Homers Heimat von Raoul Schrott, 2008, Hanser1.) - 2.)

Homers Heimat.
Gedichte von Raoul Schrott (2008, Hanser).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 5.1.2008:

Woher kam Homer?

Eine denkwürdige Debatte zieht zur Zeit durch die Feuilletons. Der Dichter Raoul Schrott glaubt belegen zu können, dass Homer kein Grieche war, sondern aus Assyrien im Südosten Kleinasiens stammte. Das mag stimmig sein oder nicht; die Wissenschaft streitet darum seit Tagen, und lustvoll. Die Geschichte hat aber einen abenteuerlichen Aspekt.

"Wir sind Kinder des Orients", titelte die FAZ, die Schrott die Plattform bot, und leitete aus seinen Thesen die Chance für einen abendländisch-orientalischen Schulterschluss ab.

Schockschwerenot. Wer braucht solche Symbolik? War Nathan der Weise umsonst geschrieben, gab es nie einen Humanismus, der mehr wusste als: "Zur Rechten sieht man, wie zur Linken einen halben Türken niedersinken"?

Wer immer Homer war, woher er kam und wie sein Werk zu uns gelangte: Sein Wert liegt in ihm selbst.

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Homers Heimat von Raoul Schrott, 2008, Hanser2.)

Homers Heimat.
Gedichte von Raoul Schrott (2008, Hanser).
Besprechung von Reimund Wünsche im Münchner Merkur, 7.3.2008:

Homer ­ ein genialer Stubenhocker?
Der Archäologe Professor Reimund Wünsche ist Direktor der Münchner Glyptothek und der Staatlichen Antikensammlungen. Für unsere Zeitung hat er Raoul Schrotts Abhandlung „Homers Heimat” gelesen und seine umstrittenen Thesen eingeordnet.

Das Buch war noch nicht erschienen, da lösten schon die Vorberichte des Autors eine hitzige Diskussion aus. Man kann es verstehen. Wenn Raoul Schrott in Homer einen kastrierten Beamten in assyrischen Diensten, einen „genialen Stubenhocker” zu erkennen glaubt, dann trifft dies die Bildungsbürger tief ins Herz. Nicht wenige von ihnen waren nach Troja gereist im Glauben, hier seien Achill, Hektor und so viele andere Helden gefallen. Das war naiv: Die Ilias des Homer ist eine Dichtung, kein Geschichtsbuch.

Schrott glaubt nachweisen zu können, dass sich Homers Fantasie nicht an den riesigen Mauern der vorgeschichtlichen Stadt Troja entzündete, denn die Beschreibungen der Ilias passen nicht zu diesem Ort. Zudem haben die 60 000 griechischen Krieger, die er errechnet, in der Ebene von Troja keinen Platz. Reichlich Platz ist dagegen in Kilikien im südöstlichen Kleinasien. Dort lebt sein Homer (ein Elternteil griechisch), genießt eine Schulbildung, die „dem mesopotamischen Lehrplan folgt”, verdient sich als assyrischer Schreiber sein Brot, gewinnt wichtige Akteneinsicht und ist Zeitgenosse all der Ereignisse, die er in der Ilias, für Schrott „ein typisch ausuferndes Erstlingswerk”, verarbeitet. Es sind im Wesentlichen die Kriege der Assyrer gegen drei Revolten der „Danaer” in Kilikien zwischen 715-676 v. Chr.

Aber sein Homer ist natürlich kein simpler Chronist, sondern ein Dichter, der Erlebtes, Gehörtes und Angelesenes kombiniert, etwa bei der Beschreibung Trojas: „Was die groben Umrisse betrifft, hält er sich an die Lage von Tarsos (einer Stadt an Kilikiens Küste), um für die Nahaufnahmen seines Trojas auf Karatepe (im Landesinneren) als dreidimensionales Modell zurückzugreifen”.

Um die Belagerung Trojas anschaulich werden zu lassen, nutzte Homer auch die assyrische Kriegsberichterstattung von der Belagerung Jerusalems durch den Assyrerkönig Sanherib 701 v. Chr. All diese Kenntnisse verbindet er mit frühen griechischen Mythen. Diese Vorstellung von Dichter und Dichtung ist im Prinzip viel realistischer als der in der Archäologie so verbreitete Gedanke, die homerische Topographie und die von ihm beschriebenen Ereignisse an einem bestimmten Ort stattfinden zu lassen. Das Problem ist nur: Die dichterische Methode des Schrott‘schen Homer und die des Raoul Schrott sind ziemlich gleich. Sie kombinieren historisch korrekte Details mit alten Geschichten, so dass ein neues Bild entsteht.

Ich zweifle keinen Augenblick, dass es für Schrott ein Leichtes wäre, den Stoff der Ilias ganz woanders anzusiedeln. Denn Schrott hat Vieles, wahrscheinlich alles Wichtige gelesen, was über Homer, Troja und diesen Fragenkomplex in letzter Zeit geschrieben worden ist. Das haben zwar andere auch. Er aber hat eine große poetische Gestaltungskraft, ist zudem ein einfallsreicher, intelligenter Kombinierer. Er kann aus dem dichterischen Text unter Verwendung derselben archäologischen Quellen, die auch anderen historischen Deutungen als Basis dienten, ein neues geschichtliches Bild von Homer und dem Kampf um Troja entwerfen.

So fragwürdig das Bild auch sein mag, es dekonstruiert Vieles an manch anderen „wissenschaftlich” fundierten Thesen zu diesem Thema. In diesem Sinne ist dieses Buch wichtig. Eines sei hinzugefügt: Großes Erstaunen erweckt offensichtlich, wie man der Presse entnehmen kann, bei vielen seine Behauptung, dass die Ilias aus orientalischen Quellen gespeist werde. Die Abfassung der Ilias datiert Schrott, wie auch viele Forscher, um 660 v. Chr., also in eine Zeit, die in der Archäologie seit 100 Jahren die „orientalisierende Epoche” der Kunst genannt wird.

Und es gibt keinen Fachmann, der die wichtigen Einflüsse des Orients und auch Ägyptens auf Griechenland bezweifelt. Die Frage ist nur: Trifft es zu, dass das Wesentliche der Ilias aus orientalischen Quellen sich speist? Schrott druckt einen langen assyrischen Text ab, den Siegesbericht des Königs Sanherib von einer Schlacht gegen die Elamiter 691 v. Chr. Nach Schrotts Meinung kannte Homer diese Zeilen und „schlachtete sie in allen Details aus”. Er sieht eine direkte Abhängigkeit der Ilias von diesem Text.

Aber kann dies stimmen? Es gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den assyrischen Schlachtenschilderungen und der homerischen Darstellung der Kämpfe vor Troja. Der Unterschied besteht im Verhältnis zum Feind: Der Assyrerkönig kennt keine Gegner, sondern, wie er selbst sagt, nur „Bösewichter und Missetäter”, die er nicht im heroischen Einzelkampf, sondern in Massen und mühelos abschlachtet: „Ich schnitt ihnen die Kehlen ab wie Lämmern; ich schnitt ihre Leben ab, wie man einen Faden kappt; ich riss ihre Penisse ab wie Gurkenschösslinge.” In der Ilias hingegen ist der Feind ein Ebenbürtiger. Er hat das gleiche Recht zu töten wie man selbst: Ein trojanischer Held tötet einen griechischen genauso wie ein Grieche einen Trojaner. Das gilt in Literatur und bildender Kunst. Diese Möglichkeit wird in orientalischen und auch ägyptischen Kampfdarstellungen völlig ausgeblendet, in Texten wie in Bildern.

Woher hat Homer dieses ganz andere Feindbild? Es erklärt sich aus den innergriechischen Verhältnissen. Die griechischen Kleinstaaten waren nicht eingebunden in ein gemeinsames Reich, und so gab es keinen Reichsfeind. Der Gegner war die griechische Nachbarstadt. Deshalb konnte der Feind von heute der Verbündete von morgen sein. Daher diese „Fairness”. Homer überträgt diese griechischen Verhältnisse, man könnte sagen unpassend, auf den fiktiven Krieg der Griechen gegen die Trojaner, also gegen Nichtgriechen. Aber selbst in diesem Kampf geht es nicht, wie bei den assyrischen Kriegen, um Gewinnung eines neuen Herrschaftsgebietes oder Unterdrückung von Aufständischen; nur um Ehre und eine schöne Frau - Helena. Homer hatte offenbar keine Ahnung von den völlig anderen Kriegszielen und der anderen Kriegsethik orientalischer Reiche. Er war halt doch ein griechischer Dichter.

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