1.) - 2.)

Heinrich von Ofterdingen.
Romanfragment von Novalis (1802).
Besprechung von Hartmut Ernst, Homepage Kübelreiter:

Der Fragment gebliebene (jedoch ursprünglich zur Fortsetzung bestimmte) Roman Friedrich von Hardenbergs, der besser unter seinem programmatischen Pseudonym bekannt ist, erschien im Nachlaß 1802 und zerfällt in zwei Teile ("Die Erwartung" und "Die Erfüllung"), die schon aufgrund ihres quantitativen Ungleichgewichtes keine wirkliche Korrespondenz aufweisen.

Der extrem handlungsarme und dagegen reflexionsreiche Text stellt die Titelfigur als latente Schriftstellergestalt vor und ist bewußt als Antithese zu Goethes "Wilhelm Meister" konzipiert; jenes Romans also, der in den Kreisen der Frühromantiker als das bedeutendste deutsche Werk der Epoche galt. Demzufolge ist im "Ofterdingen" die Dynamik eines Entwicklungs- und Bildungsromanes radikal angehalten zugunsten einer zirkulären Auflösung der Handlung in Metaphorik und Symbolik.

Insbesondere das für die Romantik weiterhin bestimmende Sehnsuchtssymbol der "blauen Blume" wird in diesem Roman erstmals verwendet. Daß diese Sehnsucht unbestimmt bleibt, sich also nicht auf ein konkret angebbares Ziel richtet, sondern sich als ewige Unerfülltheit und Prozessualität realisiert, gibt dem Text jene Vagheit und Offenheit, die später insbesondere bei Eichendorff ("Ahnung und Gegenwart") zur sentimentalen Gefühlsseligkeit verkommt.

Der Protagonist, der in einer höfisch-mittelalterlichen Welt mit seiner Mutter per Kutsche zu einem Besuch des Großvaters in Augsburg unterwegs ist, erfährt in Konversation mit Mitreisenden und in episodenhaften, fast irrealen Begebenheiten an den Orten der Rast eine innere Reise der Reifung, von der die äußere Reise nur das sichtbare Abbild darstellt. Der Traum von der blauen Blume hat als Initiations- und Erweckungserlebnis einen Prozeß in Gang gebracht, der als Reise nach Innen zu begreifen ist. Das romantische Motiv vom Hinabsteigen in die Tiefen der Erde, wo der Protagonist seinem wahren Selbst begegnet und dieses als verborgenen Text eines Buches entdeckt, verweist bereits auf die Bedeutung, die der psychischen und irrationalen Wirklichkeit des Menschen innerhalb romantischen Erzählens zukommt.

Vollends in den Bereich des Irrationalen und nicht mehr Erklärbaren ragt das den ersten Teil beschließende Märchen des Klingsohr von Eros und Fabel hinein, das sich als Allegorie der Poesie auffassen läßt und dem Protagonisten zumindest vordergründig die unerfüllbare Liebe zu Mathilde, der Tochter Klingsohrs, als Bedeutung der blauen Blume vor Augen stellt.

Die Verklärung der Poesie als einer alle Grenzen sprengenden und die gesamte Natur umfassenden Realität scheint im zweiten Teil des Romans auf, in dem die Grenzen von Traum und Realität vollends verschwimmen. Es tauchen nur noch allegorische Gestalten auf, denen eine quasi-mythologische Existenzweise zukommt.
Der Roman dokumentiert die intensive schriftstellerische Auseinandersetzung mit dem Wesen der Poesie im Kontext eines "magischen Idealismus", der auch dem Unbelebten poetische Kraft zumißt und Reifung des Menschen als Weg in die Abgründigkeit des eigenen Ichs versteht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Kübelreiter]

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2.)

Heinrich von Ofterdingen.
Romanfragment von Novalis (1802).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 24.3.2001:

Novalis - viel mehr als nur Dichter der Blauen Blume
Vor 200 Jahren starb Friedrich von Hardenberg

Sein Name klingt wie ein Geheimnis, und sein Leben liest sich wie eine romantische Novelle. Friedrich von Hardenberg, der sich Novalis nannte, starb vor 200 Jahren. Er war erst 29 Jahre alt, und war schon unsterblich.

Was von ihm blieb, für alle, das war die Blaue Blume. Aber schon das Romanfragment, in dem sie als Symbol des Wunderbaren, des erstrebenswerten Fernen, letztlich Unerreichbaren gefeiert wird - schon Heinrich von Ofterdingen ist heute kaum noch bekannt. Novalis' Gedichte, seine theoretischen Werke - Splitter auch sie, denn so war sein Denken: viel zu genau, um Vollständigkeit zu beanspruchen - auch sie schlafen weitgehend im Vergessenen.

Und doch war der Mann, der als der Inbegriff der Romantik, des überschwänglichen Gefühls gilt, ein scharfer Denker, ein wütender Realist. Ein Bürger so gut wie ein Künstler, ein willensstarker Kopf, der weniger emotional als intellektuell die Geschichte zu durchdringen und der Welt religiösen Halt zu geben suchte. Für ihn war die Romantik nicht nur Rückbesinnung auf das Mittelalter, sondern auch Sehnsucht nach Neuem, nach der Moderne.

Es ist eine eigentümliche Fügung des Schicksals, dass Novalis' kurzes Leben so novellistische Züge trägt. Seine Liebe, seine Braut Sophie von Kühn, starb als 15-jähriges Mädchen. Es ist Abend um mich geworden, schrieb Novalis über ihren Tod, während ich noch in die Morgenröte hineinsah. Er folgte ihr wenige Jahre später. Friedrich von Hardenberg starb an Lungenschwindsucht.

Doch auch im Leben kreuzte sich Novalis' romantische Sehnsucht mit Handfestem, Bodenständigem. Er war nicht nur Poet, sondern zugleich Bergbauingenieur, er bewunderte den Bergbau als Bereich des tätigen Menschen und suchte den Ausgleich zwischen den Naturwissenschaften und der Poesie, die er als Teile eines Ganzen verstand.

Nur knapp vier Jahre lang war Friedrich von Hardenberg Novalis. Den Namen, der weniger mystisch als konkret einen Standort beschreibend Der Neuland Bestellende bedeutet, gab er sich zuerst für die Veröffentlichung Blütenstaub in der Zeitschrift Athenäum der Brüder Schlegel. Doch auch der Name Blütenstaub klingt nur für uns schwärmerisch und verträumt. Novalis dachte ganz sachlich an literarische Sämereien. Es mag freilich manches taube Körnchen darunter sein. Indes, wenn nur einiges aufgeht.

Dennoch bleibt von diesem exzellenten Kopf vor allem die Blaue Blume. Warum? Vielleicht, weil wir sie noch immer suchen. Wenn wir den Heinrich von Ofterdingen gelesen hätten, wüssten wir, dass die Blaue Blume sich verändert, sobald man sich ihr nähert.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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