Herero.
Roman von Gerhard
Seyfried (2003, Eichborn).
Besprechung von Steffen Richter in der Frankfurter Rundschau, 14.2.2001:
Kannst deutsch reden, Meister
Zu Besuch bei Gerhard Seyfried - seit jüngstem
Romancier des Herero-Aufstands
Windhoeks Kaiser-Wilhelm-Straße
Auch dort sind nochmals Tausende umgekommen. Erst in jüngster Zeit haben sich
Fachhistoriker - wie Gesine Krüger in ihrer Studie Kriegsbewältigung und
Geschichtsbewusstsein (1999) oder Jürgen Zimmerer in Deutsche Herrschaft
über Afrikaner (2001) - kritisch mit diesem Kolonialkrieg befasst. Aktualität
erhielt das Thema zudem durch die Wiedergutmachungsklage der Herero gegen
deutsche Unternehmen und die Bundesrepublik aus dem September 2001.
Vor ein paar Jahren reiste Seyfried auf Einladung der
Namibisch-Deutschen-Stiftung, dem Vorläufer des Goethe-Instituts, für zwölf
Tage durchs Land. Als Zeichner sollte er Vorträge über den Gebrauch von Comics
im Sprachunterricht halten. Doch was er dort sah, lenkte sein Interesse schnell
in eine andere Richtung. "Da stehen die Kanonen, wie sie von den Deutschen
verlassen wurden. Der Verschluss ist festgeschweißt, aber den könnte man lösen
und sofort weiterschießen." Swakopmund sehe aus wie ein kalifornischer
Badeort - nur mit preußischen Backsteinhäusern. Die Cafés verkaufen Leberkäs
und ein an der Tankstelle angestellter Herero erklärt ihm: "Kannst mit mir
deutsch reden, Meister."
In Windhoek gibt es ein zwölf Meter hohes Denkmal, das den Schutztruppenreitern
gewidmet ist. Und in die Bordsteine der Hauptstraße, die zur namibischen Unabhängigkeit
1990 in "Independence-Allee" umbenannt wurde, ist der alte Name
"Kaiser-Wilhelm-Straße" für alle Zeiten in den Granit gemeißelt. Da
war Seyfried klar, dass er diese Geschichte aufschreiben würde. Sein
Protagonist Carl Ettmann ist ein "Amalgam aus Zeitgenossen von
damals", wie sie in Tagebüchern, Augenzeugenberichten, Protokollen und
Zeitungsartikeln erscheinen. "Ich bin mit großem Respekt an die Sache
gegangen", erzählt Seyfried, "und zwar beiden Seiten gegenüber".
Von den Herero freilich gibt es keine schriftlichen Aufzeichnungen. Aber die mündlichen
Überlieferungen aus Gesängen und Erzählungen "vermitteln zumindest ein
Feeling dafür, wie es ihnen gegangen sein muss".
Um den Herero Petrus mit einer Friedensmission übers
Land ziehen zu lassen, hat Seyfried Fachliteratur und Berichte der Rheinischen
Missionare konsultiert. Das Ahnenfeuer, so befürchtet Petrus, würde in einem
Krieg verlöschen. Nicht genug, dass die Afrikaner durch den Verkauf von Land,
Vieh und Wasserstellen die Verbindung zum traditionellen Lebensrhythmus ihrer
Vorfahren gekappt haben. In einer Schlacht mit den Besatzern drohen die Namen
der Ahnen in Vergessenheit zu geraten, "die Wurzeln des Volkes im Vorher
sterben ab, und die Menschen haben keinen Halt mehr im Heute, und darum wird es
kein Morgen für sie geben". Von all dem wissen die Weißen nichts. Auch
der wortkarge Preuße Ettmann tut seine Pflicht. Zweifel am Treiben seiner
Landsleute kommen ihm erst spät. Dennoch lässt Seyfried die Geschichte nicht
in einen politisch korrekten Aufstand der Rechtschaffenen münden.
Ihm sei es darum gegangen, wie ein "ahnungsloser Deutscher von 1903
empfindet, der im Glauben in die Kolonie fährt, das wäre alles okay.
"Sollte der jetzt desertieren? Aber so etwas gab es beim Herero-Aufstand
nicht!" Ob ihm nie der Gedanke gekommen sei, seine Geschichte mit einem Erzählrahmen
in der Gegenwart zu verankern? "Nein", sagt Seyfried kategorisch,
"ich wollte direkt in die Zeit hinein". Doch darin liegt auch die
Crux. Mit der selbst auferlegten Beschränkung wird das binäre System
kolonialen Denkens - wir gegen sie, Vernunft, Willen und Kultur gegen Barbarei,
Trieb und Geschichtslosigkeit - über weite Strecken reproduziert. Zudem bedient
sich der bekennende Karl-May-Leser
und Fan von C.S. Forresters Hornblower-Geschichten einer äußerst
traditionellen, realistischen Erzählweise.
Beim Spaziergang durch Windhoek etwa wird ein nahezu kitschiges Kolonialpanorama
entworfen: "Es ist ein herrlicher, friedlicher Sonntagmorgen, die Sonne
strahlt, in den Büschen und Zweigen zwitschern unbekannte Vögel. Der helle
Klang einer kleinen Kirchenglocke schwingt in der klaren Luft." Es ist, so
hätte Roland Barthes wohl formuliert, eine écriture du pouvoir, die das
Fremde den heimischen Wahrnehmungsregularien assimiliert. Seyfrieds realistische
Illustrationen unterstreichen noch den Willen zum bloßen Abbild. Dabei gerät
ihm, in der ehrenwerten Absicht, das Geschehene mitsamt der Schuld undidaktisch
auszustellen, der Völkermord mitunter zu einem etwas zu süffigen
Leseabenteuer.
Doch das eigentliche Mirakel liegt darin, dass einer, dessen Bücher bislang
Titel trugen wie Hanf im Glück oder Bullen, Bonzen und Berliner,
sich nun als ernstzunehmender Romancier entpuppt.
Wer ist der "wahre Seyfried"? Da kann er nur lachen. Beantworten müssen
das andere.
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