Herrn Cogitos
Vermächntnis.
Gedichte von Zbigniew
Herbert (2000, Suhrkamp).
Besprechung von Katrin Dehlan, literaria.org:
Im zeitlosen Raum
Zbigniew Herbert ist einer der bekanntesten und am häufigsten übersetzten polnischen
Schriftsteller der Gegenwart. Er erhielt mehrere internationale Auszeichnungen für sein
literarisches Werk, blieb jedoch immer eng mit seinem Heimatland Polen verbunden. In dem
Gedichtband Herrn Cogitos Vermächtnis erscheinen einige seiner Gedichte neu
überarbeitet, andere zum ersten Mal in der deutschen Übersetzung.
Herbert schreibt über den Krieg und gegen den Krieg, über den Menschen und das
Menschsein, über Werte und Verluste, über die Liebe und über den Sinn für die
Schönheit des Lebens. Er vereint Realität und Phantasie, Gefühl und Verstand, Ideal und
Konfrontation, ohne jedoch den unmittelbaren Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren. Von
Gedicht zu Gedicht schwingt die Frage nach dem Sinn der Dinge mit. Alles hat eine
Bedeutung. Das zeitgeschichtliche Ereignis hinterläßt seine Spur in den alltäglichen
Begebenheiten, und beide sind vielleicht mehr als nur Anfang oder Ende oder das Glied
einer Kette.
Der Gegenstand wird lebendig. Herbert läßt in den Gesichtern der Natur den menschlichen
Charakter entstehen und scheint dabei aus den tiefen Urgründen der Welt nach Inspiration
zu schöpfen. Er schreibt in einer wunderbar bildhaften Sprache; die Tiefe seiner Gedanken
findet Bestätigung im Schauspiel seiner Kompositionen. Trotzdem bleibt das Ziel fast
immer in weiter Ferne.
wache - wenn lichtzeichen auf den bergen erscheinen
stehe auf und gehe
solange das blut in der brust deinen dunklen stern bewegt.
Die Gedichte sprechen aus sich selbst heraus, vom Menschen in den Menschen; die Stimme,
der Erzähler und das Selbst bewegen sich im zeitlosen Raum. Viele Momentbeschreibungen,
Monologe und Lieder erleuchten die Idee von der Würde des Lebens und der Freude an der
Schönheit der Dinge. Herbert zeigt eine große Fähigkeit zur Verwunderung, und regt
dadurch oder gerade deshalb den Leser zum Staunen an. Jedes seiner Gedichte erzählt eine
kleine Geschichte, manchmal mythisch, manchmal verwirrend, manchmal eine Antwort rufend
oder dann in der Frage verharrend. Die Einzigartigkeit des Einzelnen steht dem
Sinnzusammenhang des vollkommen Ganzen gegenüber. Kann sich der Mensch zur Größe der
Welt aufschwingen? Will er das überhaupt? Herbert sucht die Selbstverständlichkeit zu
ermüden, jedem Ereignis einen höheren Sinn zu geben.
Das Bewusstsein darf sich niemals zur Ruhe begeben, denn nichts geschieht zufällig und
ohne Wirkung. Der Mensch kann ein Zahnrad in der Maschine sein aber auch ebenso ein aktiv
handelndes Wesen. Denn niemals habe ich an den geist der geschichte geglaubt...
Herbert lässt die Konsequenz offen; Ideal, Wirklichkeit und Illusion muss man selbst
voneinander trennen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.literaria.org]
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