Hundert Briefe an einen unbekannten Leser von Roberto Calasso, 2006, HanserHundert Briefe an einen unbekannten Leser.
Essay von Roberto Calasso (2006, Hanser - Übertragung
Roland H. Wiegenstein).
Besprechung von Carl-Wilhelm Macke aus der titel-magazin:

A little tea, a little lecture
In hundert kleinen Rezensionen wird große Literatur vorgestellt.

Schaut man sich in italienischen Buchhandlungen um, wird man die Bücher des mailänder Adelphi-Verlages zunächst gar nicht bemerken. Im Eingangsbereich, in unmittelbarer Nähe der Kassen, sind mit oft knallbunten, zum Kauf animierenden Titelbildern die jeweiligen Neuerscheinungen der großen Verlagshäuser Feltrinelli, Mondadori, Sperling& Kupfer ecc. in großen Stapeln aufgereiht. Mit Sicherheit wird man die vollkommen unauffälligen, dazu noch im Format kleinen Bücher von ‚Adelphi’ nicht finden. Man muß schon genauer hinschauen oder von Kennern der italienischen Verlagsszene darauf hingewiesen werden, dass irgendwo in der Ecke der Regale Schätze lagern. Hier in dieser ‚Piccola Biblioteca’ von Adelphi ist eine atemberaubende Liste von Autorennamen versammelt, die man, gäbe es so etwas, zu dem Kanon europäischer Geisteswissenschaften rechnen muß. Zur Illustration nur eine kleine Auswahl: Musil, Canetti, Savinio, Wittgenstein, Joyce, Swift, Kafka, Benjamin, Kierkegaard, Leopardi, Bernhard, Simenon, Mandelstam, Dürrenmatt, Pessoa usw. usw. Einen regionalen Schwerpunkt bildet in dieser Reihe sicherlich die ‚mitteleuropäische’ Literatur, mit einem ganz besonderen Akzent auf deutschsprachige Autoren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Viele Jahre lang hat Roberto Calasso diese Reihe betreut und ihm ist auch das bis heute erlesene Niveau dieser kleinen Bibliothek großer Literatur zu verdanken. Vor allem hat er, und damit kommen wir auch zu den vom Münchner Hanser-Verlag in seiner ebenfalls exquisiten „Edition Akzente“ erschienenen „Hundert Briefen an einen unbekannten Leser“, die Klappentexte, vulgo „die Waschzettel“ zu den jeweiligen Neuerscheinungen verfasst. Eine Auswahl von ihnen – genau einhundert – hat Roland H. Wiegenstein in ein dem Niveau des Autors und von ‚Adelphi’ angemessenen Deutsch übersetzt. Einige der von Calasso hier vorgestellten Autoren und deren Werke sind bei uns wohlbekannt. Frank Wedekinds ‚Lulu’, Joseph Roths „Hiob“, Bruce Chatwins „In Patagonien“ oder ‚Lolita’ von Vladimir Nabokov seien stellvertretend für andere genannt. Dann aber, und das ist der eigentliche Reiz dieser Anthologie des guten, ja besten literarischen Geschmacks, stellt Calasso Bücher vor, die, zumindest dem Rezensenten bislang nicht bekannt gewesen sind. Wer kennt schon Jules Renards „Der Schmarotzer“, Nell Kimball „Memoiren aus dem Bordell“, Norman Douglas „Looking back“ oder Christina Stead „A little tea, a little chat“?

Jede dieser kurzen Einführungen in die jeweiligen Bücher ist so klug, so pointiert geschrieben, dass man sofort in die nächstbeste Buchhandlung rennen möchte, um die jeweiligen Titel zu besorgen. So weit die Bücher auch in einer deutschen Edition vorliegen, hat der für die „Edition Akzente“ verantwortlich zeichnende Michael Krüger auch eine vorzügliche Bibliographie dem Buch angefügt. Diese hundert Briefe an einen unbekannten Leser zu lesen, ist für jeden Freund des ‚guten Buches’ ein einziger großer ‚Himmelsvorgenuß“ ( Hölderlin). Für einen durchschnittlich vermögenden Leser wäre es aber der Ruin, würde er alle der hier vorgestellten und ihm nicht bekannten Bücher erwerben wollen. Aber wer denkt schon an so schnöde Dinge, wenn man in einem Sessel ‚ with a little tea“ sitzt und sich von einem so belesenen Autor wie Roberto Calasso auf den Kontinent der Literatur entführen lässt....

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