honig
im mund - galle im herzen.
Gedichte von Stefan
Heuer (2007, Lyrikedition 2000)
Besprechung von Jan Egge Sedelies aus dem titel-magazin,
November 2007:
Gebrochene Terrorgeschichte
Stefan Heuer veröffentlicht 68
Gedichte zur RAF und setzt statt auf ein überzogen-emotionales
Blockbuster-Farbenspiel auf Grautöne und die nüchterne Macht des eigenen
Urteils.
Für manchen Redakteur und Kunstschaffenden hat der
deutsche Terrorismus auch seine guten Seiten: zumindest ist der Terrorstoff
spannend! Während Tageszeitungen und Magazine 30 Jahre nach dem Deutschen
Herbst wieder Chroniken zu jedem Detail der Schleyer-Entführung veröffentlichen,
Verlage nun auch die letzten RAF-Mitglieder zu einer Biographie pünktlich zur
Buchmesse in gebundener Form nötigen und die Diskussion über eine Begnadigung
des RAF-Terroristen Christian Klars Bundespräsident Horst Köhler genauso
umtreibt wie Edmund Stoiber oder den Intendanten des Berliner Ensembles, Claus
Peymann, in ach solch finster-versachlichten Zeiten, nimmt sich Lyriker und
Kulturveranstalter Stefan Heuer der Historie der RAF als künstlerischen
Rohstoff an. Im Ergebnis versammelt der Autor in seinem Lyrikband honig im
mund - galle im herzen dabei 68 Gedichte über die Geschichte der Roten
Armee Fraktion – fein gegliedert vom 2. Juni 1967 und der Erschießung des
Studenten Benno Ohnesorgs bis zur Endlassung Brigitte Mohnhaupts nach 24 Jahren
Haft im März dieses Jahres. Eine Terror-Chronik mit Zeilenumbrüchen:
streitbar, kritisch, originell.
RAF-Geschichten ohne Hollywood-Charme
Gedichte über, für oder von der RAF sind keine Innovation. Schon Peter-Jürgen
Boock hat Lyrik zum Leben im sogenannten Toten Trakt geschrieben, der Autor Peter-Paul
Zahl hat in seiner Zeit im Gefängnis Hunderte von Gedichten erdacht und
auch die mal-mehr-mal-weniger Sympathisierenden außerhalb der Knastmauern haben
fleißig Lyrik verfasst: Erich
Fried beschäftigte sich ausführlich mit dem Leben und den Todesumständen
von Ulrike Meinhof, Kaufhausbrandstifter Thorwald Proll setzte auf
experimentelle Lyrikfetzen als subversives Revoluzzer-Mittel, Freunde von
Irmgard Möller gaben einen Soli-Gedichtband namens Die schönste Jugend ist
gefangen für die gefangene Möller heraus und auch im Lyrik-Band „Sie würden
uns gern im Knast begraben“ wurde reichlich für die Genossen getrommelt. Und
heute? 2007 reduziert sich die Auseinandersetzung mit der RAF vor allem auf die
sachliche Recherchearbeit und Faktenvermittlung. Künstlerische Ansätze gab es
zuletzt 2005 in der stark umstrittenen Ausstellung in den Berliner Kunst Werken.
Literarische Umsetzungen gab es bisher eher wenige, rein lyrische kaum.
Scheinbar taugt der Terrorstoff nur noch zum Kinofilm – mit einem
Baader-Bogart als Macho-Liebhaber der durchgedrehten Katholikentochter Gudrun
Ensslin. Hier setzt der Chronist Stefan Heuer an, entzieht der RAF-Geschichte
den Hollywood-Charme und setzt statt auf ein überzogen-emotionales
Blockbuster-Farbenspiel auf Grautöne und die nüchterne Macht des eigenen
Urteils.
Anspielungsreiches Szenarienstakkato
Heuer konstruiert seine Gedichte aus Erklärungen der Terroristen,
Zeitungsberichten und biografischen Details. Er kombiniert Umgangssprache mit
einem sachlich-berichtenden Ton, Zeitgeistfetzen mit dem Blick des
zusammentragenden Historikers. Der Burgdorfer entwickelt ein Szenarienstakkato
von „der ersten generation auf studienfahrt, wahlpflichtkurs waffentechnik“
(die militärische Ausbildung der RAF in einem Camp der El Fatah in Jordanien)
über „der harte kern entfernt, die frucht dadurch nicht weicher“ (die
Verhaftung von Andreas Baader, Holger Meins und Jan Carl Raspe) bis hin zur „entführung
über den wolken / als aktionsform abgelehnt, als letzte chance willkommen,
heiligt der zweck seine unheiligen mittel“ (die Entführung der
Lufthansa-Maschine „Landshut“). Mal lakonisch, mal berichtend tragen Heuers
Gedichte durch die Geschichte. Lyrik wie Kassiber, die einen Grundverlauf
skizzieren, aber voller Anspielungen einen noch größeren Rahmen erahnen
lassen. Und trotzdem verzichtet der Autor vehement auf ein Urteil – was gerade
angesichts der Quellen für die vielen Zitate fast erstaunlich wirkt. Mitten im
Meer von Meinungsschnipseln besinnt sich der Leser auf sein eigenes Urteilsvermögen.
Manchmal fungieren die Worte Heuers dabei wie ein Blick durch ein Kaleidoskop,
das nach einem kräftigen Schütteln neue Bilder und Fragen zulässt, mitunter
hochpolitische: Haben sich die Terroristen in Stammheim wirklich selbst das
Leben genommen? Wenn es richtig ist, wie Stefan Aust jüngst im Spiegel belegt,
dass der Staat die Terroristen abgehört hat, hat er vom geplanten Selbstmord
gewusst? Ist er bewusst nicht eingeschritten? Heuer gibt keine Antworten in
seinen Gedichten, entwirft keine moralischen Richtlinien oder droht mit
erhobenem Zeigefinger. Er zeichnet in seinen sehr lesenswerten Gedichten einen
Geschichtsverlauf nach. Er deutet dabei aber genauso deutlich auf die
Seitenstreifen, auf mögliche Abwege, Irrwege. Dieser Feinsinn, der in vielen
Chroniken und Diskussionen zur RAF aus Vorsicht vor dem Sympathievorwurf für
den deutschen Terror auf das Faktenstarren reduziert wird, macht eine nüchterne
Aufarbeitung der deutschen Terrorgeschichte erst möglich. Heuer hat dazu mit
seinem Gedichtband honig im mund - galle im herzen erstklassig
beigetragen.[...diese und weitere
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