Humboldtstraße.
Römisches Rot.
Gedichte von Klaus
Hensel (2001, Schöffling).
Besprechung von Meike Fessmann aus Süddeutsche Zeitung vom 7.11.2001:
Atome nachfüllen
Klaus Hensels Gedichte erliegen der Propaganda der Gene
Sie sind selten, diese Glücksmomente: dass man einen neuen Gedichtband aufschlägt, und die Gedichte sind sofort da. Klar und selbstverständlich, wie Gegenstände, deren Existenz unbestreitbar ist. Noch vor jeder Interpretation leuchten sie ein, tragen ihre Rechtfertigung in sich. Genau so muss es heißen! Diese Worte müssen es sein, in eben dieser Reihenfolge, als ergäbe sich ihr Rhythmus von ganz allein.
Das ist umso schöner, wenn es wie im Fall des 1954 im rumänischen Kronstadt geborenen Klaus Hensel schon einmal einen Gedichtband gegeben hat, der höchste Erwartungen hervorrief. Oktober Lichtspiel, vor mittlerweile dreizehn Jahren erschienen, war ein großes Versprechen, das der nächste Gedichtband, Stradivaris Geigenstein (1990), nicht zu halten vermochte. Eine Verunsicherung bis in die Form hinein war plötzlich zu spüren, ein Suchen nach dem richtigen Ton, begleitet von angestrengten poetologischen Erklärungen.
Roter Flächenbrand
Nun aber dies. Auch wenn man nicht indiskret sein möchte, drängt sich bei Humboldtstraße, römisches Rotder Eindruck auf, ein Liebeserlebnis müsse den Autor so nachhaltig durchgerüttelt haben, dass alle Wörter wie von selbst an den richtigen Platz zurückgefallen sind. Davon, wie das Licht der Liebe, rot wie ein Flächenbrand, das lyrische Ich verwandelt, davon zumindest erzählen eine Vielzahl dieser Gedichte.
Du hast mich in ein andres Licht gestellt heißt eines von ihnen. Es beschreibt mit dem Vokabular der Neurophysiologie, in wunderbar unpathetischer Form, diese Verwandlung. Sie geht so weit, dass selbst die Geliebte den Liebenden vielleicht eines Tages nicht mehr erkennen wird: Nur, daß ich dich gesehen und daß ich // Dein Bild in meinem Eiweißspeicher abgelegt, hat mich verändert / Mich für die Welt und die Welt für mich. Sollten wir uns / noch einmal begegnen, wer weiß, ob du mich dann / erkennst und ich dich.
Führen bei anderen Lyrikern die Erkenntnisse von Naturwissenschaften und Gentechnologie zu strophenlangen Wettläufen ums originelle Bild, so findet man bei Hensel eine schlichte Fügung: Glück, das ist Propaganda / der Gene. So knapp kann man das Eindringen der Biotechnologien in unser Alltagsbewusstsein fassen, und so einprägsam ist dieser neuartige Ausdruck für ein altes Gefühl, dass er sich sofort ins Gedächtnis einschreibt.
Die Verknüpfung der Liebe mit dem poetisierten Diskurs der Wissenschaften geben den besten Gedichten dieses Bandes ihre Form. Das ist wie eine Findung, eine zündende Idee. Seine Poetologie erläutert der Autor diesmal souverän in einem einzigen Gedicht, das sich in spielerischer Dämonie auf sich selbst zurückbezieht: Ein fiktives Wesen, der Maxwellsche / Dämon, senkt die Temperatur dieses / eingeschlossenen Etwas, indem es / immer im richtigen Augenblick ein / kleines Fenster in der Wand des Quasi-Behälters / öffnet. Durch dieses Fenster entweichen / die schnellsten und im Gegenzug füllt / der Dämon von außen langsame Atome nach. / So, in etwa, / funktioniert beim Lesen dieses Gedicht.
Kräftig gejandlt
Klaus Hensel kam Anfang der achtziger Jahre, wie später die Schriftstellerfreunde Herta Müller, Werner Söllner, Richard Wagner, Ernest Wichner und der kurz nach der Übersiedlung gestorbene Rolf Bossert, aus Ceaucescus Rumänien in die Bundesrepublik. Sein erster hier erschienener Gedichtband, Oktober Lichtspiel, war geprägt vom fremden Blick des Rumäniendeutschen, der zwar die Sprache sprach, aber die Erfahrungen nicht teilte (und statt dessen ganz andere mit sich herumtrug). Celan, Brecht, Benn und Pastior waren seine Hausgötter; in Stradivaris Geigenstein jandlte es kräftig. Die Bezugspunkte sind geblieben und auch der Nachhall der Emigrantenerfahrung. Nun allerdings trifft man sich im Kempinski, um Freunde zu sehen aus Sarajevo. Den Gedichten vor allem des IV. und V. Teils dieses Bandes merkt man die fehlende Formidee an. Wenn der Bruch, der durch die eigene Biographie geht, zum Thema wird, flüchtet sich Hensel zu leicht ins absurde Bonmot. Andererseits ist das der Bruch, der das Bewusstsein der Gegenwart durchzieht. Auschwitz ist mit Celan nicht mehr beizukommen, wenn an dem Ort, der als Synonym für den Massenmord gilt, auch Figo Fago lockt, ein Night-Club im alten / Plattenbau.
Schon in Oktober Lichtspiel hat Hensel immer wieder mit Bildern des Lichts gespielt. In Humboldtstraße, römisches Rot sind das Licht und die Geliebte eins. Von fern metafern, wie es einmal schön doppeldeutig heißt denkt man an Hölderlins Diotima-Gedichte, die von derselben Gleichsetzung zehren. Was bei Hölderlin das antike Griechenland war, ist bei Hensel Rom, ein magisch leuchtender Ort, aufbewahrt im Gedicht. Als hätte ein Regen das Licht der / Orangen in diesen römischen Bäumen / verjüngt, und niemand hätte es gesehen / außer mir: dieses Lächeln, und die tief / geschloßnen Augen, auf den Lippen / über die dann meine Zunge spielt. Kein / Spiegelglas, wirft es zurück, nur dieses / mein Gedicht. Das kennst du nicht / dieses Flackern, dein Gesicht - .
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