Houwelandt.
Roman von John
von Düffel (2004, DuMont).
Besprechung von Roman Luckscheiter in der Frankfurter Rundschau, 29.9.2004:
Wenn der Klügere
nachgibt
Jeder geht mit der
existenziellen Plage der Langeweile anders um: Wie, das zeigt John von Düffels
Familienroman "Houwelandt"
Der angebliche
Generationenkonflikt, von Demographen heraufbeschworen, findet seit Jahrzehnten
schon nicht mehr statt - viel zu ähnlich sind sich Alt und Jung in ihren
Lebensstilen geworden, viel zu selten begegnen sie sich im interessierten
Wertestreit. Während sich die Geisteswissenschaften derzeit noch
kompensatorisch am Erinnerungsdiskurs abarbeiten, hat sich im Alltag längst die
Macht der Gegenwart über biographische Unterschiede gelegt. Sobald der
Wissensvorsprung der früh Geborenen auf der einen Seite oder die produktive
Naivität der Greenhorns auf der anderen als argumentative Autorität in
Anschlag gebracht werden, geht man sich lieber aus dem Weg. Familienfeste gehören
da zu den wenigen Gelegenheiten, wo derlei pragmatische Fluchten erheblich
erschwert werden.
Dass eine solche Feier allein schon durch ihre bloße Ankündigung ganz
wesentliche Impulse für die Selbstreflexion der genetisch oder emotional
miteinander verbandelten Generationen und ihre gegenseitige Wahrnehmung spenden
kann, führt jetzt auf unterhaltsame Weise John von Düffels Familienroman Houwelandt
vor. Von Düffel, der sich seit einigen Jahren mit Prosa und Dramatik einen
Namen macht, beschreibt darin - wie bereits in seinem Roman Vom Wasser -
die komplexe Konstitution von Verwandtschaft.
Fatales Kontinuum
Als fatales Kontinuum erweist
sich auch der Mangel an Austausch: In der jüngsten Generation - repräsentiert
durch Christian, einem Radiomoderator im Frühdienst, und seine Freundin
Ricarda, einer Juristin im absorbierenden Rund-um-die-Uhr-Job - finden
Absprachen nur in den Grauzonen der Aufmerksamkeit zwischen Berufserfüllung und
Erholungsbedürfnis statt: auf dem Weg ins Bett oder beim notdürftigen Mahl in
der Küche. Entscheiden muss ein Houwelandt allein, selbst wenn er wie Christian
plötzlich geradezu besessen ist von der Idee, ein Kind haben zu wollen.
Vaterschaft als Sinnfindung lautet das Programm, mit dem er seine Liebe zu
Ricarda auf die Probe stellt. Die organisatorischen Begegnungen, die das angekündigte
Familienfest mit sich bringt, dienen ihm dann als Hilfestellung wider Willen,
weil er unter dem Eindruck der allmählich ans Licht kommenden Lebenslügen
seiner Vorfahren daran zu zweifeln beginnt, ob es überhaupt richtig wäre, die
"Kette der Defekte" fortzusetzen - insgeheim hat von Düffel einen
Roman zur genetischen Pränataldiagnostik geschrieben.
Der 80. Geburtstag seines Großvaters wird nicht nur für Christian zum
Katalysator der Selbstbewusstwerdung. Auch Jorge selbst, der allein in Spanien
zurückbleibt und nie den Anschein machte, auf Mitmenschen angewiesen zu sein,
entwickelt noch einmal ganz neue Energien, gesteht sich Sentimentalitäten ein
und widmet sich der Aufgabe, einem Zigeunerjungen das Schwimmen beizubringen.
Dass seine harte Schale schließlich auch noch aus erinnerten
Kindheitserlebnissen hergeleitet wird, mag dem einen oder anderen Leser als
Griff in die Kitschkiste erscheinen. Vom Konzept des Romans her gedacht, ist es
zugleich Abrundung und historische Öffnung eines Psychogramms, das nicht nur
das Schicksal der Abstammung reflektiert, sondern auch die zeitbedingten
Faktoren ihrer individuellen Ausprägung und die Last der jeweils daraus
resultierenden Sehnsüchte.
Die Materialbasis dieses Unterfangens ist bei einem Umfang von rund 300 Seiten für
drei Generationen etwas schmal, und man ist versucht, in Anbetracht der eng
umrissenen Kernhandlung von einer großen Novelle zu sprechen. Wenn der Text
gleichwohl eine epische Breite ausstrahlt, dann liegt das vor allem an der
stilistischen Entscheidung des Autors. Die einzelnen Kapitel sind jeweils in der
erlebten Rede einer Figur verfasst und führen mal simultan, mal chronologisch
ihren subjektiven Umgang mit der familiären Herausforderung in den Etappen der
gegenseitigen Annäherung vor.
Nicht in jeden Figurenton scheint sich von Düffel so richtig hineingefunden
haben; die Christian-Perspektive beherrscht der 38-jährige Autor jedenfalls
deutlich besser als diejenige Jorges, die ihm unglücklicherweise auch einen gründlich
missratenen ersten Satz beschert hat: "Die Insel vor ihm hatte die Farbe
des Sandsteins, den man hier brach." Überhaupt vermisst man bisweilen die
volle Präsenz seines literarischen Talents, was wiederum auf das gewählte
personale Erzählverhalten zurückzuführen sein dürfte, das so wunderbare
Von-Düffel-Wortschöpfungen wie "sich wachärgern" oder "syltförmiger
Fleck" nicht oft genug zum Zuge kommen lässt.
Die Wahl der erlebten Rede hat freilich ihren guten Grund: Nur mit ihr wird das
monologische Nebeneinander der desinteressierten Generationenglieder so
beklemmend deutlich und nur über sie hat der Leser gleichzeitig den Eindruck,
dem jeweiligen Lebensentwurf sei darstellerische Gerechtigkeit widerfahren.
Als Roman des Nebeneinander (wie
Gutzkow einst seine Ritter vom Geist genannt hat) vermeidet Houwelandt
zudem die Gefahr, als Replik der Buddenbrooks, der im Nacheinander des
Niedergangs gehaltenen Familiensaga Thomas
Manns, wahrgenommen zu werden. Das
Generationenporträt ist vom ethischen Standpunkt aus gesehen egalitär. Jeder,
so könnte das durchaus zeitkritische Motto lauten, hat das Recht auf einen
eigenen Umgang mit der existenziellen Plage der Langeweile. In von Düffels
letztem Roman Ego wurde die mentale Apathie durch manischen
Fitness-Hedonismus kompensiert. Diesmal geht es eher um emotionalen
Muskelaufbau.
P.S.: Für Buchhändler hält die Geschichte mit ihrem pädagogischen
Knobelpotential in Sachen Vererbungslehre übrigens auch einen materiellen
Gewinn bereit: Sie dürfen nämlich an einem Preisausschreiben teilnehmen, bei
dem die kryptische Frage beantwortet werden muss, welches Mitglied der Familie
"am wenigsten glaubt, mit Patriarch Jorge verbunden" zu sein und
"doch vor der größten Herausforderung seines Lebens steht." Der
Hauptgewinn ist ein "VIP-Abend" mit dem Autor im Hamburger Thalia
Theater. Das ganze Lesen ist ein Quiz, und wir sind nur die Kandidaten - eine
einschüchternde Perspektive auf künftige Strategien der Literaturvermittlung.
[...diese und weitere Besprechungen
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