Philosophie, die sein Held aus den Vexierbildern der körperlichen Liebe gewinnt, die Einsichten in die kulturelle Katastrophe, die auszuloten der Autor umfangreiche Recherchen in Ruanda unternommen hat.

Beim Nachdenken "über das Vögeln" mit einem "Kind dieses Landes" kommt Hohl beispielsweise zu folgender Einsicht: "Ich war stolz auf meinen Schwanz. Wir (die Entwicklungshelfer, Anm. d. Red.) hatten das Kaff unserer Herkunft verlassen, waren ausgezogen, um alle Hindernisse der Herkunft und der kulturellen Unterschiede zu überwinden. Keine Vorurteile hatten uns aufgehalten, wir waren geradewegs unserer wahren Bestimmung gefolgt, der Jagd nach der weiblichen Möse. Das war es, was die Natur für uns vorgesehen hatte."

Man muss das wohl als Versuch einer "triebtheoretischen" Deutung der idealistisch überhöhten Motivgemengelage aus Zivilisationsflucht, Abenteuerlust und jugendlich männlichem Bewährungsdrang lesen, die den Helden nach Afrika drängte. Aber die Selbstdeutung entginge nur dann dem Klischee prahlerischer Selbststilisierung, wenn es im Gang der Erzählung gelingen würde, auch in ihr das fatale Potential erkennen zu lassen, das die böse "Symbiose" aus "Tugend" und "Verbrechen" entstehen lässt, an der David Hohl schließlich seelisch zerbricht.

Dies jedoch leistet der Roman nicht. Es teilt sich dem Leser zwar mit, dass die Wahrnehmung der in seiner Umgebung eskalierenden Gewalt nur mit einiger Verzögerung das imprägnierte Bewusstsein erreicht; das Ergebnis dieses Prozesses aber, der völlige Ruin des Helden, wird nur behauptet, nicht erzählerisch beglaubigt. Gleichwohl hat das Buch in der Schweiz sofort nach seinem Erscheinen lebhafte Debatten ausgelöst. Es trifft ganz offensichtlich einen Nerv.

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Hundert Tage von Lukas Bärfuss, 2008, Wallstein2.)

Hundert Tage.
Roman von Lukas Bärfuss (2008, Wallstein-Verlag).
Besprechung von Christine Diller im Münchner Merkur, 21.7.2008:

Perfekte Höllen-Ordnung
Der Theaterautor Lukas Bärfuss legt jetzt seinen ersten Roman vor. Mit „Hundert Tage” setzt er sich mit dem Völkermord in Ruanda auseinander.

Mitten in der Schweiz, am heimeligen Kaffeetisch und zum einsetzenden Tanz der Schneeflocken draußen stellt der Erzähler dieses Buches uns Lesern einen Mann vor, der uns mitnimmt zu den grausamsten Eindrücken, die ein Mensch nur gewinnen kann. Im Verlauf des nachmittäglichen Gesprächs legt dieser David Hohl, Zeuge eines der verheerendsten Bürgerkriege des vergangenen Jahrhunderts, ein Geständnis ab: Wie er, ein Gerechtigkeitsfanatiker von Kindesbeinen an, in Ruanda schuldig wurde. Wie die Schweiz mit ihrer Entwicklungshilfe dort einen Genozid beförderte. Wie Deutschland und Belgien einst als Kolonialmächte aus den Volksgruppen der Hutu und Tutsi einander feindliche Rassen geschaffen hatten. Und ganz allgemein: Wie Afrika Opfer der Weltpolitik wurde und blutigster Kontinent bis auf den heutigen Tag.

Ein beunruhigendes Buch hat der Dramatiker Lukas Bärfuss („Die Probe”, Münchner Kammerspiele) mit seinem Debütroman „Hundert Tage” geschrieben: Weil er nicht nur die bequeme Position abendländischer Ignoranz zu Fall bringt, sondern auch die der noch so gut gemeinten Entwicklungshilfe-Politik. Und weil er seinen rechtschaffenen Protagonisten David Hohl in die Massaker verstrickt, bis der sich kaum mehr wiedererkennt. Vier Jahre verbringt David als Angestellter der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit in Kigali, der Hauptstadt Ruandas. Das bergige kleine Land nahe dem Äquator gilt mit seinen fleißigen, zuverlässigen Bauern und seiner prosperierenden Wirtschaft als die Schweiz Afrikas.

Ein wenig gelangweilt tut David im beschaulichen Kigali seinen Dienst und liebt nebenbei die einheimische Agathe. Bis 1994 die Rebellen der Tutsi in das Land einfallen, aus dem sie als Minderheit bei der Unabhängigkeit 1962 vertrieben worden waren, und die Hutu an den Tutsi fast schon generalstabsmäßig Völkermord begehen. David aber verlässt das Land nicht ­ und man weiß nicht, ob aus Liebe zu Agathe oder aus Scham, dass er mit seiner Organisation vertrauensselig ein jetzt mörderisches System unterstützt hat. Jedenfalls brechen für ihn, versorgt von seinem Gärtner und später unter der Obhut der skrupellosen Hutu-Milizen, seine hundert Tage der Hölle an. „Jetzt weiß ich, dass in der perfekten Hölle die perfekte Ordnung herrscht”, resümiert er, „dass jeder Völkermord nur in einem geregelten Staatswesen möglich ist”. Und in letzter Konsequenz fragt er sich, „ob wir im Gegenzug auch das Ruanda Europas werden könnten”, wo doch die Schweizer Weltmeister des korrekten Vollzugs von Maßnahmen seien. Disziplin, Respekt vor Institutionen, Liebe zu Ordnung und Routinen ­ „all das ist kein Hindernis, sondern Voraussetzung für einen Massenmord”.

Und David ist das beste Beispiel dafür. Nicht nur beschafft er sich auf betrügerische Weise Geld für die Flucht, er liefert seinen Gärtner, der wiederum die Haushälterin meuchelte, den Milizen aus. „Irgendetwas brannte darauf, mir eine messbare Schuld zu geben, etwas, das ich tatsächlich bereuen konnte.” Denn, so das bestürzendste Bekenntnis, weil es einen Freibrief schlechthin darstellt: „Weil ich gerecht sein wollte, wurde ich schuldig, und als ich mich schuldig machte, fühlte ich mich gerecht.” Weil Bärfuss an diesem Einzelschicksal die allgemeine Tragik menschlichen Handelns schildert, ist dieses politische und hoch moralische Buch so verstörend und unverzichtbar.

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