Hotel Savoy von Joseph Roth, 2003, dtvHotel Savoy.
Roman von Joseph Roth (
1924/2003, dtv).
Besprechung von Francis Pierquin, Vernouillet/Frankreich, 13.07.2005:

Heimkehr ins Wurzellose

Gabriel Dan, Sohn russischer Juden, der in Wien großgeworden ist, betritt im Herbst 1919 nach langem Fußmarsch wieder die europäische Bühne. Er ist Kriegsheimkehrer und kommt aus russischer Gefangenschaft. In der Stadt, in der er anlangt - und die auffallende Züge mit Lodz aufweist -, steigt er im Hotel Savoy ab. Dieses Riesenhotel umfasst 864 Zimmer - je höher gelegen, desto schäbiger. Im Hochparterre wohnen die Herrschaften, im siebten und letzten Stockwerk armselige Menschen, die von der Hand in den Mund leben.
Gabriel Dan bezieht Zimmer 703 im 6. Stock. Dieses Zimmer kann er sich allerdings nur deswegen leisten, weil sein reicher Onkel Phöbus Böhlaug, der in einer vornehmen Vorstadtvilla wohnt, es nicht vermeiden kann, ihm mit einer Geldsumme und einem abgetragenen Anzug auszuhelfen.
Im Hotel, insbesondere im letzten Stockwerk, lernt Gabriel allerlei Gestalten kennen, die sich irgendwie weiterwursteln, wie etwa die Variété-Tänzerin Stasia, den Clown Wladimir Santschin oder auch den Juden Hirsch Fisch. In der Bar des Hotels verkehren aber auch die reichen Industriellen der Stadt wie der Fabrikbesitzer Philipp Neuner oder der Anilinfabrikant Herr Kanner, deren Angewohnheit es ist, nackt auftretende Tänzerinnen zu zwicken.
Indes bricht in der Fabrik des Herrn Neuner ein Streik aus, derweil der Strom der Kriegsheimkehrer nicht abreißt.
Die Stimmung in der Stadt wird immer gereizter. Alles scheint nur noch auf Henry Bloomfield zu hoffen, den Sohn des Jechiel Blumenfeld, der es in Amerika zu großem Reichtum gebracht hat und der dann und wann seine alte Heimatstadt zu besuchen pflegt. Als Bloomfield mitsamt Sekretär und Leibfriseur tatsächlich im Hotel Savoy absteigt, wird er sofort von allerlei Besuchern und Bittstellern umlagert. Um derer Herr zu werden, stellt er Gabriel Dan als zweiten Sekretär ein. Die geschäftlichen Angebote und Hilfsgesuche nehmen kein Ende, so dass selbst ein Henry Bloomfield sie nicht alle befriedigen kann. Ernüchterung und Enttäuschung machen sich breit, und viele fragen sich, wozu er eigentlich gekommen sei.
Nur einige arme Bettler wissen es, auch Gabriel Dan kommt aus Zufall dahinter: Henry Bloomfield liegt es hauptsächlich daran, das Grab seines alten Vaters Jechiel Blumenfeld aufzusuchen, denn: „Ich bin ein Ostjude, und wir haben überall dort unsere Heimat, wo wir unsere Toten haben".
Indes eskaliert der Streik der Fabrikarbeiter, und der weiter anwachsende Strom der Heimkehrer tut ein übriges dazu, die Unzufriedenheit zu schüren, während zu allem Übel Typhus ausbricht.
Bald nachdem Henry Bloomfield abgereist ist, kommt es denn auch zur gewaltsamen Entladung, in deren Verlauf das Hotel Savoy abbrennt. Viele Opfer sind zu beklagen. Gabriel Dan, der in der Stadt nichts mehr verloren hat, reist mit dem erstbesten Zug westwärts weiter.
„Hotel Savoy", einer der ersten Romane Joseph Roths, erschien 1924. Dem Konzept und dem Stil nach ist er späteren Werken aber bereits so gut wie ebenbürtig. Bemerkenswert ist die Seelenlage des entwurzelten, ehemaligen Frontsoldaten, der sich nicht nur in das Los anderer Heimkehrer, Proletarier, armseliger Menschen und sonstiger Revolutionäre einzufühlen vermag, sondern gleichzeitig und nahezu auf das Selbstverständlichste Sekretär des Millionärs Henry Bloomfield wird. Auch das Leben und Treiben der reichen Industriellen der Stadt sowie das der ärmlichen Kaftanjuden, die versuchen, sich mit Valuta-Geschäften über Wasser zu halten, bleibt ihm nicht fremd. Das eine oder andere Mal verkehrt er in deren jeweiligen Kreisen und teilt, wenn auch nur zeitweilig, hautnah deren Schicksal. Dies machen die Stellung und der Blickwinkel des gesellschaftlich Entwurzelten und des zugleich Feinfühligen möglich. Einem anderen Autor wäre solche sozialkritische Durchleuchtung eher aus dem sicheren Abstand der dritten Person gelungen.
Joseph Roth schafft es aufs Glaubwürdigste in der ersten Person. Es ist dabei ein Künststück des Gabriel Dan - und des Joseph Roth -, dass trotz aller Einfühlung kritische Distanz, aber auch kritische Sympathien niemals verloren gehen. Dies nicht zuletzt dank des eigenartigen Stils : knapp und sachlich und zugleich sachte lyrisch. All dies Eigenschaften, die sich in Joseph Roths späteren, bekannteren Werken wiederfinden sollten. Nicht zuletzt die jüdische Thematik, die in solchen Werken wie „Juden auf Wanderschaft" oder „Hiob" noch zu Glanzleistungen kommen sollte, ist in „Hotel Savoy" schon im Keim enthalten.

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