Herero von Gerhard Seyfried, 2003, EichbornHerero.
Roman von Gerhard Seyfried (2003, Eichborn).
Besprechung von Steffen Richter in der Frankfurter Rundschau, 14.2.2001:

Kannst deutsch reden, Meister
Zu Besuch bei Gerhard Seyfried - seit jüngstem Romancier des Herero-Aufstands

Statt seiner Kreuzberger Hinterhauswohnung wäre Gerhard Seyfried eigentlich ein Atelier von der Größe einer Turnhalle zu wünschen. Dort hätten nicht nur Zeichentisch, Computer und die chaotische Ansammlung von Schraubenziehern, Zangen und Stiften aller Art Platz. Auch die Modelleisenbahn käme zwischen Wörterbüchern, Fotos und geographischen Atlanten besser zur Geltung. 1948 in München geboren, kam Seyfried 1976 nach Berlin. Markenzeichen des Karikaturisten und Comiczeichners waren bald seine knollennasigen Polizisten und die Allgegenwart von bewusstseinserweiternden Pülverchen.

Bei den letzten Bundestagswahlen hat er Christian Ströbele mit einem Plakat zum ersten grünen Direktmandat verholfen: "Ströbele wählen, Fischer quälen", hieß wochenlang die Parole im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Der Mann hat viele Talente. Seitdem Gerhard Seyfried auch noch einen Roman geschrieben hat, braucht der "Spontifex maximus", wie Der Spiegel ihn liebevoll nannte, allerdings einen Terminkalender. Fernsehen, Rundfunk und Presse stehen Schlange, um ihn zu seinem Epos über die deutsche Kolonialzeit in Namibia zu befragen (Herero, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2003, 600 Seiten, 29,90 Euro).

In dem kleinen Essay "My first book" erzählt Robert Louis Stevenson, dass am Beginn seiner Schatzinsel die Idee einer Karte stand. Ähnlich war es bei Gerhard Seyfried. Schon als Kind hat er "über Karten gebrütet und phantasiert". Sein Held, der 33-jährige Carl Ettmann, ist Kartograph. Von der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes wird er Ende 1903 nach Deutsch-Südwestafrika geschickt, ins heutige Namibia. Im Windhoeker Vermessungsamt soll der "Gourmet des cartes" an einer "verlässlichen Karte" des Terrains arbeiten. Dass damit der französische Rationalist René Descartes ins Spiel kommt, sei nicht beabsichtigt gewesen.

Kaum ist Ettmann angekommen, lehnen sich die eingeborenen Herero gegen die Praktiken der deutschen Kolonialmacht auf. Bahnstationen entlang der einzigen Linie Swakopmund - Windhoek werden überfallen, Farmen geplündert, die Männer erschlagen. Im Handumdrehen erhält der Reserve-Artellerist Ettmann seinen Gestellungsbefehl und wird Soldat der Schutztruppe. Er hält die Lunte an Geschütze aus Kruppstahl, ist bei der Rückeroberung der Herero-Hochburg Okahandja dabei und hilft mit seinen Karten, die Aufständischen zur entscheidenden Waterberg-Schlacht am 11. und 12. August 1904 einzukesseln.

Noch heute gibt es keine verlässlichen Zahlen, wie viele Herero bei ihrer Flucht vom Waterberg in der angrenzenden Omaheke-Wüste umgekommen sind. Meist ist von dreißig- bis sechzigtausend die Rede. Fest steht, dass die Deutschen hier ihren ersten Genozid verübten, sechzig bis achtzig Prozent der Herero-Bevölkerung ausgerottet haben. Gouverneur Theodor Leutwein hatte das Protektorat nach dem Prinzip "divide et impera" verwaltet, sich mit Bedacht gerade den Herero-Führer Samuel Maharero zum Partner gemacht. Doch schon im Juni 1904 wurde er von Kaiser Wilhelm II. wegen seiner "rücksichtsvollen Eingeborenenpolitik" durch den berüchtigten Afrika-Kämpfer Lothar von Trotha abgelöst. Er war es, der jene fatale Proklamation erließ, die einem Vernichtungsbefehl gleichkam. Den aus der Wüste zurückkehrenden Herero erklärte von Trotha: "Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero, mit oder ohne Gewehr, erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen." Die Herero starben im Kugelhagel der aufgestellten Postenketten oder verdursteten in der Omaheke. Als sich auch in Berlin die Einsicht durchsetzte, dass mit dem Abschlachten aller Arbeitskräfte die koloniale Ökonomie aus den Fugen gerät, ließ man die restlichen Überlebenden in Konzentrationslagern zusammenpferchen.

Windhoeks Kaiser-Wilhelm-Straße

Auch dort sind nochmals Tausende umgekommen. Erst in jüngster Zeit haben sich Fachhistoriker - wie Gesine Krüger in ihrer Studie Kriegsbewältigung und Geschichtsbewusstsein (1999) oder Jürgen Zimmerer in Deutsche Herrschaft über Afrikaner (2001) - kritisch mit diesem Kolonialkrieg befasst. Aktualität erhielt das Thema zudem durch die Wiedergutmachungsklage der Herero gegen deutsche Unternehmen und die Bundesrepublik aus dem September 2001.

Vor ein paar Jahren reiste Seyfried auf Einladung der Namibisch-Deutschen-Stiftung, dem Vorläufer des Goethe-Instituts, für zwölf Tage durchs Land. Als Zeichner sollte er Vorträge über den Gebrauch von Comics im Sprachunterricht halten. Doch was er dort sah, lenkte sein Interesse schnell in eine andere Richtung. "Da stehen die Kanonen, wie sie von den Deutschen verlassen wurden. Der Verschluss ist festgeschweißt, aber den könnte man lösen und sofort weiterschießen." Swakopmund sehe aus wie ein kalifornischer Badeort - nur mit preußischen Backsteinhäusern. Die Cafés verkaufen Leberkäs und ein an der Tankstelle angestellter Herero erklärt ihm: "Kannst mit mir deutsch reden, Meister."

In Windhoek gibt es ein zwölf Meter hohes Denkmal, das den Schutztruppenreitern gewidmet ist. Und in die Bordsteine der Hauptstraße, die zur namibischen Unabhängigkeit 1990 in "Independence-Allee" umbenannt wurde, ist der alte Name "Kaiser-Wilhelm-Straße" für alle Zeiten in den Granit gemeißelt. Da war Seyfried klar, dass er diese Geschichte aufschreiben würde. Sein Protagonist Carl Ettmann ist ein "Amalgam aus Zeitgenossen von damals", wie sie in Tagebüchern, Augenzeugenberichten, Protokollen und Zeitungsartikeln erscheinen. "Ich bin mit großem Respekt an die Sache gegangen", erzählt Seyfried, "und zwar beiden Seiten gegenüber". Von den Herero freilich gibt es keine schriftlichen Aufzeichnungen. Aber die mündlichen Überlieferungen aus Gesängen und Erzählungen "vermitteln zumindest ein Feeling dafür, wie es ihnen gegangen sein muss".

Um den Herero Petrus mit einer Friedensmission übers Land ziehen zu lassen, hat Seyfried Fachliteratur und Berichte der Rheinischen Missionare konsultiert. Das Ahnenfeuer, so befürchtet Petrus, würde in einem Krieg verlöschen. Nicht genug, dass die Afrikaner durch den Verkauf von Land, Vieh und Wasserstellen die Verbindung zum traditionellen Lebensrhythmus ihrer Vorfahren gekappt haben. In einer Schlacht mit den Besatzern drohen die Namen der Ahnen in Vergessenheit zu geraten, "die Wurzeln des Volkes im Vorher sterben ab, und die Menschen haben keinen Halt mehr im Heute, und darum wird es kein Morgen für sie geben". Von all dem wissen die Weißen nichts. Auch der wortkarge Preuße Ettmann tut seine Pflicht. Zweifel am Treiben seiner Landsleute kommen ihm erst spät. Dennoch lässt Seyfried die Geschichte nicht in einen politisch korrekten Aufstand der Rechtschaffenen münden.

Ihm sei es darum gegangen, wie ein "ahnungsloser Deutscher von 1903 empfindet, der im Glauben in die Kolonie fährt, das wäre alles okay. "Sollte der jetzt desertieren? Aber so etwas gab es beim Herero-Aufstand nicht!" Ob ihm nie der Gedanke gekommen sei, seine Geschichte mit einem Erzählrahmen in der Gegenwart zu verankern? "Nein", sagt Seyfried kategorisch, "ich wollte direkt in die Zeit hinein". Doch darin liegt auch die Crux. Mit der selbst auferlegten Beschränkung wird das binäre System kolonialen Denkens - wir gegen sie, Vernunft, Willen und Kultur gegen Barbarei, Trieb und Geschichtslosigkeit - über weite Strecken reproduziert. Zudem bedient sich der bekennende Karl-May-Leser und Fan von C.S. Forresters Hornblower-Geschichten einer äußerst traditionellen, realistischen Erzählweise.

Beim Spaziergang durch Windhoek etwa wird ein nahezu kitschiges Kolonialpanorama entworfen: "Es ist ein herrlicher, friedlicher Sonntagmorgen, die Sonne strahlt, in den Büschen und Zweigen zwitschern unbekannte Vögel. Der helle Klang einer kleinen Kirchenglocke schwingt in der klaren Luft." Es ist, so hätte Roland Barthes wohl formuliert, eine écriture du pouvoir, die das Fremde den heimischen Wahrnehmungsregularien assimiliert. Seyfrieds realistische Illustrationen unterstreichen noch den Willen zum bloßen Abbild. Dabei gerät ihm, in der ehrenwerten Absicht, das Geschehene mitsamt der Schuld undidaktisch auszustellen, der Völkermord mitunter zu einem etwas zu süffigen Leseabenteuer.

Doch das eigentliche Mirakel liegt darin, dass einer, dessen Bücher bislang Titel trugen wie Hanf im Glück oder Bullen, Bonzen und Berliner, sich nun als ernstzunehmender Romancier entpuppt.

Wer ist der "wahre Seyfried"? Da kann er nur lachen. Beantworten müssen das andere.

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