Heute könnte ein glücklicher Tag sein von Xaver Bayer, 2001, Verlag Jung und JungHeute könnte ein glücklicher Tag sein.
Roman von Xaver Bayer (2001, Jung und Jung).
Besprechung von Nicole Henneberg in der Frankfurter Rundschau, 11.4.2002:

Leiden an der Spülmaschine
Xaver Bayers Roman-Debüt vom glücklichen Tag

Der junge Mann kann einem Leid tun: Da sitzt er in seiner Wohnung und langweilt sich, weil sein Körper alle Festigkeit zu verlieren scheint, während die Einrichtungsgegenstände bedrohlich näherrücken. Sogar das Geräusch der Spülmaschine tut weh. In diesem Moment tut er das einzig Richtige: Er zieht seine Jacke an und geht. Ihm auf die Straße und später auf eine Party folgend, wird dem Leser allerdings klar, dass dem jungen Mann so leicht nicht zu helfen ist. Denn noch mehr als an seinen hingetrödelten Tagen leidet der Erzähler an der Sprach- und Empfindungslosigkeit seiner Umgebung.

Auf Partys sind Gespräche von vornherein unmöglich, aber auch mit seiner Freundin kann er nicht reden. Ob er sich von der Liebe überfordert fühle, fragt ihn eine Bekannte, und er antwortet: "Nein. Ja. Ich weiß nicht. Ich fühle mich eher gar nicht angesprochen, so, als könnte es unter gar keinen Umständen ich sein, der da gemeint ist."

Xaver Bayer lässt in seiner Erzählung einen jungen Mann aus einer toleranten Mittelstandsfamilie auftreten, der in Wien studiert und gern mit Freunden in Clubs geht. Es könnten glückliche Tage sein, würde den Erzähler nicht das Auseinanderdriften von Imagination und Realität zur Verzweiflung treiben.

Dabei gefällt er sich in der Pose des melancholischen Fin-de-Siècle-Jünglings, der elegant an der Ignoranz der Welt leidet. Aber eine Jahrhundertwende später ist diese Haltung nicht mehr durchzuhalten. Als er es in der Stadt nicht mehr aushält, fragt er einen Freund, welcher Ort noch deprimierender sei als Wien, und bekommt zur Antwort: Mauthausen.

Also fährt er brav dorthin, rettet sich auf dem ehemaligen KZ-Gelände mitten in die nölenden Schulklassen und erinnert sich, wie froh er war, den obligatorischen Ausflug damals zur Strafe nicht mitmachen zu dürfen. Aber dem wirklichen, niederschmetternden Ziel seiner Reise entgeht er nicht: Am Abend landet er im schäbigen Bordell des Kaffs. Wollte er nicht Asche auf sein Haupt streuen?

Weil Xaver Bayer seinen Erzähler nicht in Schutz nimmt, gewinnt das sprechende Ich mit diesen Szenen an Farbe und Entschiedenheit, worüber der mitfühlende Leser richtig erleichtert ist - denn so paralysiert, so weltabgewandt beginnt dieser kleine Entwicklungsroman, dass man dem scheinbar Erstarrten dringend zu einem praktischen Beruf raten möchte, bevor es zu spät ist. Offensichtlich ist der Student im letzten Studienjahr schon auf dem besten Weg, Schriftsteller zu werden: Bei so viel sensiblem und hochmoralischem Ekel vor der Welt, so vielen überzeugend formulierten Selbstzweifeln und Problemen mit dem weiblichen Geschlecht bleibt ihm ja auch keine andere Wahl.

Schon häufen sich die Notizzettel, aber Gott sei Dank findet der angehende Autor bei einer spontanen Aufräumaktion einen frühen, so hemmungslos sentimentalen Text von sich, dass er schwört, nie mehr Alltagsgefühle aufzuschreiben. Diesem Verdikt bleibt das ganze Buch treu. Xaver Bayer lässt seine Ich-Figur all das nicht erzählen, was gemeinhin als "interessant" gilt und in heutigen literarischen Debüts meist im Mittelpunkt steht. Innere Monologe gibt es genauso wenig wie Liebesszenen, entscheidende Aussprachen und finale Tagträume. Und auch das Wort Glück wird nur einmal strapaziert - für einen kurzen, bekifften Moment auf dem Gasometer am Wiener Stadtrand.

Der Erzähler sammelt also die zwischen einem Spätsommertag auf Ninas Balkon und einer verunglückten Samstagnacht zwölf Monate später gesprochenen beiläufigen Sätze und halb unbewussten Gesten, in denen das Ich sich ganz unzensiert zeigt; und reichert sie mit jenen kleinen, zufälligen Alltagsbeobachtungen an, die das tiefste, existenziell prägende Wissen über die äußere Welt vermitteln. Man könnte das auch die Suche nach den Sollbruchstellen der Erfahrung nennen, an denen Wahrheit ganz unspektakulär, aber desto unabweisbarer zu Tage tritt.

So skizziert der 1977 in Wien geborene Autor gelassen den Alltag eines Gleichaltrigen, der im Lauf eines biografisch entscheidenden Jahres vita contemplativa und vita activa gegeneinander abwägt, um die Stärken und Schwächen dieser heute oft ineinander fließenden Existenzweisen zu spüren. Das kluge und sensible Lebensgefühl, das sich hier ausspricht, gehört zu einer Generation, die jedweder Medienverfallenheit schon wieder entronnen ist.

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