Hitze von Ralf Rothmann, 2003, SuhrkampHitze.
Roman von Ralf Rothmann (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 9.4.2003:

In K-Wort-Nähe
Ralf Rothmann las gutmütig Menschelndes aus "Hitze"

Ralf Rothmann stammt aus Norddeutschland, ist im Ruhrgebiet aufgewachsen, lebt aber bereits seit den Siebzigerjahren in Berlin. Bekannt wurde er mit seiner großartigen Roman-Trilogie Stier, Wäldernacht und Milch und Kohle, in der er für den bundesrepublikanischen Arbeitsalltag der Sechziger- und Siebzigerjahre eine Sprache des poetischen Realismus fand. Rothmanns Helden waren Adoleszente, die zwischen dem rauen Alltag der unterprivilegierten Ruhrpott-Kohlenschürfer, zwischen Gelsenkircher Barock und pubertärer Verwirrung nach einem Ausweg suchten und diesen zumeist in der Kunst fanden.

Rothmanns neuer Roman Hitze spielt nun im Berlin der Nachwendezeit, und auch hier stehen wieder die Außenseiter im Mittelpunkt, randständige Existenzen, die grob miteinander umgehen, Aushilfsköche in einer Großküche, Stadtstreicherinnen, am Leben oder an der Liebe Gescheiterte. Zu einer Lesung aus Hitze war Ralf Rothmann nach Bergen-Enkheim zurück gekommen, wo er 1992 bereits das Amt des Stadtschreibers inne hatte.

Die Passagen, die er vortrug, legten den Verdacht nahe, dass das poetologische Konzept, das die frühen Romane mühelos trug, unter der Faszination des Autors für den Kiez-Charme zusammen bricht. Sein Protagonist, der Kameramann Simon DeLoo, der nach dem Tod seiner Freundin sein altes Leben nicht weiter führen kann, findet sich plötzlich wieder in einer Welt, die von klischeenahen Figuren bevölkert wird: die schrullige Alte (eine Paraderolle für Brigitte Mira?), der kurios radebrechende Türke, der doch irgendwie voll integriert ist, die Huren mit ihrem Halbwissen über den kategorischen Imperativ.

"Die Menschen haben eine zarte Mitte trotz ihrer rauen Töne", sagt Ralf Rothmann im anschließenden Gespräch. Dieses gutmütige Menscheln ohne erkennbare Kontrapunkte ist es, das Hitze in die gefährliche Nähe des bösen K-Wortes rückt.

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