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1.) - 4.)
Herr Adamson.
Roman von Urs Widmer (2009,
Diogenes).
Besprechung von Roman
Bucheli in Neue
Zürcher Zeitung vom 22.8.2009:
Was der Sprache recht ist, kann dem Helden eines solchen Romans nur billig sein: Auch ihm mutet sein Schöpfer zu, von fast jedem Schlund verschlungen und in fast jeden Abgrund gerissen zu werden. In «Herr Adamson», Urs Widmers jüngstem Roman, gerät der Ich-Erzähler als Achtjähriger mutwillig ins Reich der Toten. Einem Dante ähnlich lässt er sich aus dem Paradiesgarten seiner Kindheit in die schleimige Welt der Verstorbenen locken, die zur angenehmeren Hälfte dem «Inferno» der «Divina Commedia» nachempfunden scheint, zur unbequemeren Hälfte aber den dunklen Gegenden von Tolkiens Mittelerde gleicht. Immerhin aber wird der Held bei Widmer in einem mykenischen Olivenhain wieder an die Oberwelt ausgespuckt und von einem freundlichen griechischen Polizisten auf dem Gepäckträger seines Fahrrads und buchstäblich in Windeseile nach Basel und zu seinen Eltern gefahren. Das Abenteuer hat keine zwei Tage gedauert. Dennoch lässt den Eltern die Erklärung für sein Ausbleiben die Konsultation eines Psychiaters für dringlich nötig erscheinen.
Solches und ähnlich Haarsträubendes sind Widmer-Leser gewohnt. Aber sprachlicher Furor und überdrehte Handlungen laufen hier nicht einfach ins Leere des Klamauks. Sie gehorchen einer inneren Mechanik dieses Erzählens, das nie zur Ruhe kommen darf und jeder gelungenen dramatischen Pirouette eine noch kühnere folgen lassen muss. Denn Stillstand bedeutete Tod. Und weil das Erzählen einmal ans Ende kommen muss, führen alle Geschichten zuletzt in den Tod. An seinem Todestag spricht Urs Widmers Protagonist für seine Enkelin einiges aus seinem Leben auf Band (es ist das Buch, das wir in den Händen halten). Solange er redet, lebt er. Als er mit seinen Schilderungen in der Gegenwart ankommt, bei seinem 94. Geburtstag und dem darauffolgenden Tag, als er davon erzählt, wie er in den Garten der Kindheit zurückgekehrt ist und hier aus seinem Leben berichtet, holt ihn die Zeit ein. Dem letzten Satz fehlt der Punkt. Das letzte Wort lautet: «Jetzt». Das liest sich durchaus doppelsinnig. Es meint den Augenblick des eintretenden Todes, und es bedeutet zugleich, in einem poetologischen Sinn, das Ende aller Geschichten, wenn diese in Echtzeit der Gegenwart habhaft zu werden versuchen. An dem Wörtchen «jetzt» verschluckt sich der Erzähler.
Aber Urs Widmer verschleiert nicht, worauf seine Geschichte zuläuft. Auf der ersten Seite ahnt, wer will, wie der Hase läuft. Vier Geschenke legt der Autor seinem Helden zum 94. neben die Geburtstagstorte: Die Ehefrau überreicht ihm ein «miniaturkleines Boot», in dessen Heck «ein schwarzer Fährmann mit einem Ruder in den Händen stand». Von der Tochter erhält er ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift «Gute Reise», und die Enkelin schenkt ihm ein Brot und eine Flasche Wein als Wegzehrung. Ein Pflock, wer nicht merkt, wohin diese Reise gehen soll!
Und weil es Urs Widmer immer knüppeldick liebt, folgt auf diesen kurzen Prolog eine Rückblende ins Jahr 1946. Da war der Held gerade achtjährig (übrigens decken sich seine Lebensdaten mit denen seines Autors), und wir sehen ihn im verwunschenen Garten des Nachbarhauses den Navajo-Indianern nacheifern, ehe er vor Schreck erstarrt: «Herr Adamson stand so jäh vor mir, als sei er vom Himmel gefallen.» Das stimmt immerhin zur Hälfte oder annäherungsweise. Denn es erweist sich allmählich, dass Herr Adamson (Jahrgang 1878) zwar nicht von den Toten auferstanden ist, aber jedenfalls aus der Unterwelt heraufsteigen und sich seinem «Nachfolger» zu erkennen geben kann. Ein Nachfolger sei, das erklärt Herr Adamson seinem jugendlichen Freund alsbald, jener Mensch, der im Augenblick des Todes eines anderen geboren werde. Er, der jugendliche Held und Erzähler des Romans, sei also genau dann geboren worden, als Herr Adamson gestorben sei; ihm, Adamson, werde es dereinst auch obliegen, ihn abzuholen, wenn seine letzte Stunde geschlagen hat.
Nicht genug damit, lässt Urs Widmer sein erzählerisches Alter Ego auf den kindlichen Erkundungstouren einen makabren Fund machen: Nach einer Rutschpartie in einer Kiesgrube muss er nicht nur sich selber wieder ausgraben, sondern fördert auch noch gleich einen Knochen («schwer wie ein Baumstamm») zutage, den er fachkundig einem Mammut zuordnet. Diesen Knochen wird er nun auf allen seinen Wegen mit sich tragen. Noch im hohen Alter geht er nicht ohne seinen Knochen vors Haus. Er ist sein Talisman und sein Menetekel. Als grotesk Gezeichneter wandelt er darum durchs Leben, dessen Bestimmung er zeichenhaft mit sich herumschleppt.
Es folgt denn in diesem wunderlichen Buch, das nicht ganz so poetisch ist wie «Der blaue Siphon» (1992), dafür aber alles Bisherige in der burlesken Ausschmückung übertreffen zu wollen scheint, noch manches Phantastische und Verschrobene, dass es nicht erstaunen kann, wenn der Kleine einmal mit einer «Hirnhautreizung» darniederliegt. Aber je enthemmter Widmer das Geschehen und die Figuren ins Groteske verzerrt, je gewaltiger seine Sprache «dröhnt», desto genauer sollte man hinschauen und hinhören auf das, was von dem Lauten und Schrillen niedergebrüllt zu werden droht. Und hier entfaltet sich dann die Geschichte noch einmal ganz anders, stiller, eindringlicher. Sie erzählt davon, dass der Mensch mitten im Leben von Verstorbenen umgeben ist und immer schon mit einem Bein im Reich der Toten steht; schief gehe er darum durch die Welt – so schief wie Mick, des Erzählers Jugendfreund, der einmal «schräg in die Luft gelehnt» mit einem Eimer voll gestohlenem Zement das Weite sucht.
Wie noch fast jedes Buch von Urs Widmer, so ist auch dieses, selbst in seiner kraftstrotzenden Gestik, ein heiteres Memento mori. Und wie so manches Buch zuvor moduliert auch dieses einmal mehr und wieder neu das Lied von der magischen Kraft des Erzählens. Auch der Geschichtenerzähler wird zwar sterben im Augenblick, da er «jetzt» zu sagen nicht mehr unterlassen kann, im Erzählten aber wird er fortdauern, jenen zum Ergötzen, die weiterhin schief im Leben stehen.
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Leseprobe I Buchbestellung 0809 LYRIKwelt © NZZ
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2.)
Herr Adamson.
Roman von Urs Widmer (2009,
Diogenes).
Besprechung von Alexander Altmann im Münchner Merkur,
18.9.2009:
Höllenfahrt ins Totenreich
Am besten war Urs Widmer immer schon,
wenn er tief in die Mottenkiste griff. Die Schätze aus dem globalen Mythen-
Sein neuer Roman „Herr Adamson“, in dem sich abendländisches Kulturgedonner und infantile Wildwestromantik mischen, ist endlich wieder einmal ein solches Ragout des postmodernen Wahnwitzes.
Dabei wirkt der Anfang so gemütlich, wie man’s von einem
Schweizer erwartet. Die Geschichte beginnt mit einer Kindheits-
Bis klar wird, was dieser verjährte Seitensprung im
Archäologen-
Unmerklich kippt die jugendfreie Abenteuer-
Auf jeden Fall ist der Orkus des Grauens gerade in seiner
albtraumhaft-
Ausgerechnet in Mykene kommt er aus dem Schattenreich
wieder ans Tageslicht – um von einem griechischen Polizisten per fliegendem
Fahrrad in die Schweiz zurücktransportiert zu werden. Aber eben das macht ja den
Reiz von Urs Widmers besten Geschichten aus, dass sie die Komik und den
Schrecken des Absurden stufenlos ineinander übergehen lassen. Nach seinem eher
kümmerlichen Roman „Ein Leben als Zwerg“ erweist sich der Autor diesmal wieder
als Riese surrealer Fabulierkunst. Mit seiner neuesten Gespenster-
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 1009 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Münchner Merkur
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3.)
Herr Adamson.
Roman von Urs Widmer (2009,
Diogenes).
Besprechung von Steffen Radlmaier aus den
Nürnberger Nachrichten vom 30.09.2009:
Den vollständigen Artikel mit Abb. von Steffen Radlmaier finden Sie unter Nürnberger Nachrichten
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4.)
Herr Adamson.
Roman von Urs Widmer (2009,
Diogenes).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ
vom 7.12.2009:
Das kommt, weil Urs Widmer aus der Schweiz kommt: aus einem kleinen Land mit engen Grenzen also, das sich selbst zuweilen allzu ernst nimmt (und bei fremden Klängen weghört). Und so läasst sich Widmers aktueller Roman, der als Essenz seines Lebenswerks daherkommt, auch lesen wie eine todernste, klamaukige Abrechnung mit der Heimat.
Die Geschichte beginnt am 22. Mai 2031: Am Tag vorher hatte der Ich-Erzähler Geburtstag (und hätte auch Urs Widmer Geburtstag, der am 21.Mai 1938 in Basel geboren wurde). Nun wartet er in einem Garten darauf, dass ein gewisser Herr Adamson kommt - um ihn abzuholen. Bald ahnen wir, wohin die Reise gehen soll.
Der Erzähler spricht seiner Enkelin ja die ganze Geschichte auf einen Rekorder. Wie er als Achtjähriger Herrn Adamson zum ersten Mal begegnete, 1946 und hier im Garten!, und dieser ihm die Physik des Jenseits erläuterte: "Ich und du haben uns auf Erden abgelöst. Wie in einem Stafettenlauf ohne Stab. Ich bin dein Vorgänger. Du bist mein Nachfolger. Mich kannst du sehen. Alle anderen Toten siehst du nicht." Der Erzähler erzählt, warum Herr Adamson sich dem Achtjährigen zeigte, welche Mission dieser für ihn erfüllen sollte und auf welche Weise er später Herrn Adamsons Enkelin Bibi begegnete. Welche Rolle Heinrich Schliemann spielte. Warum der Junge die Sprache der Navajo-Indianer lernte - so viele Salti macht Widmers Lebensreisebericht, dass jede Nacherzählung mit gebrochenen Ohren enden müsste.
Einmal gerät der Junge selbst unfreiwillig ins Totenreich, Herr Adamson führt ihn heraus - da stehen sie plötzlich in der historischen Stätte Mykene. Ein griechischer Polizist bringt den Jungen flugs zurück nach Basel zu den Eltern, auf dem Fahrrad. In Widmers Welt sind Unmöglichkeiten selbstverständlich.
In vergangenen Romanen hat der Schweizer Autor bereits seine eigene Biografie tollkühn zerpflückt: "Der Geliebte der Mutter", "Das Buch des Vaters", "Das Leben als Zwerg" sind ein Mutter-Vater-Kind-Spiel aus der Parallelwelt der Fiktion. Nun entzieht sich Widmer dem Skandal der eigenen Sterblichkeit, indem er ihr vorgreift. Seine Reise führt ihn weit hinaus aus dem kleinen Land mit den engen Grenzen: das da Leben heißt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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