1848 von Victor Hugo, Revolutionsjournal, Elfenbein-Verlag, 20021848. Ein Revolutionsjournal.
Journal von Victor Hugo (2002, Elfenbein - Übertragung Jörg W. Rademacher).
Besprechung von Hannelore Schlaffer in der Frankfurter Rundschau, 9.11.2001:

Janitscharen für den Kampf
Victor Hugos "Revolutionsjournal" von 1848

"Die Freiheit ist das Prinzip, die Revolution ist das Mittel, die Republik ist das Resultat" - so schlüssig wie in diesem Resümee von 1870 zeigt sich Victor Hugo 1848, im Jahr der Revolution selbst, noch lange nicht. Die Ereignisse dieses Jahres, die er Schritt für Schritt in Tagebüchern und Notaten festhält, zeigen einen skeptischen Beobachter, bei dem sich Begeisterung, Einsatz für die Idee der Freiheit und Ironie über ihre Verfechter auf eine für den nachgeborenen Leser amüsante Weise mischen. Eine deutsche Ausgabe von Hugos Mitschriften des Lebens, die bislang nur in Frankreich publiziert gewesen sind, hat nun Jörg W. Rademacher nach der französischen Edition von 1987 ins Deutsche übersetzt.

Rademacher beschränkt sich auf Aufzeichnungen aus dem Revolutionsjahr und ergänzt sie lediglich durch Hugos "Literarisches Testament" von 1875, in dem er die Publikation aller seiner nachgelassenen Papiere verfügt. Verstreute Texte aus einem Journal eröffnen die Ausgabe, ihren Hauptteil aber macht eine Bearbeitung, die Hugo 1870 vornahm und die er durch die oben zitierten Devise begleitet hat.

Nach einiger Ziererei tritt Hugo am Beginn der Krise in die Pairskammer ein; zunächst hatte er nicht kandidiert, offenbar in der Hoffnung, ob seiner Berühmtheit dennoch gewählt zu werden. Erst die Kandidatur bei einer zweiten Wahl verschafft ihm die Möglichkeit zu einem politischen Debüt. Der Leser hat am Anfang des Bandes einige Mühen, die genauen Aufzeichnungen über die Sitzungen in der Kammer, über die langen Reden, die Hugo dort hält oder über die Gespräche vor, während und nach den Debatten ebenso spannend zu finden wie der Schreiber selbst. Bald aber lassen die Ereignisse keine Zeit mehr zu ausgeruhter Nacharbeit, die Notate werden kürzer, Hugo verzettelt sich und seine Beobachtungen im wörtlichen Sinne.

Nun erst erweist er sich als der versierte Schriftsteller, der die Flucht König Louis-Philippes nach England romanhaft ausmalt, der die Heroinen der Barrikadenkämpfe, die unter den Gewehrsalven der Soldaten fallen, durch seine Sprache ins grelle Licht rückt, der den kleinen Louis Blanc mit wenigen Strichen zu skizzieren und zu vernichten weiß, der die ersten Versuche einer Volksbeglückung, wie etwa die Einrichtung der Nationalwerkstätten, mit spitzen Worten kritisiert. Das edelmütige Unternehmen organisiere nichts als Faulheit und Müßiggang, und das heißt für ihn: "Die schlechten Seiten Neapels und der Türkei kopieren. Lazaroni für den Frieden schaffen und Janitscharen für den Kampf".

In den Junitagen beschreibt Hugo den absurden Heroismus der Frauen beim Kampf; eine neue "Liberté" scheint da die Fahnen zu schwingen: "In diesem Moment erschien eine Frau auf dem Grat der Barrikaden, eine junge Frau, schön, zerzaust, schrecklich. Diese Frau, die ein Freudenmädchen war, hob ihr Kleid bis zum Gürtel und rief den Nationalgardisten in dieser grauenhaften Hurenhaussprache, die man stets übersetzen muss, zu: - Feiglinge, schießt, wenn ihr wagt, auf den Bauch einer Frau! - Hier wurde die Sache entsetzlich. Die Nationalgarde zögerte nicht. Ein Rottenfeuer brachte die Elende zu Fall. Sie starb mit lautem Schrei."

Hugos Aufzeichnungen tun freilich dem, was über die Revolution von 1848 an Fakten bekannt ist, nichts hinzu; und selbst die Poesie des Schreckens haben schon viele Romane ausgekostet. Bemerkenswert aber bleibt sein persönliches Engagement, das gepaart ist mit der quälenden Skepsis eines Intellektuellen, der ganz für die Prinzipien dieser Revolution und sehr gegen ihre Wirklichkeit ist. Bald schon bildet sich bei ihm die Ahnung des Putsches von 1851 heraus. Der Zwiespalt, mit dem Hugo die Ereignisse verfolgt, macht es verständlich, dass dieses Jahr auch für ihn ein Schicksalsjahr werden sollte, indem es ihn zwingt, Frankreich zu verlassen und sein fast lebenslängliches Exil auf den Kanalinseln zu beziehen.

Die Edition dieser seltenen Dokumente leidet unter der dilettantischen Präsentation des Herausgebers. Jörg W. Rademacher will sich nicht auf das einlassen, was der Leser einer solchen biographisch-historischen Sammlung zufälliger Aufzeichnungen, die ganz aus dem Augenblick heraus geschrieben sind, bräuchte. Nicht allein, dass ein Nachwort fehlt, das die Ereignisse so vor Augen stellte, dass das Kaleidoskop Hugos sich einem Geschichtsbild leicht einfügen ließe. Viel lieber erzählt der Herausgeber in seinem Nachwort von seinen eigenen Schwierigkeiten bei der Publikation der Papiere und stellt müßige Überlegungen literaturgeschichtlicher Art an, in denen er sich fragt, wie nahe Hugo den "Theorien" Canettis, dem "autobiografischen Schreiben" Klemperers und der intellektuellen Karriere Sartres stehe.

Auch der Kommentar gleitet immer wieder in vage und nebensächliche Deutungen etwa der Stimmungen Hugos beim Schreiben ab, statt sich um eine Klärung der historischen Situation zu bemühen. Eine detaillierte Zeittafel soll der mangelnden Kundigkeit des Lesers abhelfen. Konkrete Situationen aber werden dadurch dennoch nicht klar: wer, außer einem Historiker, weiß schon genau, welcher Art die Spannungen zwischen Lamartine und Cavaingnac waren, den beiden Konkurrenten um die Führung in der Revolution. Ein Personenverzeichnis müsste nicht nur die Lebensdaten, sondern auch einen kurzen Abriss der Bedeutung der Personen im revolutionären Kontext geben. Diese Leseausgabe, die nicht mit einem Fachpublikum rechnet, tut nichts dazu, ihrem Leser zu helfen, die Zettel Hugos am richtigen Ort ins Buch der Geschichte einzulegen.

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