1.) - 2.)
Hundenovelle.
Roman von Marion Poschmann (2009,
Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau,
20.09.2008:
Das Verhältnis von Mensch und Hund ist denkbar kompliziert und immer wieder Gegenstand populärwissenschaftlicher Erörterungen: Wer gehört und wer gehorcht wem? Werden sich Herr und Hund tatsächlich immer ähnlicher? Oder sucht sich der Mensch von Vornherein ein Tier aus, das ihm in seiner charakterlichen Anlage ähnelt? Und wer sucht überhaupt wen aus? Bei Marion Poschmann geht das so: Der Hund ist einfach da. Im Brachland, zwischen verwitterten Mauern und verrosteten Stahlträgern, läuft er der Ich-Erzählerin zu. Ein schwarzes Tier von unbestimmbarer Rasse, groß, mager, ungepflegt. Auf mysteriöse Weise lässt dieser Hund sich nicht mehr abschütteln, folgt der Straßenbahn, drängelt sich in das Leben dieser Frau und will daraus nicht mehr verschwinden - Beginn einer merkwürdigen, ambivalenten Beziehung.
Einen Namen bekommt das Tier durch Zufall, im Hundesalon, als die unfreiwillige Besitzerin, nach dem Namen gefragt, vor ihrer Nase pinke, hellblaue und weiße Wattebäusche tanzen sieht, Pompons. So heißt der Hund "Pompi". Und Pompi stört: "Ich fühlte mich auch bei genauer Prüfung durch den Hund nicht bestätigt. Ich fühlte mich allerdings auch nicht ergänzt. Ich fühlte mich im Grunde genommen belästigt. Deutlicher gesagt: verfolgt." Poschmann inszeniert ein Machtspiel, in dem mal der Eine, mal der Andere die Oberhand behält.Doch das ist bei weitem nicht alles: Die "Hundenovelle" ist ein auf mehreren Motiv- und Erzählebenen äußerst klug arrangiertes und doch leichthändig erzähltes Stück Literatur. Im Spiegel des Hundes tritt die Ich-Erzählerin deutlich hervor. Eine Frau, die soeben ihren Job verloren hat (der ihr nicht viel bedeutet hat), ohne nennenswerte soziale Kontakte. Die Mutter, die sie gepflegt hat, ist vor kurzem gestorben, "das Ehebett konnte ich verkaufen. Ich schaffte mir eine eiserne Bettstatt an, breit genug, um gelegentlich einen Mann bei mir übernachten zu lassen, schmal genug, um zu verhindern, dass solch ein Übernachten zum Dauerzustand wurde." Die Situationskomik, von der die "Hundenovelle" zu Beginn geprägt war, schlägt um in einen elegischen Tonfall, der mit dem Bewusstsein der Hauptfigur einhergeht.
Marion Poschmann greift auf ein eingeführtes Motiv zurück - der Melancholiker mit Hund. Allein, wir haben es nicht mit dem naturverbundenen Eremiten des 18. Jahrhunderts, sondern der sozialen Wirklichkeit der Gegenwart zu tun. Und doch lässt sich die "Hundenovelle" als Sprachwerdung der melancholischen Geisteshaltung lesen. Eines Tages verschickt die Erzählerin Postkarten an sämtliche Adressen, die sie in ihrem Notizbuch findet. Darauf steht ein einziger Satz: "Melancholia balneum diaboli est" - die Melancholie als Bad des Teufels, in das man sich selbst auch nur allzu bereitwillig legt; ein Gedanke aus Robert Burtons "The Anatomy of Melancholy" aus dem Jahr 1621.[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Interview I Buchbestellung 0309 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau
***
2.)
Hundenovelle.
Roman von Marion Poschmann (2009,
Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Jens Dirksen aus der
NRZ vom
17.03.2009:
Wenn der Hund zum Herrn
wird
Dieser „Hundenovelle" ist beinahe Satz für Satz anzumerken, dass Marion
Poschmann auch Gedichte schreibt: Atmosphären, Schwingungen, Ungesagtes – alles
ist zu wenigen Wörtern verdichtet, die eine Welt für sich schaffen.
Die Frau, die hier am Stadtrand von Irgendwo einen Hund findet, wird ihn sobald
nicht wieder los. Wir sehen ihre Welt durch ihre Augen, aber von sich selbst
gibt sie nicht sonderlich viel preis. Früher hat sie einmal gut verdient, in
einem Labor. Aber nun hat sie ihre Stelle verloren, lebt von Rücklagen und
treibt sonderbar ziellos durch den Tag. Und sieht fast tatenlos zu bei der
allmählichen Auslöschung ihres Ichs: „Sobald man keine Energie in
Selbstdarstellung steckte, verschwand es".
Sie kennt sich exzellent mit Wildpflanzen aus und hatte ein eher sonderbares
Verhältnis zu ihrer Mutter, mit der sie lange in einem Bett schlief, nachdem
sich der Vater aus dem Staub gemacht hatte. Und sie weiß was von Philosophie,
zuweilen geht ihr der berühmte Satz aus Kants „Kritik der praktischen Vernunft"
durch den Kopf, der so poetisch vom „bestirnten Himmel über mir und dem
moralischen Gesetz in mir" spricht. Nun aber ist es ein heißer Sommer, es sind
Hundstage, im Zeichen des Sirius, versteht sich. Und der seltsame Hund, der sie
gefunden hat, breitet sich unaufhörlich aus in ihrem Leben. Er läuft ihr mit
geradezu extremsportlicher Hartnäckigkeit nach, als würde er ihre Wehrlosigkeit
riechen. Und sie gibt nach. Kauft Futter. Wirft Steine, wenn der Hund spielen
will.
Das Tier wird durch seine Unterwürfigkeit zum Herrn der Frau. Beinahe
schulbuchmäßig wie in Hegels Dialektik zwischen Knecht und Herr, bei der am Ende
der Herr abhängig wird vom Knecht, der ihm jede lebensnotwendige Tätigkeit
abnimmt, die zum Überleben nötig ist. So bäumt sich irgendwann in der vom Hund
dominierten Frau ein Ich auf, und das geht nicht gut aus für den Hund.
Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren und Trägerin des Literaturpreises Ruhr,
ist mit dieser beinahe klassisch gebauten Novelle nach ihrem „Schwarzweißroman"
ein neues Meisterstück der Seelenbeobachtung gelungen. Es ist nämlich zugleich
dem verstörenden Gegeneinander von Ich und Welt an den Rändern auf der Spur, aus
denen unsere Gegenwart besteht. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0309 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung