Henri Michaux.
Buch über Henri Michaux (2003, Gallimard, hrsg. von Jean-Pierre Martin).
Besprechung von Thomas Laux in Neue Zürcher Zeitung vom 24.07.2004:

L'art de la fugue - die Kunst der Flucht
Eine Monumentalbiografie zu Henri Michaux

Der Schriftsteller und Maler Henri Michaux gilt in der Literaturgeschichte nicht als «leichter Fall». Was sein Leben betrifft, war er äusserst verschwiegen. Eine dicke französische Publikation spürt ihm nun trotzdem nach. Das Ergebnis ist sehr lesenswert.

Von einer gelungenen Biografie darf man erwarten, dass sie die Balance schafft zwischen einer Fülle an Informationen und Daten einerseits und der Aufarbeitung derselben im Geiste der Synthese andererseits. Sartre stellte, als er sich im Sinne seiner von ihm geschaffenen «existenziellen Psychoanalyse» an Flaubert heranwagte, die Frage: Was kann man heute von einem Menschen wissen? Heraus kam keine Biografie, sondern eher eine Art Roman, fast dreitausend Seiten lang, man kann auch sagen: eine Erfindung. - Der französische Literaturwissenschafter Jean-Pierre Martin hat Henri Michaux (1899-1984) auf immerhin 740 Seiten nicht neu erfunden, obschon auch hier Wissenslücken in einer Mischung aus fragender Spekulation, latenter Suggestion und Empathie kompetent und überzeugend geschlossen werden können. Martin entwickelt vor allem ein sicheres Gespür für die richtige Nähe und die notwendige Distanz zu seinem Objekt.

Dies ist insofern bedeutsam, als Michaux in der Literaturgeschichte nicht gerade als «leichter Fall» dasteht. Er galt als überaus diskreter, über weite Phasen scheuer Mensch. Das Projekt einer Biografie hätte seine Zustimmung auch kaum erhalten. Alles ihn Betreffende hielt er zurück, die an ihn adressierten Briefe verbrannte er, selbst die Adressaten seiner Korrespondenz forderte er auf, dasselbe zu tun (was aber offenbar nicht befolgt wurde), Fotos von sich liess er nur in Ausnahmen zu. Folgerichtig stellt Martin gleich zu Anfang fest, dass Michaux eigentlich das ideale Objekt für eine «Non-Biographie» gewesen wäre. Die 740 Seiten seines Werks stehen nun eindrucksvoll dagegen. Martin hat neues, unbekanntes Material aufgetrieben und geht eher zurückhaltend damit um, Voyeuristisches gibt es bei ihm schon gar nicht. Nach der Lektüre hat man viel über den «Belgier von Paris» erfahren, die rätselhafte Aura dieses Mannes ist indes geblieben.

Für den am 24. Mai 1899 in Namur geborenen Henri Michaux stellt sich sein Hass auf Belgien und das eigene Elternhaus als besonderes Motiv heraus. In ihm ist bald alles verortet, was später auch kreativ umgesetzt bzw. kompensiert sein soll - Michaux' «doppelte» Reisen vor allem, Fluchten in alle Winkel der Welt zum einen; ins eigene Ich, mit Hilfe von Drogen, dem Meskalin vor allem, zum anderen. - Michaux will früh alle bürgerliche Enge und Spiessigkeit hinter sich lassen, Belgien wird da rasch zum Inbegriff der Lähmung. Wenn er viel später von Paris aus hin und wieder zu den in Brüssel lebenden Eltern reist, so sind das nur zäh abgerungene Stippvisiten aus besonderem Anlass. Mit sieben stecken ihn diese Eltern fünf Jahre lang in ein Pensionat, es ist ein «calvaire», wie er sagt. 1919 heuert der angehende Dichter im französischen Dünkirchen zunächst als Matrose an. Das Meer zieht ihn an, die alles sprengende Weite. Ziel sind Rio de Janeiro und Buenos Aires. 1921 kehrt er wieder zurück nach Europa, landet in Marseille und nach ein paar Umwegen dann in Paris. Die französische Metropole wird fortan sein Zentrum sein - er wird sie immer wieder zwecks seiner Reisen verlassen.

In den frühen zwanziger Jahren erscheinen erste Texte von Michaux in diversen Zeitschriften. Wesentliche Kontakte entstehen in der Folge fast zwangsläufig: Supervielle etwa hilft ihm bei der Wohnungssuche in Paris und wird ein guter Freund, Jouhandeau verschafft ihm kurzzeitig Arbeit an einer Schule, über Paulhan gelangt er in den Umkreis der «Nouvelle Revue Française», so dass bei Gallimard 1927 auch sein erstes «richtiges» Buch erscheinen kann, «Qui je fus». Michaux taucht im Umkreis der Surrealisten auf, trifft sich mit Desnos, Aragon, Breton und Eluard, will sich von der Gruppe aber nicht vereinnahmen lassen. In derselben Zeit beginnt er zu malen, womit sich bald ein zweites bedeutsames Betätigungsfeld auftut. Es soll ihm mindestens ebenso viel Ruhm einbringen wie das Schreiben; trotz distanzierten Äusserungen von Jean Paulhan, der kein Hehl daraus macht, dass er den Schriftsteller Michaux favorisiert. Derselbe Paulhan besorgt ihm in den fünfziger Jahren aber auch das gewünschte Meskalin. Gerade die malerischen Arbeiten unter dem Einfluss der Droge werden von Kollegen und Freunden unterschiedlich gewertet, Blanchot ist begeistert, Cioran mäkelt daran herum und findet sie langweilig.

Nach wie vor finden die Reisen, u. a. nach Indien, China oder Südamerika, ihren Niederschlag in den entsprechenden Texten («Un barbare en Asie», «Ecuador»). Relativ unbekannt und unaufgedeckt hingegen bleibt Michaux' Privatleben, seine «vie sentimentale». Aus den gesicherten Fakten nur so viel: 1943 heiratet er Marie-Louise Termet, sie ist die Frau seines Lebens, die allerdings früh, 1948, an den Folgen einer Lungenembolie verstirbt. Es wird keine zweite wesentliche Frau in seinem Leben geben.

Politisch hält Michaux sich zeitlebens zurück - «il est, il sera toujours à l'opposé de l'engagement historique ou guerrier, type Malraux» -, was nicht nur für die dreissiger, sondern im Besonderen auch noch für die späten sechziger Jahre gilt. Martin nennt ihn deshalb den «Anti-Sartre». Die Mai-Unruhen muss Michaux allein schon deshalb mitbekommen, weil er zu dieser Zeit im Quartier latin wohnt. Eine wie auch immer geartete Sympathie für die Ideen der 68er ist indes nicht auszumachen. Was ihn mit genanntem Sartre wiederum verbindet, ist das rigorose Ablehnen sanktionierter Literaturpreise, etwa den ihm zuerkannten «Prix national des lettres» (1965). Diese Weigerung ist Programm. Michaux mokiert sich darüber, dass er laut einer Umfrage in «Paris-Match» als «der grösste lebende Dichter Frankreichs» gehandelt wird. Öffentliche Auftritte verschmäht er und verweigert auch eine ihm zugedachte Extra-Nummer der «NRF» sowie eine Sondernummer von «Obliques»; einen literaturkritischen, ihn würdigenden Essay von Maurice Nadeau verreisst er kurzerhand. Selbstverständlich wehrt er sich auch - vergeblich - gegen seine Aufnahme in Gallimards prestigeträchtige Pléiade-Edition.

Gibt es aber so etwas wie eine gerade Linie in seinem Leben? Diskret, wie es vergleichsweise nur Gracq oder Blanchot vormachten, war sein Leben von Abwehr und Rückzug bestimmt (Martin nennt es «une ligne contre, une ligne de refus»). Michaux hatte ein experimentelles Verhältnis zur Welt, er war der überzeugte Amateur: Neugierde war die Grundlage seines Schaffens. Der Schriftsteller und Maler Michaux war ebenso Mystiker wie entflammter Ornithologe, skrupulöser Entomologist, leidenschaftlicher Botaniker; er begeisterte sich auch für die Psychiatrie, immerzu auf der Suche nach dem, was er, ausgestattet mit einer eigenen Lupe, ins Licht seiner kreativen Optionen stellten konnte. Jean-Pierre Martin macht diese eigentlich recht komplexen Zusammenhänge auf wunderbar unspektakuläre Weise sichtbar.

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