Höhlen tief im Wörterbuch,Tschechische Lyrik der letzten Jahrezehnte (2006, DTV, Hrsg. von Urs Heftrich/Heidelberg und Michael Špirit/Prag).

Höhlen tief im Wörterbuch.
Tschechische Lyrik der letzten Jahrezehnte (2006, DVA, hrsg. von
Urs Heftrich/Heidelberg und Michael Špirit/Prag).
Besprechung von Paul Alfred Kleinert, Berlin-Kreuzberg, 01/2007:

Brachte Ludvík Kundera im Vorwort zur 2ten Auflage der Anthologie „Die Sonnenuhr Tschechische Lyrik aus 11 Jahrhunderten“ 1993 zum Ausdruck, daß er das Gesamtbild der von ihm und (ursprünglich auch von) Franz Fühmann beförderten Anthologie bald um die „allerjüngste Poesie“ ergänzt wissen wolle, so kann mit dem vorliegenden Band der beiden verdienstvollen Herausgeber Heftrich und Špirit (man denke an die begonnenen „Gesammelten Werke“ Holans) eine empfindliche Lücke als weitgehend geschlossen betrachtet werden.

In der Tat liest sich die in 6 Teilen aufgebaute Anthologie, beginnend mit dem Jahr 1928 und endend im Jahr 2004, wie ein die eben erst vergangenen Zeitläufte begleitendes Textbuch der

Höhlen tief im Wörterbuch; allerhand bisher verborgenes und im Deutschen nicht zugängliches wird aus jenen an ’s Licht gebracht und kann nunmehr, in einer Form des auch als Gedicht im Deutschen Bestand habenden Textes, von der Leserschaft wahrgenommen werden.

Der gewählte Aufbau der Anthologie ist ein glücklicher, trägt er doch den politischen Zäsuren der Zeit Rechnung:1928 - 37, 1938- 45, 1946 – 55, 1956 – 68, 1969 – 88 und 1989 - dato.

Auch die Auswahl der aufgenommenen Autoren spricht für sich: neben der tschechischen Hautevolee kommen auch Dichter zu Wort, die im deutschen Sprachraum bisher weitgehend unbekannt sind und bei deren Auswahl die Herausgeber offensichtlich ein feines Gespür bewiesen haben.

Mithin reiht sich Anthologie am Eingang des 21ten an die großen des 20ten Jahrhunderts an, steht in der Tradition der großen Herausgeber Franz Pfemfert („Jüngste Tschechische Lyrik“, 1916), Rudolf Fuchs („Ein Erntekranz“, 1926); Paul Eisner („Die Tschechen“, 1928); F.C. Weiskopf („Tschechische Lieder“ 1925, „Das Herz – ein Schild“, 1937); Louis Fürnberg („Aus Böhmens Hain und Flur“, 1954); Ludvík Kudera und Franz Fühmann („Die Glasträne“, 1964/ „Die Sonnenuhr“, 1987); Heribert Becker („Aus den Kasematten des Schlafs“, 1980); Manfred Jähnichen („Gesang der Liebe zum Leben“, 1983); Ludvík Kudera („Die Sonnenuhr“, erweitert um die Dichtung ab 1950, 1993) oder Ludvík Kundera und Eduard Schreiber („Anthologie des Poetismus, 2004/ „Süß ist es zu Leben“, 2006) – die letztgenannten beiden Titel sind ebenfalls in der „Tschechischen Bibliothek“ erschienen.

Kurzum: der Band bedeutet entscheidende Entwicklungstendenzen der Tschechischen Dichtung, die gute Auswahl der Texte (hier allerdings hätte sich unterzeichnender Rezensent an der einen oder anderen Stelle die Gegenüberstellung des tschechischen Originals gewünscht) und der Übertragungen spricht für sich, das Nachwort Heftrichs gibt einen informativen, zeitgeschichtlich ausgelegten Überblick, führt gut in die Literaturgeschichte unseres Nachbarlandes ein – und so ist dem Band der ihm gebührende Erfolg zu wünschen.

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