holzrauch über heslach.
Gedichte von Ulf
Stolterfoht (2007, Edition Engeler).
Besprechung von Michael
Braun aus der
Frankfurter Rundschau, 7.02.2008:
Elaborierte Anarchie
Die alteingesessenen Bewohner des Stuttgarter Stadtteils Heslach müssen wir uns als glückliche Menschen vorstellen. In Ihrer Neigung zur Renitenz lassen sich diese Helden des Eigensinns kaum übertreffen. Zumindest in den 1970er Jahren, so suggeriert uns das neue Gedichtbuch des Ex-Heslachers und Wahl-Berliners Ulf Stolterfoht, muss sich dort eine antibürgerliche Subkultur mit ausgefallenen nonkonformistischen Ritualen gebildet haben. Der junge Heslacher nährte sich von revolutionären Schriften anarchosyndikalistischen Ursprungs, darüber hinaus von Free Jazz, Stechäpfeln, Tollkirschen und anderen bewusstseinserweiternden Substanzen - und nicht zuletzt von Weizenbier und experimenteller Lyrik.
Was der passionierte Sprachspieler und Satz-Dekonstruktivist Stolterfoht jetzt als langes "ethnologisches Gedicht" über eine besondere schwäbische Population vorlegt, ist weit mehr als eine poetische Liebeserklärung an seine Kindheitslandschaft. In neun Kapiteln, die oftmals sehr skurrilitätsverliebt den "Clan" der Heslacher, einen Stamm von "Katzenartigen" umkreisen, entwirft Stolterfoht eine phantastische Geschichte der Subversion.
Jedem der neun Kapitel ist als motivische Matrix ein Buch eines literarischen Modernisten oder die Tonspur eines bestimmten Jazz- oder Rock-Albums unterlegt, von denen sich die ironische Verskunst des Autors antreiben lässt. Mit seinem semi-autobiografischen Stoff wagt Stolterfoht einen literarischen Neuanfang, der ihn über seine binnenlinguistisch inspirierten "fachsprachen"-Gedichtbücher weit hinausträgt. In einem Essay verwies der Autor 2006 auf die "Entsemantisierung der Kunst" als "letztes uneingelöstes Versprechen der Moderne". Ein autochthones lyrisches Ich, fundiert auf biografischen Daten des Autors, war in den "fachsprachen" nicht vorstellbar.
Junge weiße Schulverweigerer
Nun taucht überraschend in milder selbstironischer Zeugenschaft ein "erwerbslyriker" auf, ausgewiesen als "engeler-artist", dem Ende der 1970er Jahre die folgenreiche Einsicht dämmert: "für junge weiße schulverweigerer / blieben allein lyrik und improvisierte musik, um dem ghetto / zu entkommen". Zwar werden die Akteure des schwäbischen Undergrounds mit ihren Namen aufgerufen und topografisch exakt verordnet. Aber sie werden in ein so dichtes Netz an intertextuellen Sprachspielen und leichthändig hingeworfenen Binnenreimen und Kalauern eingewoben, dass es eines Kryptologen bedürfte, um all die biografischen Signale zu entschlüsseln.
Nur in einem einzigen Kapitel, in dem Stolterfoht in die gastronomischen Sehnsuchtsorte der Heslacher Subversions-Community abtaucht, gerät das ethnografische Spiel arg nostalgisch. Zwischen dem "Arminstüble", dem "Cafe Schurr" oder der "Gaststätte Notter" hat man offenbar viel antibürgerliches Sitzfleisch bewiesen, aber die Stolterfohtsche Sprachartistik wird bei der Rekonstruktion dieser biergestützten Meetings nicht immer beflügelt.
Grandios sind jedoch die Kapitel, in denen der Autor die unglücklichen Lebensläufe von Aktivisten des bewaffneten Kampfes mit katholischen Märtyrer-Legenden überblendet und sich am Ende in die Position eines suizidalen Sprach-Gefangenen hinein imaginiert. In diesen Sequenzen führt Stolterfoht auf überwältigende Weise vor, was Lyrik als entfesselte Sprachtheorie leisten kann: "kopfhals ins ungesicherte hinein". Wer experimentelle Lyrik bisher nur als Vorstufe zur literarischen Verkrampfung kannte, wird von der "elaborierten Anarchie" dieses Gedichtbuchs eines Besseren belehrt.
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