Hibiskus Code von Mirco Bonné, 2002, DuMontHibiskus Code.
Gedichte von Mirko Bonné (2003, DuMont).
Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 18.6.2003:

Kuss / ein Reihenhaus. Voll Scherben
Mirko Bonné hat sich in seinem Gedichtband "Hibiskus Code" auf die Spuren von John Keats begeben, und das ist gar nicht schief gegangen

Manchmal muss man schon die verborgensten Winkel der poetischen Tradition ausleuchten, um sich an die Schreibvoraussetzungen unserer zeitgenössischen Dichter herantasten zu können. Auch wer als Lyriker die gesteigerte Gegenwärtigkeit des Sprechens im freien Vers erreichen will, sucht für diese halsbrecherische Art lyrischer Artistik zuverlässige Unterstützung in den Grundbüchern der Moderne. Im Fall des Lyrikers Mirko Bonné, der bislang als Autor zweier Romane auf sich aufmerksam gemacht hat, ist der literarische Schlüsseltext ein Brief des englischen Romantikers John Keats, der vermutlich im Dezember 1817 abgefasst worden ist. Dieser Brief umspielt eine ästhetische Offenbarung, die auch heute noch als schönste Beschreibung der lyrischen Disposition gelten kann. Keats spricht darin von der negative capability, also von einer "negativen Befähigung", die eintrete, "wenn einer fähig ist, in Unsicherheiten zu sein, in Unerklärlichkeiten, in Zweifeln, ohne dem ärgerlichen Ausstrecken nach Faktum und Vernunft".

Mirko Bonné verweist in einer poetologischen Notiz für die Zeitschrift Zwischen den Zeilen auf diese negative capability als einer "Durchfahrtsstraße für alle Ideen und Phänomene" und als chemisches Cluster, das mit allem nur kurzzeitige Verbindungen eingeht. So entstehen Gedichte als transitorische Momente, blitzartige images, Augenblicksbilder der Erfahrung, die einer geschichtlichen Konstellation einen nur in diesem Moment gültigen Umriss geben. Als einer aus der kleinen Gilde von Keats-Übersetzern hat Bonné die negative capability für sich selbst fruchtbar gemacht, indem er sie als Lizenz für mitunter erzählerische, dann wieder assoziativ verschlungene Gedichte begreift. Auf den offenen Weg poetischer Erkenntnis gelangen seine Texte, wenn sie mit ihren visuellen Suchbewegungen, ihren unruhigen "Augenuntersuchungen" aus allen Erklärungen und Greifbarkeiten heraustreten. Es ist zunächst verblüffend, dass Bonné seinen Texten eine naturgeschichtliche Struktur aufprägen will. Das Ordnungsmuster für seine Gedichte ist ein botanisches: Die chronologische Abfolge der Texte soll der strengen Blütenfolge des sommerlichen Hibiskusstrauchs entsprechen. Die vier Abteilungen, in die sein Band Hibiskus Code gegliedert ist, entsprechen allerdings weniger naturgeschichtlichen Objektivitäten als vielmehr verschiedenen Bewegungsformen der poetischen Erfahrung. Im ersten Kapitel findet man lyrische Erkundungen von magischen Orten und Landschaften, von Farben und visuellen Zeichen, neugierige Blicke auf hoch symbolische Plätze (wie etwa den Protestantischen Friedhof von Rom), die in ein neues Licht, in eine neue Perspektive gerückt werden. An metaphorischer Originalität und Dichte gewinnen die Gedichte, wenn sie sich von geschichtsmäßig überstrapazierten Orten lösen und statt dessen an Fotografien ("Drei Frauen") oder fremd klingenden Namen ("Sobraasch") die innere Geschichte der abgebildeten Dinge oder Menschen entziffern. In Hibiskus Code hat Bonné formal sehr heterogene Gedichte versammelt: vom kleinen prägnanten Schnappschuss über das Trinklied ("Shanty") und die historische Genreszene bis hin zur hermetischen Ode ("Ode an Null") hat der Autor fast alle lyrischen Probebühnen der Gegenwart besetzt. Und doch lässt sich ein Unbehagen nicht vertreiben, wenn sich der Autor zu sehr ins Reminiszenzenhafte begibt und Konstellationen aufruft, die an anderer Stelle schon substantieller durchgearbeitet worden sind. Im Gedicht "Todtnauberggedanken" etwa, das die Begegnung zwischen Paul Celan und Martin Heidegger und das davon handelnde Celan-Gedicht zitiert, trumpft Bonné mit einer peinlichen Belehrung auf, wenn er gleich im ersten Vers seiner Kontrafaktur Heidegger als Nazi entlarven will: "Celan denkt Heidegger heil / die Haken am Brunnenkreuz -... ".

Ob er nun den lyrisch-einverständigen Dialog mit Kleist, Proust oder Trakl aufnimmt - der Autor wird beim Spaziergang durch die Galerie der dichterischen Vorbilder oft von sprachlicher Mattigkeit befallen. Weitaus spannungsreicher sind die Gedichte, in denen Bonné sich nicht gleich in ehrfürchtige Anrufungen verabschiedet, sondern ein Bild oder eine lyrische Szene mit konzentrierter Präzision entfaltet. Das Porträt von Klara Biberbach, einer Wirtin von Kaspar Hauser, ist von sinnlicher Plastizität, ebenso das kryptische Huldigungsgedicht an die rätselhafte Gestalt der begehrten Sonja: "Bog man ums o-förmige Wäldchen, war / ein Schatten auf dem Gras. Ein Vogel rief: / Magirus, oh Magirus! Alles klar - / Mann ,dieser Fettsack, der so lief, / war ich! Ich dachte: Welche Farbe muss / die Frauumrandung haben? Violett, / gerade dass es sich von Blau löst? Kuss... / ein Reihenhaus. Voll Scherben lag ihr Bett. /..." Jede Gedichtzeile, so Bonné in Anlehnung an Keats, soll so lange als möglich im unsicheren Neuland bleiben. In den schönen Verrätselungen von Gedichten wie "Sonja" oder "Ode an Null" durchmisst man dieses unbegrenzbare Terrain - ohne immer den "Helden Hibiskus" blühen zu sehen.

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