Hinter dem Bahnhof liegt das Meer von Jutta Richter, 2001, Hanser-Verlag1.) - 2.)

Hinter dem Bahnhof liegt das Meer.
Jugendbuch von Jutta Richter (2001, Hanser).
Besprechung von
Sybil Gräfin Schönfeldt aus Süddeutsche Zeitung vom 5.12.2001:

Schutzengel
Ein modernes Märchen

Ein Märchen von einem Kind und einem Bettler und einer Königin. Jeder von den Dreien hat eine eigene Geschichte, die vom Elend der Welt kündet: Das Kind, Neuner – neun Jahre alt – ist verstoßen von der Mutter, weil sie meint, es nur so vor dem gewalttätigen Freund schützen zu können. Doch dann wird sie selber so verprügelt, dass sie ins Krankenhaus muss. Nun kann sich Neuner nicht mehr nachts ins Haus schleichen und landet bei den Bettlern und Obdachlosen, bei Kosmos, der nach einem Kapitän und Weltumsegler heißt und in einem Abbruchhaus schläft. Neuner aber will ans Meer, und Kosmos sagt, dazu brauche man Geld. So kommt die Königin ins Spiel. Ihr gehört die Kneipe, in die Kosmos Neuner zum Betteln schickt. Die Königin hat einst wie die beiden begonnen, hat sich selbst verkauft und hat nun Kneipe, Villa und rote Schuhe, aber kein Glück. So kauft sie Neuner den Schutzengel ab, damit er mit Kosmos am Meer, gleich hinter dem Bahnhof, die Getränkebude aufmachen kann, die für Kosmos das Glück seines Lebens bedeutet. Doch dieses Geld macht alles anders. Kosmos verrät und stiehlt, Neuner wird todkrank.

Im Märchen aber darf das Böse nicht siegen, und so übernehmen drei Bettler die Rolle des verkauften Schutzengels. „Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“, wie es zum Schluss im alten Märchen heißt. Ja, weil alle in einem ewigen schwebenden Augenblick so gut sind, wie sie es sein können. 

Nein, weil es Jutta Richter versteht, in diesem Entwurf eines möglichen irdischen Glücks seine Zerbrechlichkeit mit darzustellen. Immerhin: Eine Frau, hat erfahren, wozu Reichtum verpflichtet, und was man gewinnt, wenn man „das kalte Herz“ öffnet. Weiter: Ein Kind hat seine Heimat bei dieser Frau gefunden, die das Elend der Welt am eigenen Leibe erfahren hat und trotzdem Schutzengel duldet. Kosmos schließlich bekommt seine Saftbude, und die drei Bettler ihre Herzenswünsche erfüllt. Das sind ganz gute Anfänge, schlicht und ruhig, nicht ohne Gefühl und Ironie erzählt. Und der Leser versteht, dass es an ihm, an uns wäre, solche Hoffnungsbilder nicht im Märchenland zu lassen. Kein schlechtes Adventsgeschenk. (ab 10 Jahre).

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Hinter dem Bahnhof liegt das Meer von Jutta Richter, 2001, Hanser-Verlag2.)

Hinter dem Bahnhof liegt das Meer.
Jugendbuch von Jutta Richter (2001, Hanser).
Besprechung von Silke Schnettler in Die Welt vom 10.11.2001

Mama ist riesengroß!

Nichts trifft Kinder schlimmer, als die Erfahrung, dass ihre Mutter auf einmal fort ist. Aber manchmal entwickeln sie dann Stärken. Davon erzählen zwei beeindruckend vielschichtige Bücher....

...Auch Jutta Richters "Hinter dem Bahnhof liegt das Meer" hat diese literarische Qualität. "Es gibt auch gute Tage." Mit diesem Satz beginnt die Geschichte. Und es schwingt hier mehr mit: Wer gute Tage betonen muss, hat nicht viele davon. So ist es leider für Neuner. Der ist von zu Hause ausgerissen, weil sein neuer Vater ihn und seine Mama verprügelt hat. Jutta Richter versteht es meisterhaft, mit ein paar Worten Stimmungen entstehen zu lassen. Was Neuner zu Hause passiert ist, erfahren wir vor allem Nebensätzen. Das zeigt, wie schlimm diese Dinge für einen Neunjährigen sind - so sehr dass er sie fast nicht aussprechen kann: wie der Neue im Suff Neuner geschlagen hat. Wie der Neue die Mama verprügelte. Da hat Neuner den Notarzt gerufen und ist abgehauen.

Im Vordergrund entfaltet Jutta Richter mit zarten, schwebenden Worten eine märchenhafte Geschichte: Neuner ist mit dem Stadtstreicher Kosmos unterwegs, und die beiden haben einen Traum - sie wollen ans Meer. Weil sie dafür Geld brauchen, verkaufen sie Neuners Schutzengel an die "Königin von Caracas", die Besitzerin des gleichnamigen Restaurants. Dabei war der das einzige, was der Junge noch hatte, und ohne seinen Schutzengel wird er schwer krank....Fortsetzung

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