Humboldt von Günter Herburger, 2001, A1Humboldt.
Reise-Novellen von Günter Herburger (2001, A1-Verlag).
Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 22.11.2001:

Thronfolger der Hitze und Helligkeit
"Humboldt": Neue Lauf-Novellen des Langstreckenschreibers Günter Herburger

"Es gäbe, wenn ich nicht weiterliefe", so gestand Günter Herburger schon vor Jahren, "bald keine Heimat mehr." Die Heimat dieses Schriftstellers und seiner bewegungshungrigen Helden ist tatsächlich kein fester geographischer Ort. Sie liegt im Draußen, im panischen Aufbrechen und Davonlaufen, im unendlichen Unterwegssein und ziellosen Vagabundieren quer über die Kontinente. Als passionierter Extremläufer hat Herburger die Fluchtbewegung des Laufens zu einem Programm der Lebensrettung gemacht. Seit 1983 durchmisst er als sich immerfort schindender Marathonmann alle Erdteile des Planeten und erprobt in seinen selbstquälerischen Exerzitien der Verausgabung eine neue Durchlässigkeit und Sensibilität der Wahrnehmung. Um die Albträume eines sich zunehmend verfinsternden Geistes abzuschütteln, bleibt nur die aktive Flucht des Ich, das sich auf seinen Kreuzwegen - so der Titel eines Text-Bild-Bandes von 1988 - von Furien der Todesangst gehetzt weiß. So suchen Herburgers unstete Lebensreisende in ihrer seelischen Bedrängtheit immer wieder nach einem exterritorialen Refugium, das sie von den Imperativen der Realitätstüchtigkeit erlöst.

So flieht zum Beispiel der Erzähler am Ende von Günter Herburgers zuletzt erschienenem Roman Elsa (1999) auf den höchsten Kirchturm der Welt, um dort ungestört seine manisch betriebene Schreibarbeit fortsetzen zu können. Auf dem Dachboden des Ulmer Münsters findet der aus der psychiatrischen Klinik entlassene Held für einige kurze Glücksmomente zur Ruhe und kritzelt hieroglyphische Zeichen auf seinen Handrücken. Fluchtpunkt des Erzählers ist dort also die Vertikale, ein luftiges Asyl zwischen Erde und Himmel, in dem es sich gut träumen, singen und sinnieren lässt.

Auch der Chronist von Herburgers neuen Reise-Novellen Humboldt folgt am Ende, in der vierten und letzten Episode des Buches, diesen sakralen Fluchtlinien nach oben, um in den Gängen, Winkeln und Türmen des Ulmer Münsters "Sucht und Erhabenheit" wieder zu finden. In die Kirche, den Ort der verlorenen Transzendenz, gelangt Herburger aber erst, nachdem er sich als Läufer auf den fürchterlichsten Extremlauf-Strecken der Welt in "Wallfahrtselend" gestürzt hat. Denn was hier als "Reise-Novellen" deklariert wird, entpuppt sich als das assoziativ verschlungene Protokoll zweier selbstmörderischer Extremläufe, die der Autor Ende der neunziger Jahre in den Westschweizer Alpen und in Mauretanien absolviert hat. Über vier Tage und 123 schwere Bergkilometer führte der Wahn-Lauf rund um den Montblanc; durch die Wüsteneien Mauretaniens mit ihrer "gebenedeienden Hitze" stolperte der Novellist gar fünf Tage und Nächte, um sich während der 320 Kilometer langen Strecke in den ersehnten Zustand der "Entrücktheit" zu versetzen. Den Rausch-Studien der phänomenalen Bände Lauf und Wahn (1988) und Traum und Bahn (1995) hat Herburger hier noch einmal zwei Selbstversuche hinzugefügt, wobei er von der Akkumulation der Strapazen neue mystische Beglückungen zu erwarten scheint.

Wie im "Formulierungstraining" der Laufbücher bevorzugt Herburger eine assoziativ ausschweifende, arabeskenreiche Erzählweise, in der sich der Erzählfluss rasch in ein riesiges Labyrinth aus Digressionen und Exkursen verästelt. Schon in Lauf und Wahn agierte ein durch verschlungene Satzperioden sich vorwärts tastender Erzähler, der sein Bewusstseinserweiterungs-Programm mit Abschweifungen über Biochemie, Zahlenmystik, Festkörperphysik und Kompositionslehre fütterte. Auch in Humboldt sind die Protokolle des Langstreckenläufers angereichert mit einem Assoziations-Gemenge aus Halluzinationen und Phantasmagorien, autobiografischen und naturwissenschaftlichen Miniaturen, die den Weg des Chronisten in den von ihm ersehnten utopischen Zustand mystischer Entrücktheit beglaubigen sollen.

In Lauf und Wahn hatte Herburger erstmals seinen Wunsch formuliert, "die Stärke eines Zen-Meisters zu besitzen". In der "Reise-Novelle" über Mauretanien wird nun erneut diese Sehnsucht nach Erlösung im buddhistischen Zen in einigen hypnotisch-schönen Sequenzen evoziert. An einer Stelle berichtet der Erzähler von der Durchschreitung eines "Zen-Tors", eines Gebälks aus gebleichten Ästen, das irgendwo in der mauretanischen Wüste die Bahn des Läufers kreuzt. Mit der Durchschreitung dieses imaginären "Zen-Tors" glaubt sich der Läufer affiziert von jenem "ekstatischen Zustand der Leere", den der Autor Herburger einst als utopischen Zielpunkt seiner Poetik definiert hatte. Als "unerhörte Begebenheiten" fungieren in diesen "Reise-Novellen" die Rauschzustände des Läufers, der, aufgeputscht von körpereigenen Opiaten, auf seinen Traumpfaden zur nächsten Fatamorgana torkelt.

Man hat Herburger schon oft seine mangelnde Erzählökonomie und das disziplinlos wilde Fabulieren vorgehalten. Weil sein Erzähler jede psychologische Folgerichtigkeit auflöst und stattdessen schroffe Überblendungen von Realem und Irrealem bevorzugt, scheint sich jede sinnhafte Kohärenz des Textes zu verflüchtigen. In Humboldt finden sich gleichwohl immer wieder famose Perioden, in denen dem Erzähler eine spannungsreiche Balance zwischen sinnlicher Wahrnehmung und wundersamer Phantasmagorie gelingt. Wohin sich auch die Läufer als "Thronfolger der Hitze und Helligkeit" wenden, überall lauern in der Gluthitze der Wüste die Dämonen: "Voll kindlicher Grandiosität trat ich hinaus in die Glut, fing zu traben, nein, zu marschieren an, ein wenig singend, auch trillernd, als besäße ich eine über drei Akkorde reichende Kopfstimme gleich einem Mongolen, dem Einsamkeit gewöhnliche Lebensverhältnisse dünkten."

Diese erzählerischen Schwebezustände werden unterstützt durch die zahlreichen Fotos, die dem Text beigesellt sind. Im Gegensatz zu Herburgers Foto-Mikroromanen Das Glück (1994) und Die Liebe (1996) treten sich Text und Fotografie hier aber nicht in einem gleichberechtigten Wechselverhältnis gegenüber. Die Fotos bleiben rein illustrativ - und verlieren so meist ihre suggestive Kraft. Ausgerechnet in der Titelerzählung des Buches, in der Herburger die Gestalt des Universalgelehrten Alexander von Humboldt zur Legitimierung seiner eigenen enzyklopädischen Ausschweifungen heranzieht, vermisst man schmerzlich die fotografischen Einfälle und erzählerischen Phantasieblitze seiner Mikroromane.

Seinen utopistischen Schreibfuror wird sich der Autor indes auch zukünftig nicht austreiben lassen. Als literarischen Kronzeugen wird er, wie schon bei anderer Gelegenheit, den italienischen Erzähler und Mikroroman-Schreiber Giorgio Manganelli herbeizitieren: "Ich schreibe weiter, muss immer versägter, nein, wie sagt man, verzwickter werden, von Gipfel zu Gipfel eilen bis zu einem endgültigen Leberleiden."

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