HinterNational - Johannes Urzidil, Ein Lesebuch von Klaus Johann und Vera Schneider. Mit einer CD mit Tondokumenten (2010, Deutsches Kulturforum östliches Europa, Potsdam).

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HinterNational.
Ein Lesebuch von Johannes Urzidil (
2010, Deutsches Kulturforum östliches Europa, Potsdam, von Klaus Johann und Vera Schneider, mit einer CD mit Tondokumenten).
Besprechung von Paul Alfred Kleinert, Berlin-Kreuzberg
, IV/2011:

Johannes Urzidil (1896-1970), einem deutschen Dichter Prager Prägung, wird mit diesem Lesebuch eine wahrhafte Würdigung zu Teil.

Die Gliederung des Buches umfasst auf 372 Seiten die Abschnitte Passagen, Stationen, Gestalten, Bohemismus und Hinternationalismus, Stimmen und Essays und führt somit von biographischen Gegebenheiten in Selbstaussagen über Werkauszüge hin zu kulturgeschichtlich und politisch bedeutsamen Aussagen Urzidils sowie Werkwürdigungen.

Beigegeben ist dem Buch ein Audiofeature von Ingo Kottkamp, welches zu Teilen in Originalaufnahmen Urzidil zu Worte kommen lässt und dem Buch so auf ’s Beste Stimme verleiht, zumal in jenem Prager Deutsch, welches heut’ nur noch von wenigen Sprecher(inne)n im Gebrauch ist.

Markante Sentenzen Urzidils wie „Wir alle leben ja, möchte ich sagen, vorerst als Modelle tieferer Wirklichkeiten, obschon nicht jeder das Glück hat, sich dessen bewusst zu werden“ (1965) oder „Der Deutsche heißt tschechisch ‚Němec’, der ‚Stumme’, einer, der unsere Sprache nicht spricht, mit dem wir uns daher nicht verständigen können; er bleibt aber doch der Hauptnachbar und in vielem der Lehrer […]. Der Russe hingegen stellt eine Art Nachbar dar, mit dem aber trotz aller Stammesverwandtschaft den Tschechen innerlich im Grunde nichts verbindet, auch nicht die Hoffnung auf ein brauchbares Erbe. Dieser Onkel ist groß und zugleich ein bißchen gruselig. Man liebt ihn nicht, aber man kann immerhin behaupten, daß man ihm nicht geradezu abgeneigt ist wie etwa den Deutschen, den Österreichern, den Magyaren oder sogar den Polen (um bei den Nachbarn zu bleiben).“ (1960)

Die häufig ironisch gefärbten Betrachtungen Urzidils sind denn auch zumeist vergnüglich zu lesen und binden den Leser rasch in die Gedankenwelt des Autors ein.

Der fundierten Auswahl des Herausgebers (von dem in Zusammenarbeit mit anderen eine auf zehn Bände angelegte Gesamtausgabe der Werke Urzidils demnächst zu gewärtigen steht) und der Herausgeberin ist es zu verdanken, daß ein im deutschsprachigen Raum kaum noch bekannter Autor den ihm gebührenden Platz im deutschen Literaturkanon wieder einnehmen kann und die Leserschaft auf diese Rückkehr vorbereitet wird.

Dem auch in der äußeren Gestalt gut gemachten Buch (fester Einband, Fadenheftung, Lesebändchen) ist ein aufmerksames Lesepublikum zu wünschen, wozu die ausgesprochen informativen Vorstellungsveranstaltungen des Deutschen Kulturforums östliches Europa einen guten Rahmen bilden.

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Leseprobe I Buchbestellung 0411 LYRIKwelt © P.A.K.

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HinterNational - Johannes Urzidil, Ein Lesebuch von Klaus Johann und Vera Schneider. Mit einer CD mit Tondokumenten (2010, Deutsches Kulturforum östliches Europa, Potsdam).

2.)

HinterNational.
Ein Lesebuch von Johannes Urzidil (
2010, Deutsches Kulturforum östliches Europa, Potsdam, von Klaus Johann und Vera Schneider, mit einer CD mit Tondokumenten).
Besprechung von A.Wg in Neue Zürcher Zeitung vom 27.1.2011:

Johannes Urzidil, «hinternational»

In den fünfziger und sechziger Jahren gehörte Johannes Urzidil zu den in Zeitungen und Radio gefragten Intellektuellen, nicht nur für seine profunden Kenntnisse des versunkenen Mitteleuropa, sondern auch für seine Liebenswürdigkeit, seinen Humor und seine Unverbissenheit, mit welchen er auch kontroverse Themen zu kommentieren vermochte. 1896 in Prag geboren (sein Vater war ein nationaler Deutschböhme, seine früh verstorbene Mutter Jüdin), gehörte Urzidil zu den jüngsten Autoren des Prager Kreises deutschsprachiger Autoren. Er kannte noch Kafka und gehörte zu den Letzten, die noch die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg in Prag bewusst erlebten. Zwischen zwei Kulturen zu leben, war für ihn kein Muss, sondern eine Selbstverständlichkeit, eine Freude und ein kostbares Geschenk. Dem Untergang dieses Kosmos in den Gewaltorgien des Zweiten Weltkrieges trauerte der seit 1939 im amerikanischen Exil lebende Urzidil bis zu seinem Tode im Jahre 1970 nach. Er war eben «hinternational», wie er einmal sagte. Unter diesem Titel hat das Deutsche Kulturforum östliches Europa nun eine Art Lesebuch herausgebracht, das einen Einblick in Urzidils vielfältiges literarisches Schaffen ermöglicht und – nicht zuletzt – mit einer CD auch Urzidils Prager Deutsch wieder lebendig macht. Neben einer Biografie des Schriftstellers aus der Feder der Herausgeber Klaus Johann und Vera Schneider bringt das Buch in Auszügen einen Überblick über die vielen Texte Urzidils zur böhmischen Kultur und Geschichte. An ihnen lässt sich ermessen, wie sehr im deutsch-tschechischen Dialog diese unaufgeregte, klare und gerechte Stimme fehlt. Den Ausklang des anregenden Bandes bilden Essays von Hartmut Binder, Peter Demetz und Gerhard Trapp.

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Leseprobe I Buchbestellung 0411 LYRIKwelt © NZZ/A.WG.