1.)
- 2).
Hinter
dem Bahnhof.
Prosa von Arno Camenisch (2010, Edition
Engeler).
Besprechung von Sibylle Birrer in Neue Zürcher Zeitung vom
18.11.2010:
Hinter dem Bahnhof liegt ein schmaler Streifen Niemandsland. Ein Parkplatz nur – doch in einem kleinen Bündner Dorf, wo sonst alles seinen Ort und vor allem seine Ordnung hat, ist dieses Nichts eigentlich viel. Es ist die Verheissung und Drohung zugleich, dass der dörfliche Mikrokosmos eines Tages seine Selbstverständlichkeit verlieren wird.
Doch vorderhand bewegen wir uns noch auf kindlicher Augenhöhe, stossen uns die Knie wund und erleben das Dorf als Schauplatz von Knabenstreichen: Arno Camenischs zweiter Prosaband, «Hinter dem Bahnhof», versammelt rund 150 kurze bis sehr kurze Passagen aus der Perspektive eines Kindes. Der Ich-Erzähler und sein Bruder stehen altersmässig wohl kurz vor dem Schul eintritt – jedoch spielen solche Realien oder deren Reflexion keine Rolle. Vielmehr reiht und stapelt der Autor die Kinderblicke wie Bauklötze und spielt mit dem Beobachtungs- und Sprachmaterial zugleich.
Dass es ihm das Heimatliche und dessen Sprachen besonders angetan haben, zeigte Arno Camenisch, 1978 im bündnerischen Tavanasa geboren, bereits in seinem vielbeachteten und mehrfach ausgezeichneten Prosadébut «Sez Ner» (2009), einem so archaischen wie zeitgemässen alpinen Anti-Idyll. War «Sez Ner» noch wechselweise auf Deutsch und Rätoromanisch verfasst, so sind nun, in «Hinter dem Bahnhof», nicht nur zwei, sondern gleich vier Sprachen amüsant und kunstvoll ineinander verschlungen. Der deutsche Grundtext ist durchwegs von schweizerdeutscher, surselvischer und italienischer Mundart durchwoben. Vermeintlich beiläufig entwickelt Camenisch auf diese Weise einen Sound, der sich selbst beim stillen Lesen umgehend im Innenohr festsetzt: «Wenn die Tatta jasst, bewegt sie ihre Zähne hin und her. Das macht Grüschs. Das lenkt die anderen Jassspieler ab, darum ist die Tatta so gut im Jassen. Heute bewegt die Tatta ihre Zähne nicht hin und her. Sie flucht, oh, Dieus, cartas miserablas, also schon la miseria. Buobs, sagt die Tatta, geht rein zur Fonsina und holt mir die Zähne, cartas miserablas, coffertori.»
So gerät man unversehens mitten ins Gesprochene, ins arrangiert «Authentische», das sich als eingängige Kunstsprache entpuppt und einen mit Witz durch die naive Kinderwelt bugsiert. Anfangs mag man über ungewohnte Wortbilder stolpern, schnell hat man sich aber in die Klangwort-Welten aus «Cofferrums», «Curvas» und «Cüalschrancs» eingelesen und findet – jenseits allen Lokalkolorits – beim «Cuafför» mit den «Durvellas» unter den «Hubas» auch gleich die untrüglichen Stilelemente der erinnerten 1980er Jahre wieder. Über den Zeitenlauf eines knappen Jahres hinweg lässt Arno Camenisch seinen Ich-Erzähler Impressionen aus dem Oberländer-Dorfalltag berichten: Ins Restaurant Helvezia, von der Tante geführt, geht man fürs «Pier», fürs «Schwäzli» oder – wie die Tatta, die Grossmutter – zum Jassen; das Skifahren gehört zu den Wintervergnügen, Fortpflanzungslehre erteilen die «Kinkelis» im Hasen-«Cäfic», und auch im 42-Einwohner-Nest finden sich Aussenseiter wie italienische Migranten oder ein verschrobener Poet. Ebenso wenig macht der Tod vor der Ortstafel halt: Im Jahreslauf stirbt der Tat, der Grossvater, an Lungenkrebs.
Doch auch diese existenzielle Erfahrung gibt Arno Camenisch in durchwegs lakonischen, um alles Emphatische beschnittenen Sätzen wieder. Im Grunde ist der Protagonist ein spröder Chronist. Komisch aber ist sein Erzählen durch die reduzierte Augenhöhe, den Sprachenmix und die vielen radebrechenden Kausalbezüge, die er – in typisch literarischer Kinderperspektiven-Manier – zwischen seinen Beobachtungen herstellt. Die literarische Kinderperspektive ist seit einigen Jahren sehr «en vogue» und wird es wohl, in Zeiten des radikalen Subjektivismus, auch noch länger bleiben. In der Summe dieser «anderen Kinder-Bücher» überzeugt Arno Camenischs schmaler Band in zweierlei Hinsicht: Zum einen schaffen das musikalische Sprachenspiel und die inhärente Sprachreflexion eine Ebene, die erheitert. Zum anderen geben die Dorfszenen einen Einblick in einen helvetisch-berglerischen Mikrokosmos, der sich in Auflösung befindet. Und dennoch vermittelt die Lektüre des Buches den Eindruck, man gehe inhaltlich über weite Strecken leer aus. Denn wo die Welt noch halbwegs in Ordnung ist, gibt es zwar viele Begebenheiten – aber wenig Notwendigkeit, diese einem Publikum zu berichten.
Arno Camenisch erzählt trotzdem. Mit ansteckender Freude an der Sprache, unverkennbarem Talent für Dramaturgie und viel Gespür fürs Reduzieren und Pointieren. Umso mehr ist für die Schweizer Gegenwartsliteratur zu hoffen, dass diesem Autor in den nächsten Jahren viel kerniger Stoff in die Finger gerät, den er mit seiner eigenständigen und unprätentiösen Spracharbeit zu verdichten weiss.
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2).
Hinter
dem Bahnhof.
Prosa von Arno Camenisch (2010, Edition
Engeler).
Besprechung von Markus Köhle in DUM
- Das alternative Magazin, 2010:
HINTER DEM BAHNHOF
Arno Camenisch hat im letzten Jahr mit dem Roman "Sez Ner" (auf Deutsch und Rätoromanisch) debütiert. Soeben erschien (ebenfalls im Engeler-Verlag) sein zweites Buch "Hinter dem Bahnhof". Stehen im Erstling der Senn, der Zusenn und die Hirterbuben im Mittelpunkt bzw. deren Leben auf der Alp Stavonas am Fuße des Piz Sezner in der Surselva des Kantons Graubünden, so geht es im Zweitling um ein Dorf, in dem der Rhein "Maulwürfe und Fussbälle" frisst, betrachtet aus dem Blickwinkel eines Kindes.[...diese und weitere Besprechungen
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