Herrgottswinkel.
Buch von Norbert
C. Kaser (2005, A1 Verlag - Fotos von Volker Derlath).
Besprechung von Freia
Oliv im Münchner
Merkur, 6.7.2005:
Verzweifelte Suche
Fotos und Poesie im "herrgottswinkel"
Weißes T-Shirt mit sachlicher Schrift: "Mach's wie Gott, werde Mensch". Spott oder Anmaßung, echter Glaube oder Egozentrik? Daneben das Gedicht über die Menschen, die immer schon geschrieen haben aus Wut, Angst und Schmerz, die aufgegeben haben, die Welt zu verändern, die unter Panzern verenden. Spätestens hier gefriert einem nun endgültig das Lächeln über dreiste Sprüche. Die "herrgottswinkel", die Norbert C. Kaser und Volker Derlath aufgetan haben, sind alles andere als idyllische Oasen für die Seele. In dem Buch geht es um das Sezieren der Religionsnutzung, wie sie herber, aber auch anschaulicher, assoziativer und direkter nicht sein könnte.
Mach's wie Gott, werde Mensch
Das Kreuz: An die Wand geschmiert, über dem
Notausgang fixiert, von ausgestopften Vögeln bedroht, heruntergekippt oder über
vollem Busen, auf sauberer Krawatte oder in Satanistenhand präsentiert, ist
Mode und Markenzeichen oder leeres Symbol. Jesus dazu, armlos, vornübergeneigt,
uferlos verkitscht oder verzerrt durchs Weinglas betrachtet, ist ein Geschändeter.
In jedem Winkel sind die Anzeichen vom Verfall der Religion zu sehen: Man muss
sie nur mit den Augen von Derlath wahrnehmen. Der Fotograf hat ein Auge für
skurrile Ausschnitte, die sich wie Aphorismen einprägen.
Der Münchner Fotograf entdeckte schon vor längerer Zeit die Verse Kasers, die
einen zerrissenen Menschen im Kampf mit sich und der Welt preisgeben. Ein Jahr
war Kaser im Brunecker Kapuzinerkloster, haderte die meiste Zeit seines nur 31-jährigen
Lebens mit dem Dasein, bevor er 1978 an den Folgen von Krankheit und
Alkoholismus starb. Die Biografie des mit dem österreichischen
Literaturstipendiums ausgezeichneten Lehrers spiegelt die gleiche Tragik wider
wie seine Lyrik. Ein grundsätzlicher Skeptiker und rastlos Suchender war Kaser,
der seine Verzweiflung hinausspuckt in dichter und ansteckender Wut.
"wir sollten statt des essens die peitsche kriegen man sollte uns auf den
vollen bauch treten" wehrt er sich gegen die Standortlosigkeit des satten Bürgers.
Daneben balanciert Jesus einhändig auf einem Pfosten, die Füße noch an ein
Reststück Kreuz genagelt. Leichtigkeit, Übermut, Verwerflichkeit, Missachtung
- um diese Komponenten ergänzen Derlaths Schwarz-Weiß-Bilder die Gedichte. Und
genau das tut unheimlich gut: So wird die Erschütterung der ehemaligen
Grundfesten der Moral mit einem Augenzwinkern zu einer Meditation im Alltag.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
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