Hudson River von Joyce Carol Oates, 2003, S. Fischer1.) - 2.)

Hudson River.
Roman von Joyce Carol Oates (2003, S. Fischer - Übertragung Silvia Morawetz).
Besprechung von Hannelore Schlaffer in der Frankfurter Rundschau, 11.7.2003:

Die armen Reichen
Joyce Carol Oates und ihre Eheroman "Hudson River"

Die Geschichte des Städtchens Salthill-on-Hudson beginnt mit einem Heldentod, der mitten ins Leben ihrer Bewohner hineinführt: Ein Künstler, Bildhauer und Star dieses Provinznests ertrinkt bei der Rettung eines Kindes. Schockiert tauchen die Freunde des Verunglückten in ihre Seelen hinab und kommen wieder empor, indem sie ihre verborgenen Wünsche mit zu Tage fördern.

Das in etwa ist Sinn und Inhalt der 600 Seiten, in denen Joyce Carol Oates über eine amerikanischen Wohnsiedlung der Reichen erzählt, die sich trotz Villa, Swimmingpool, Luxuskarosse, Park und Party nicht ganz wohlfühlen. Hinter dem schönen Schein enthüllt sich ein unerfülltes Sein, das der postumen Ermahnung des Künstlers bedarf, um zu sich zu kommen. Die Autorin aber lässt sich durch den Tod ihrer eigenen Figur zu einer Gesellschaftskritik inspirieren, die selbst schon ziemlich abgestorben ist.

Nur mit schwacher Stimme noch erhebt sie gelegentlich Einwände gegen die Leere dieses Daseins, das in Sonne und Geld schwimmt. Ihre Kritik an den Reichen äußert sich in Verdächtigungen von der Art, wie sie Nachbarn gegeneinander hegen. Die Bestsellerautorin weiß sehr wohl, dass sie für Leser schreibt, die, anders als die Romanfiguren, bestenfalls einen Luxuswagen, vielleicht ein schickes Haus, kaum je aber einen Swimmingpool und nie einen Park besitzen. Für solche Menschen schafft sie Figuren, die durch Geld ein bisschen glänzen.

Im übrigen sollen es Menschen sein, die wie alle anderen lieben, heiraten, sich scheiden lassen, wieder vereinen und ihren Hobbies frönen. Das Einzige, was sie vom Durchschnittsbürger unterscheidet, ist die Vergünstigung, nicht arbeiten zu müssen. Nicht nur, dass der bei seiner humanen Tat zu Tode gekommene Künstler ein Bohème war, der kaum je etwas produzierte. Oates lässt die Frage, die doch bei ihrem kritischen Bewusstsein der Leisure-Class gegenüber nahe gelegen hätte, wie diese Leute zu ihrem Reichtum kamen und welche Folgen das für ihr Leben haben könnte, gänzlich außer Acht. Insofern ist Salthill ein Kleinstadt-Olymp, dessen Götter, wie Götter eben oft, vor allem Probleme mit der Liebe haben.

Die gesellschaftliche Struktur stellt sich für Oates immer paarweise und auf jeden Fall heterosexuell dar. Deshalb konnte Hudson River nur zum Eheroman werden mit all den Problemen, wie sie eine solche menschliche Verbindung mit sich bringt, aber ohne Tragik. Oates mag das ihrem Realismus zugute schreiben; sie will die Physiologie der Wirklichkeit erfassen, in der Katastrophen selten sind. Der Hudson ist der große Strom, an dessen trägen Wassern ebenso träge Leben ablaufen.

Oates katalogisiert alle möglichen Szenen in einer Ehe: Da gibt es Marina und Roger, die gemeinsam kleine Korrekturen am Testament des Verstorbenen vornehmen und sich danach heiraten; Robin und Ann Lee, die sich endlich und viel zu spät verbinden; Owen und Augusta, die sich trennen und wiederfinden; und schließlich, dies allerdings eine Katastrophe, Camilla und Lionell, der am Ende des Romans am Becken seines Swimmingpools von der Hundehorde seiner Frau angefallen und zerfleischt wird.

Natürlich ist unter diesen Eheleuten, die sich mit ihrem Privatleben abmühen, der Künstler der Indikator, der ihre geheimen Schwierigkeiten aufdeckt. Die Paare hingegen berühren und beunruhigen sich gegenseitig kaum, denn zu kompliziert möchte sich Oates ihre Gesellschaft nicht denken. Der Künstler hält, wie ein Wagenlenker, die Paare am Zügel. Bei seinem Tod stellt sich - natürlich - heraus, dass alle Frauen seinem Charme erlegen waren. Der Freundin, die seine Papiere ordnet, fallen "Karten, parfümierte Briefe und glänzende Fotografien" entgegen, und sie stöhnt entsetzt: "Adams Frauen. So viele?"
Nicht nur durch die Alltagsphysiognomie der Figuren, die nur ein Unfall oder ein seltenes, dann aber sehr großes Glück - wie etwa eine Millionenerbschaft - ein bisschen auffällig macht, bringt Oates ihr Personal dem Leser näher. Sie stimuliert sein Interesse auch durch pädagogische Ermunterungen. So spricht sie ihm gern das vor, was man gegenwärtig in Deutschland die "Sigrid-Damm-Frage" nennen möchte. Was mag sich Goethe gedacht, was mag er gefühlt haben, fragt sich diese Erfolgsautorin immer wieder, zum Beispiel, wenn er eine Kindsmörderin verurteilt; und ähnlich versucht auch Oates, sich durch ausdrückliche Fragen in ihren Held einzufühlen - "Wie ist es, zu ertrinken?" -, um auch das hermeneutische Vermögen ihres Lesers zu stimulieren.

Um diesen Akt der Identifikation mit einer Figur nicht zu strapazieren, sucht Oates Metaphern und findet statt dieser nur ungelenke Übertreibungen, wie sie in der Alltagssprache üblich sind. Wer fühlte nicht, wenn er sich von den Ehebanden befreit hat, sein Herz anschwellen "vor Glück wie ein Luftballon zum Platzen"? Wer genösse nicht gern ein "Leben, in dem sich Verabredungen, gesellschaftliche Anlässe und Besorgungen aneinander reihen wie die Perlen eines Rosenkranzes, eines Rosenkranzes wie eine Endlosschleife"?

Oates weiß sehr wohl, dass sie das Modell ihres kleinbürgerlichen Paarkampfes aus dem Fernsehen bezieht und kommt dem Vorwurf der Imitation zuvor, indem sie gesteht: "Das war ebenfalls eine Fernsehszene, eine Filmszene, aber nackt, echt, für die Beteiligten so schmerzhaft wie der Bohrer des Zahnarztes ohne Novocain". Wenn sich hinter solchen Selbstkommentierungen eine leise Selbstkritik der Autorin verbirgt, die ahnt, dass heute die Leben in der Wirklichkeit sich dem Entwurf des Fernsehens anbequemen, so ist sie doch Psychologin genug, um ihre Leser in ihren Gewohnheiten nicht zu stören.

Die Leute in ihrem Roman haben ja, wie die im Leben, nur deshalb eine midlife-crisis, weil ihre Vergnügungen so monoton geworden sind, weil sie vom Leben zum Roman und vom Roman zum Fernsehen übergehen können, ohne einen Unterschied zu spüren. Der Hudson River ist eben ein Gewässer, in dem es, anders als in den wilden Meeren des Moby Dick, nichts zu jagen gibt. Der Roman der Ehekrise ist das Gegenteil von einem Abenteuerroman.

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Hudson River von Joyce Carol Oates, 2003, S. Fischer2.)

Hudson River.
Roman von Joyce Carol Oates (2003, S. Fischer - Übertragung Silvia Morawetz).
Besprechung von Malvine Gradinger im Münchner Merkur, 11.8.2003:

Alle Damen lieben Adam
Joyce Carol Oates` Gesellschaftsroman

Die moderne amerikanische Gesellschaft - daraus schöpft Joyce Carol Oates, Jahrgang `38, ihre Romane. In "Hudson River" ist es die finanziell saturierte Schicht der Armani-Träger und Besitzer kostensatt restaurierter Herrenhäuser im Kolonialstil, welche sich, eine halbe Stunde vom hektischen Manhattan entfernt, die exklusive Ruhe der schicken Kleinstadt Salthill-on-Hudson leisten. Alle keine ganz jungen Leute mehr, diese denn auch von Oates gezielt heftig in die Midlife-Krise geschickten Figuren.

Sieben auf einen Streich. Entsprechend Charakter und Vita kriselt es bei jedem anders - womit Oates die typischen Lebensmitte-Paniken und Folge-Katastrophen abdeckt: Der Verlagshaus-Chef Lionel facht die schon lange dahindämmernde Sexualität neu an bei einer exotischen Krankengymnastin, nicht älter als seine Tochter.

 Während Gattin Camille, völlig zerstört, ihre nun objektlos gewordene Liebe herrenlosen Hunden zukommen lässt. Die geschiedene extravagante Im Ehe-Mausoleum Abigail verliert durch ihre Mutter-Klammerung die Zuneigung ihres Sohnes und damit den Sinn des Lebens. Die üppige Rubens-Schönheit Augusta entflieht nach 30 Jahren ("Wir sind einbalsamierte Leichen") dem "Ehe-Mausoleum". Roger, geschiedener Erfolgs-Jurist, will als später Alleinerzieher von unverhofftem Sohn aus Zufalls-Affäre sein früheres Scheitern als Vater wettmachen.

Ein Reigen aus Kurzgeschichten im Grunde, die die Autorin jedoch durch den kleinen Schauplatz Salthill, vor allem jedoch durch einen cleveren Kunstgriff zum Roman zusammenführt: Alle Damen lieben insgeheim den Bildhauer Adam Berendt. Auch fast alle ihre Ehemänner haben eine bewundernde Kumpel-Beziehung zu ihm. Doch der Junggeselle Adam, Inbegriff der sexy Männlichkeit - ohne je einer der weiblichen Avancen nachgegeben zu haben -, geheimnisumwitterter Einzelgänger und Künstler, muss bereits zu Beginn des Romans den Lebensretter-Tod in der Hudson-Bay sterben. Damit sich an Adams glorifizierter Erinnerung umso intensiver die Lebensentschlüsse dieser Salthiller entzünden. Sie bekennen dem Verstorbenen ihre Liebe, fragen den einstigen stets weisen Lebensberater um Rat.

Und Adam - oder die eigene von Adams Maximen inspirierte innere Stimme - antwortet dann sogar. Derlei Jenseitsgeflüster wie auch die häufigen kurzen, abrupt ins Erzählen eingeschobenen inneren Monologe, jeweils in Kursivdruck, sind von markerschütternder Trivialität. Möchte die Autorin ihre Figuren denunzieren? Ihre Widmung, "Für meine Freunde aus Princeton, die auf diesen Seiten nicht vorkommen", legt diese Vermutung nahe. Oder hat Oates bei ihrer doch sehr regelmäßigen Produktion keine Zeit für ein Feilen an Stil und dem Dekorationskitsch ihrer Sprachbilder? Der Winterhimmel ist "dunkel wie ein gebrochenes Herz"; "Gedanken summten und vibrierten wie der Lüfter im Bad"; "ihre verkümmerte Seele schlug gegen ihren Pferch wie ein Vogel, der in einen Schornstein geraten war." Auweia.

Kaum mildernde Umstände durch die nicht durchgehend sorgfältige Übersetzung. Aber eines kann Joyce Carol Oates: über alle, wenn auch konstruiert wirkenden Beziehungsverflechtungen hinweg die Erzählspannung halten - bis auf Seite 607.

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