Hell und schnell.
555 komische Gedichte aus 5 Jahrhunderten (2004, S. Fischer, hrsg. von Robert Gernhardt und Klaus Cäsar Zeher).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 10.04.2003:

Ein wunderbares Gedichtbuch für alle, die beim Lesen gern ihren Spaß haben
Leben, Lachen, Liebe, Lyrik

Lachen gehört zu den vier oder fünf schönsten Tätigkeiten des Menschen. Nicht nur des Menschen; wer behauptet, Tiere könnten nicht lachen, hat sich noch nie mit einer Katze unterhalten. Und von Umberto Ecco wissen wir, dass auch Jesus lachte. Natürlich, er aß ja auch, und beim letzten Abendmahl versprach er den Jüngern, er werde das nächste Glas Wein mit ihnen im Himmel trinken. Aber das nur nebenbei.

Wenn also das Lachen göttlich ist, dann ist es kein Wunder, dass der Abglanz des Himmlischen auf Erden, die Lyrik, eine ganz besondere Brutstätte des Komischen ist. Natürlich, sagen Sie jetzt, Wilhelm Busch, Christian Morgenstern, Eugen Roth. Stimmt. Aber neben den üblichen Verdächtigen gibt es viele, von denen Sie nie gedacht hätten, dass sie zu großem Gelächter, amüsiertem Kichern oder zufriedenem Schmunzeln verführen können. Im Ernst - es ist fast zu schön, um wahr zu sein. Aber zum Glück nur fast.

Einer, den heute keiner mehr kennt, ist Michael Kongehl. Geboren 1646, wissen wir von ihm nicht viel mehr, als dass er Ostpreuße und Mitglied des Pegnesischen Blumenordens war, der Dichtung von "gesellig-anmutigem Charakter" pflegte. Der Herr Kongehl schrieb neben circa 749 anderen Gedichten eins mit dem schönen Titel "Mittel gegen bösen Athem", und es empfiehlt, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, also Lauchgeruch mit Zwiebelduft, Zwiebel mit Knoblauch und dessen ätherische Überreste mit Mäusedreck. Etwas Schlimmeres konnte sich der Dichter nicht vorstellen; offenbar wurde dergleichen als "gesellig" empfunden.

Von ganz anderem Kaliber ist Erich Kästner. Er ist als Autor des Heiter-Süffisanten wohl bekannt, und der gebildete Bürger kann viele Verse mitsprechen: "Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,/ behaart und mit böser Visage./ Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt/ und die Welt asphaltiert und aufgestockt/ bis zur 30. Etage." Gut, das ist sehr moralisch und endet allzu absehbar damit, dass die Menschen aller fortschrittlichen Wasserspülung zum Trotz noch immer die alten Affen sind; Amen. Aber es gehört unwiderruflich ins Schatzkästlein komischer Lyrik.

Etwas wirklich Ungewöhnliches liest man bei Gerhard Henschel, geboren 1962. Er hat seinen Briefkasten besungen, oder vielmehr, er lässt den Briefkasten selber singen: "Ich singe Bettwaren mit Schurwollfüllung, Ajax Blütenfest/Allzweckreiniger, Badezimmergarnituren aus Polyacryl/mit Miro-Motiven, ich singe den 3-D-Spiegelschrank ,Capri',/den WC-Sitz ,Stoffa', passend auf alle handelsübrlichen WCs". So geht es fort, sechs bemerkenswerte Strophen lang, bis zu dem nicht mehr überraschenden Schluss: "und morgen/fange ich wieder von vorne an." In der Lyrik liegen ungeahnte Möglichkeiten.

Ein guter Bekannter ist Kurt Schwitters. Seine "Anna Blume" ist ein Klassiker, die berühmte "Preisfrage" aus diesem Gedicht lautet: "1. Anna Blume hat ein Vogel. 2. Anna Blume ist rot. 3. Welche Farbe hat der Vogel." Das ist genial, erschließt sich dem ungestümen Humor aber nicht unmittelbar. Anders Kurt Tucholsky: "Wenn die Igel in der Abendstunde/ still nach ihren Mäusen gehn,/ hing auch ich verzückt an deinem Munde,/ und es war um mich geschehn -/ Anna-Luise -!"

Die folgenden Verse von Bert Brecht kann nicht nur jeder Kommunalbeamte aus voller Brust mitsingen: "Ja, mach nur einen Plan/ Sei nur ein großes Licht!/ Und mach dann noch 'nen zweiten Plan/ Gehn tun sie beide nicht." Dass es weitergeht: "Denn für dieses Leben/ ist der Mensch nicht schlecht genug", steht auf einem anderen Blatt.

Von Schiller gibt es wenig Humoristisches. Von Goethe einiges. Da ist zum Beispiel ein kleines Gedicht, Antwort an einen übel wollenden Rezensenten, mit dem Titel "Freuden des jungen Werthers". Darin wird erzählt, wie ein Geist auf Werthers Grab sich seinem Stuhlgang hingibt, nach getaner Tat seine Verrichtung froh betrachtet und dem Verblichenen nachruft: "Der gute Mensch wie hat er sich verdorben!/ Hätt er geschissen so wie ich,/ Er wäre nicht gestorben!" Pardon, aber hier spricht der Dichterfürst.

Eher unbekannt ist Danny Gürtler. Er starb 1917 in geistiger Umnachtung, nachdem er der Welt manche Zeile überlassen hatte, etwa die vom Streikbrecher: "Arbeitsmann halt' ein, halt' ein -/ Lass' das verdammte Streiken sein!"

Eine eigene Sorte Reime sind die geschüttelten. Sie haben Tradition, werden aber bis heute immer weiter fortgesetzt, etwa von Georg Kreisler (von dem auch die Zeile stammt: "Ich weiß nicht, was soll ich bedeuten") Er schrieb: "Ich hätt eine fromme Bitt: Gebt mir keine Pomme fritt!" Und F. W. Bernstein dichtete: "Keinesfalls ist Kassel schlecht/ als Schauplatz für die Kesselschlacht".

Joachim Ringelnatz gehört zu den Säulenheiligen komischer Lyrik. Er verfasste beinahe Inniges - die Verse vom ganz kleinen Reh am ganz kleinen Baum, von dem sich herausstellte, nach einem ganz kleinen Stips: Es war aus Gips. Und er schuf die unsterblichen Zeilen: "Überall ist Wunderland./ Überall ist Leben./ Bei meiner Tante im Strumpfenband/ Wie irgendwo daneben."

Auch das ist von Ringelnatz: "Ein Lied, das der berühmte Philosoph Haeckel am 3. Juli 1911 vormittags auf einer Gartenpromenade vor sich hinsang" (das war der Titel): "Wimmbamm Bumm". Undsoweiter, drei Strophen lang, aufgezeichnet nach einem Ohrenzeugen. Wenn das nicht Dichtung ist.

Wilhelm Busch ist geradezu eine Legende. Er schrieb, nachvollziehbar bis heute: "Es ist halt schön,/ Wenn wir die Freunde kommen sehn.-/ Schön ist es ferner, wenn sie bleiben/ Und sich mit uns die Zeit vertreiben. -/ Doch wenn sie schließlich wieder gehn,/ Ist's auch recht schön." Und unter der Überschrift "Gemartert" hinterließ er : "Ein gutes Tier/ Ist das Klavier,/ Still, friedlich und bescheiden,/ Und muss dabei/ Doch vielerlei/ Erdulden und erleiden". Der Vielseitige hat dazu nicht nur gereimt, sondern auch gezeichnet - siehe oben.

Einer der ganz Großen der Gegenwart ist Ernst Jandl, nicht nur wegen "Ottos Mops". Aber kennen Sie auch Ernst Jandls Weihnachtslied? (Doch, das passt auch zu Ostern): "machet auf den türel/ machet auf den türel/ dann kann herein das herrel/ dann kann herein das herrel/ froe weihnacht/ froe weihnacht/ und ich bin nur ein hund/ froe weihnacht/ froe weihnacht/ und ich bin nur ein hund". Lustig kann sehr traurig sein.

Aber apropos Weihnachten. Da gibt es natürlich Loriot, der neben vielen schönen Versen die vom Advent geschaffen hat - "Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken" - wer sich je darüber krank gelacht hat, wird nie vergessen, wie Knecht Ruprecht von der Försterin gute Gaben für arme Menschen heischt und ein paar Päckchen von ihr bekommt; drin steckt der Förster, sauber zerteilt, denn: "In dieser wunderschönen Nacht/ hat sie den Förster umgebracht./ Er war ihr bei des Heimes Pflege/ seit langer Zeit schon sehr im Wege." Das ist große deutsche Literatur.

Es gibt viel Schönes. Von Heinz Erhardt: "Hinter eines Baumes Rinde/ wohnt die Made mit dem Kinde". Von Frank Wedekind: "Ich hab' meine Tante geschlachtet". Otto Reutters Geschichte vom Überzieher ist unsterblich nicht zuletzt durch Peter Frankenfeld. Und zu den Meistern der Zunft gehört natürlich auch F. K. Waechter: "Die Gams erwacht' im fremden Forst/ und lag in einem Adlerhorst./ Sie sah sich um und sprach betroffen:/ Mein lieber Schwan! War ich besoffen!"

Einer der begnadetsten zeitgenössischen humoristischen Autoren lebt übrigens in Recklinghausen. Günter Nehm ist 1926 in Wattenscheid geboren und war bei verschiedenen Bergwerksgesellschaften im Ruhrgebiet tätig, nun ist er im Ruhestand und dichtet, was das Zeug hält. Unter dem Titel "Nostalgie auf Schienen" stellt er tiefsinnige Betrachtungen an: "In gesellschaftlichem Kreise/ wird das Wörtchen ,Puff' ganz leise/ nur genannt, da jedermann/ Liebeslust und Liebeslaster/ gegen eine Menge Zaster/ käuflich dort erwerben kann." Die zweite Strophe schwenkt - aha! - zur "Puff-Puff-Eisenbahn", bis der Autor zu dem lehrreichen Schluss kommt: "Zweimal Puff erfreut unbändig, einmal Puff ist unanständig."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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