Holder die Polder von Urs Allemann, Edition EngelerHolder die Polder.
Lyrik von Urs Allemann (2001, Engeler).
Besprechung von Petra Nachbaur aus Der Standard, Wien vom 10.11.2001:

Kämpfen um den Sound der Ode
"Holder die Polder" - Neue Lyrik von Urs Allemann

Noch heute folgt der Erwähnung des Namens "Urs Allemann" oft ein betreten-irritiertes "Ist das nicht der mit dem ...?" Bleibt, bestätigend den Namen jenes Textes zu murmeln, mit dem er vor Jahren einen Skandal ausgelöst hat, dessen Folgen er heute noch spürt. Kaum rezipiert wurde die Lyrik des Wenigveröffentlichers.

"lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne: / sie sind genauer", heißt es bei Hans Magnus Enzensberger. Urs Allemann, tut sich nicht so leicht mit dem Empfehlen oder Abraten von Lektüre, auch nicht mit der Enzensbergerschen Gegenüberstellung. In puncto Genauigkeit können seine Oden mit Fahrplänen locker mithalten. Allemann spürt der antiken Metrik nach, schreibt exakte sapphische, asklepiadeische, alkäische Oden, schöpft aus der Tradition von Hölderlin und Klopstock, ohne dass die strenge Metrik zum Gerüst verkommt. Wichtiger als das handwerkliche Nachbauen ist für Allemann "der Sound der Ode". In diesen hat er sich ausgiebig eingelesen, eingehorcht und dann versucht, ihn ins 21. Jahrhundert zu transportieren. "Eine Art Test" sei es für ihn, "das Potenzial der Tradition auszuloten", zu überprüfen, ob alte Formen neuen Zeiten und veränderten Existenzweisen standhalten. Diesen Test hat die Ode in Allemannscher Ausprägung bestanden.

Vielleicht liegt das daran, dass er beim Unterfangen, die alte Form "zu revitalisieren", nicht vorgeht wie der zaghafte Passant, der seinerzeit letzte Reihe im Erste-Hilfe-Kurs gesessen hat und sich über Mund-zu-Mund-Beatmung nicht hinauswagt. Allemann wendet das radikale Repertoire des Wiederbelebungskönners an, und dort braucht es manchmal bekanntlich auch die scheinbar unsanfte Herzmassage. Was auch zum Gehalt dieser Lyrik passt, denn, um beim Fahrplan zu bleiben: Allemanns Gedichte sind so genau wie der minutiöseste, allerdings einer, dem neben Ankunfts- und Abfahrtszeiten verpatzte Getränke im Speisewagen, blinde Passagiere, Sex am verstopften WC und Zugunglücke bereits eingeschrieben sind. "Unheimlich viel" (und "unheimlich im wahrsten Sinn des Wortes"), das sich dem rationalen Zugriff verweigert, ist Allemanns Gedichten eigen, vieles, das beim Lesen - laut Auskunft des Autors auch beim Schreiben - verstört. Gewaltige Intensität spricht aus dieser Lyrik, und auch diese bewahrt sie davor, bloße epigonale Formspielerei zu sein. Reines Sprachspiel interessiert Allemann ohnehin nicht, das könne heute die Werbung, die er "Reklame" nennt, ebenso gut.

Mit der großen Intensität verbunden ist eine spezielle Art des Ich. Während in seinem letzten Gedichtband Fuzzhase, 1988 erschienen und Allemanns erste selbstständige Veröffentlichung, "ein Macher-Ich" am Werk gewesen sei, eines, das permanent verkünde "Ich weiß Bescheid", rauscht in diesen neuen Gedichten ein bescheideneres und zugleich wilderes Ich. Das hat auch damit zu tun, dass für Allemann diesmal "das gesamte Gedicht Ich" sein solle, ein Ich in allen Widersprüchen. Ein zerrissenes, fragmentarisiertes Ich, das sich krass abhebe von den gängigen Ich-Sätzen, in denen vermeintlich vom Ich gesprochen werde, tatsächlich jedoch vorgefertigte Wort-, Denk- und Gefühlshülsen reproduziert würden.

Es ist eine gleichsam raubtierhafte Sprache, die in diesen Gedichten sich anzuschleichen scheint und Witterung aufnimmt. "unübersetzbar wes Körperrauschen", endet "Alkäisch die fünfte", ein Gedicht, in dem sich poetologische Auskunft mischt mit aufbegehrend verkehrten Welten, die durch verschiedene Partizipformen entstehen. Aber auch ein sehr persönliches Ich geht um: Befragt nach der Funktion der Dialekt-Sprenkel in seinen neuen Gedichten lacht Allemann, der im Gespräch urbane Beschwingtheit vermittelt. Nein, auf gar keinen Fall hätte er sich damit "als Schweizer Autor outen" wollen. Vielmehr handle es sich um ein autobiografisches Moment, also nicht um etwas Allemannisches, sondern etwas "Allemannsches": Als Kind der schwyzerdütschen Umgebung entrissen und versetzt in das Hochdeutsch Deutschlands, ist diese Umstellung schmerzhaft hängen geblieben. Und so erscheinen dem heute wieder in der Schweiz lebenden Schriftsteller Einsprengsel wie "hörschöppis" oder "gopvrteckl" als früh- oder gar vorsprachliche auftauchende Segmente von Erinnertem. Außer durch das ungewohnte Metrum und die inhaltliche Dimension faszinieren Allemanns Gedichte durch intertextuelle Bezüge. Einmal verschränkt er eine frühe Ode Hölderlins mit der Elegie "Winterfreuden" von Klopstock und transportiert das Vokabular und die beiden Ahnen - sie treten namentlich auf, Hölderlin im historischen Kosenamen "Holder" - ins Metrum des Hinkjambus. Eine umso überzeugendere Wende, als der Hinkjambus sich inhaltlich trifft mit dem Bild des Alters, des Greises, der im ersten Vers genau dort, wo der Hinkjambus akut wird, "ausrutscht".

Der Titel Holder die Polder sei "eine sanfte, zärtliche Version" des Holterdiepolter - auf die Rilke-Wendung "Zärtlichkeiten, ungenau" beruft sich Allemann auch, um sich an seine spezielle Vorstellung von Genauigkeit heranzutasten. So tritt der Titel einmal in lakonischem Understatement an - und stellt zugleich einen Adonäus dar, den auffälligsten Vers der sapphischen Strophe.

Das lakonische Understatement, "der Horizont der Ironie" wiederum steht im Widerstreit mit seltsamem Pathos, das Heinz Schafroth etwas irreführend mit dem Begriff des Erhabenen zu fassen gesucht hat. Allemann erläutert, auch für ihn sei diese Begrifflichkeit zunächst fremd und nicht verwendbar. Doch handle es sich nicht um ein verblasen klassizistisches "Erhabenes", sondern um jenes nach Kant, bei dem das Erhabene dem Schönen entgegengesetzt sei. Von Erschütterung sei die Rede, von Leidenschaft auch im Abgründigen. In diesem Verständnis passt der Begriff dann doch. Allemanns Oden sprechen nicht das Wahre, Gute und Schöne, sondern das Wahre, Böse, Hässliche an und aus.

Und dabei sind diese Gedichte oft - lustig. Ausgerechnet die "Traurige(n) Trochäenbrösl" etwa: "das Gedicht sei Scheisse schade", heißt es da, und "zwei Nasen" reimen sich auf ebenso viele Hasen, Vasen, Phasen und Asen, obwohl Urs Allemann den Reim für die Gegenwart als untauglich befunden hat und in seinem aktuellen Sonett-Projekt, wie er schildert, vom obsolet gewordenen Reim auf die Assonanz ausweicht. Die Verwendung solcher "untauglicher" Mittel entspricht der Technik, mit der Allemann vor über zehn Jahren in Zwei schlechte Gedichte den Tod und die Geige aufeinander prallen ließ - mit komischer Klugheit gewinnen diese Gedichte gerade durch ihre Offenlegung des Versagens und umgehen dieses dabei auf ziemlich unwiderstehliche Weise.

Der Band ist strukturiert durch Neunereinheiten, wobei es Allemann wichtig ist, nicht das Zyklische herauszustreichen, sondern das Vermögen, dass jedes einzelne Gedicht für sich stehen kann und können muss. Erst im Nachhinein, betont er, erfolge die Anordnung, das Arrangement, das nötig sei, aber nicht überbewertet werden dürfe. "Eine äußerliche Geste" sei dies, "etwas wie Geschenkpapier". Und wer wird dieses Geschenk dann auswickeln, wer soll diese Oden lesen? Der Enzensbergersche Sohn nicht, auch nicht der von Urs Allemann, der sich in befürworteter Auflehnung seine eigene Lektüren sucht. Fest steht: Wer als Kind gern mit rohem Fleisch gespielt hat und sich dann irgendwann einem Studium der Geisteswissenschaften zugewandt hat, wird diese Gedichte ins Herz schließen. So manche/r andere auch. - Wenn sie oder er auf den Band stößt: Einige Buchhandlungen, Buchhändlerinnen vor allem, weigern sich, erzählt Allemann, sein neues Buch auf Lager zu bestellen. Ausdrücklich wegen Babyficker.

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