Hotel Iris von Yôko Ogawa, 2001, LiebeskindHotel Iris.
Roman von Yôko Ogawa (2001, Verlagsbuchhandlung Liebeskind
- Übertragung Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler)
Besprechung von Birgit Ruf aus den Nürnberger Nachrichten vom 12.11.2001:

Gehorchen und dienen
Lust auf Perversion: Yôko Ogawas verstörendes Buch „Hotel Iris“

Das Hotel, das die 17-jährige Mari mit ihrer Mutter an der Küste betreibt, ist eine heruntergekommene Absteige. Mit äußerster Profitgier managt die Besitzerin die miefige Pension „Iris“ auf Kosten ihrer Tochter. Statt in die Schule zu gehen. Muss sie waschen, putzen, Botengänge erledigen. Befehle, Zwänge und Erniedrigungen bestimmen den tristen Alltag des Teenagers unter der herrischen Mutter.
Ein nächtlicher Zwischenfall verändert ihr Dasein: Aus einem der Hotelzimmer stürzt eine Prostituierte, die ihrem Freier perverse sexuelle Neigungen vorhält. „Schweig Hure!“ befiehlt der ältere Herr und trifft damit einen Ton, der Mari fasziniert. „Noch nie hatte ich einen derart wohlklingenden Befehl gehört – gelassen, würdevoll gebieterisch“, denkt sie und nutzt kurz später eine zufällige Begegnung mit dem Mann, um seine Bekanntschaft zu machen. Er ist Übersetzer, weit über 60 und lebt auf einer einsamen Insel.
Schon bald folgt Mari ihm in sein Haus und lebt dort sexuell das aus, was sie am besten kann: Gehorchen und dienen. Sie lässt sich mit Lust erniedrigen, gerät immer tiefer in den Strudel sexueller Abhängigkeit: „von irgendwoher holte er eine seltsame Schnur hervor und fesselte mich am ganzen Körper. Von Anfang bi s Ende waren seine Bewegungen von vollendeter harmonischer Schönheit.“ Dass die Beziehung zu dem alten Mann, der in seinen Sexualpraktiken immer monströser wird, in einer Katastrophe endet, ahnt der Leser von Beginn an...
Die in Japan gefeierte Autorin Yôko Ogawa (Jahrgang 1962) schildert in ihrem ersten ins Deutsche übersetzten Roman – erschienen im neuen Liebeskind Verlag – die abartige Beziehung der beiden aus Sicht Maris. Und sie tut es auf eine art, behutsam und präzise zugleich, dass man über alle Abgründe der Perversion hinweg beginnt, dieses junge, geschundene Gemüt nicht nur zu bedauern, sondern in seinen – bedingt durch das trostlose Elternhaus – gestörten Empfindungsmustern zu verstehen. Die Übersetzung bietet eine wunderbar klare Sprache, die manches umso krasser erscheinen lässt. Ein betörend-verstörender Roman.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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