Hohe Wasser.
Erzählungen von Eugenie
Kain (2004, Otto-Müller-Verlag).
Besprechung von Franz
Haas in Neue
Züricher Zeitung vom 16.12.2003:
Die Untergeherinnen
Erzählungen von Eugenie Kain
Aus der Gegend um Linz an der Donau, wo Eugenie Kain 1960 geboren wurde, kommen fast alle Figuren in «Hohe Wasser», den sieben klammen Erzählungen vom unteren Rand des Wohlfahrtsstaates Österreich. Alle verbinden sie ein existenzielles Strampeln und das allgegenwärtige Wasser, unberechenbar und bedrohend, im böhmischen Fischteich, in Venedig, am französischen Atlantik, vor allem aber an der Donau im katastrophalen Hochwassersommer 2002. Meist sind es Frauen, die in vieler Hinsicht ums Überleben kämpfen, Untergeherinnen in den Beziehungswellen und Pfützen des Alltags.
Das soziale und feministische Anliegen der Autorin ist augenfällig, doch geht es zum Glück für diese Erzählungen meistens ohne den gereckten Zeigefinger. Und oft gelingen ihr beklemmende Bilder vom gewöhnlichen Kummer, stille Tragödien auf wenigen Seiten. Von einer alten Frau heisst es: «Das Sterben war über sie gekommen, wie das Wasserglas über das Zeichenblatt.» Eine junge Frau wird gezeigt im Käfig der Mutterschaft, im Haus an der Lokalbahn, in dem sie nun bügelnd und säugend in Depression versinkt, nachdem sie ihre Arbeit verloren hat. Eine andere allein erziehende Mutter reist mit ihren zwei Kindern in die Bretagne und stolpert dort von einer Enttäuschung in die nächste, immer mit Sorge um die schmale Geldbörse, immer in Gedanken bei ihrer untergegangenen Ehe.
Familiäre Desaster und drohende Naturkatastrophen, wohin man blickt, in diesen Erzählungen - und Frauen, die sich die Beine rasieren, «um den Anschluss an die Welt draussen nicht ganz zu verlieren». Ein kleines Mädchen fährt mit einem befreundeten Ehepaar nach Venedig, zum «Hochwasserschauen». Nach und nach wird klar, dass das Kind aus einer schiffbrüchigen Familie kommt, dass ihm mit dieser ablenkenden Reise über ein Trauma hinweggeholfen werden soll. Doch die Wohltäter sind selbst ein zänkisches, spiessiges Paar, von dem keine Rettung zu erhoffen ist. Das alles erzählt Eugenie Kain mit viel Gespür für Grautöne und für die spröde Sprache des Unglücks. Nur ganz selten ereifert sich die Erzählstimme demonstrativ über die Schlechtigkeit der Welt, dass «es Fabriksbesitzer gibt, die die Leute schinden und betrügen» - und rutscht dadurch ab in den Sozialkitsch, den sie sonst so geschickt vermeidet.
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