Der Dichter
der Frauen.
Buch über Heinrich
Heine (2005, Artemis & Winkler, hrsg. von Edda Ziegler).
Besprechung von Sabine
Dultz im Münchner
Merkur, 17.02.2006:
Kleine
Lieder aus großen Schmerzen "Ich hatte einst ein schönes Vaterland .
. .":
Zum 150. Todestag von Heinrich Heine
"Es ist mir nichts geglückt in dieser Welt, aber es hätte mir doch noch schlimmer gehen können. So trösten sich halbgeprügelte Hunde." Das schreibt drei Jahre vor seinem Tod der schwerkranke Dichter Heinrich Heine aus Paris an seine Mutter nach Hamburg. 1856, am 17. Februar, hat seine Lebensqual ein Ende. Nach achtjährigem Lager auf seiner "Matratzengruft" schließt er für immer die Augen. Heute jährt sich sein Todestag zum 150. Mal.
Heine, der protestantische Jude aus Düsseldorf,
zu Lebzeiten schon ein berühmter Mann, ist der bedeutendste Lyriker des 19.
Jahrhunderts. Seine Dichtung beflügelt die Generationen nach ihm. Sein
Freigeist und seine Freizügigkeit machen ihn zum Schriftsteller der Moderne.
"Beruhigt Euch, ich liebe das Vaterland ebenso wie Ihr. Wegen dieser Liebe
habe ich 13 Jahre im Exil verlebt, und eben wegen
dieser Liebe kehre ich wieder zurück ins Exil." Heinrich Heine, aus dem
Vorwort zu "Deutschland. Ein Wintermärchen"
Doch zwölf Jahre Nationalsozialismus schafften
es, den Autor von "Deutschland, ein Wintermärchen" totzuschweigen.
Zwar konnten die Nazis die "Lorelei" nicht verbieten, aber die
Autorenschaft schrieben sie frech dem "Volksmund" zu.
Heute ist Heinrich Heine als Autor so spannend, aber auch so geheimnisvoll wie
eh und je. Was sagen seine Gedichte über ihn selbst aus? War er ein so großer
Erotiker wie es uns seine Verse weismachen wollen? Ist denn das literarische Ich
identisch mit dem Verfasser? Und muss immer für bare Münze genommen werden,
was der Autor am Ende oft genug selbst mit einem ironischen Schlenker in Frage
stellt?
Heinrich Heine und die Frauen - das ist ein viel diskutierte Thema der
Gegenwart. Und Spezialistin Edda Ziegler hat anlässlich seines Todestages dazu
ein Buch veröffentlicht: eine differenzierte Analyse seines Werkes, seines
Lebens und seiner Persönlichkeit. Dies vor allem anhand seiner Briefe.
Was man zum besseren Verstehen wissen sollte, das sind die gesellschaftlichen
Voraussetzungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Ziegler: "Die bürgerliche
Gesellschaft ist damals in Frankreich - und mit einer gewissen Verzögerung -
auch in Deutschland, den beiden Ländern, in denen Heine lebt und schreibt, voll
entwickelt. Nach Herkunft, Ausbildung und Selbstverständnis gehört er dieser
neuen, nun gesellschaftlich tonangebenden Schicht an. Und bleibt dennoch
zeitlebens ein Außenseiter. Stigmatisiert durch sein Judentum, das er als Makel
empfindet, trotz aller Integrationsmöglichkeiten, die das napoleonische
Zeitalter und der Assimilationswille seiner Mutter ihm eröffnen und obwohl er
sich christlich hat taufen lassen."
"Dies war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am
Ende auch Menschen." Heinrich Heine, aus "Almansor"
Wenngleich im politischen und sozialen Bereich
ein Mann der Gegenwart, ist Heine doch, was Frauen betrifft, in der Tradition
des Machotums verhaftet. Das erklärt seine Reserviertheit gegenüber den sehr
in Mode geratenen, zeitgenössischen Schriftstellerinnen und anderen weiblichen
Intellektuellen, die er entweder als Konkurrentinnen empfindet - wie George Sand
- oder als mütterliche Gönnerin - wie Rahel Varnhagen. "Ich bin freylich
nicht einverstanden mit dem Weiber-Emanzipations-Enthusiasmus." Und:
"Im Allgemeinen ist Denken nicht der Frauen Sache."
Dabei ist Heinrich Heine zumindest von einer "denkenden" Frau geprägt
und sein Leben lang abhängig: von seiner Mutter. Aus der tiefen Bindung zu ihr
erklärt Heine-Forscherin Edda Ziegler die problematischen Beziehungen des
Dichters zu Frauen, sein Hin- und Hergerissensein zwischen hehrer
Liebessehnsucht und ernüchternder Liebesrealität. Die Liebe bezeichnet
Heinrich Heine als "die Pocken des Herzens". Als eine Seuche also, von
der er sich nie befreien kann. Aus ihr allerdings speist sich seine dichterische
Kreativität.
Dabei weiß er, dass diese Krankheit tödlich verlaufen wird. Nach eigenen
Aussagen nämlich hat er sich in jungen Jahren bei Hamburgs Huren mit Syphilis
infiziert. Ob dies denn auch wirklich die Ursache seines langen Siechtums und
qualvollen Todes gewesen ist, wird allerdings von der aktuellen Forschung in
Zweifel gezogen. Vieles spricht eher dafür, dass Heinrich Heine an einer Rückenmark-Tuberkulose
litt und schließlich daran starb.
Nun aber zu seinen Frauen. Der ganz große, erfolgreiche Liebhaber, für den man
ihn nach der Lektüre seiner Lyrik halten könnte, ist er offenbar nicht.
"Du fragst mich, Kind, was Liebe ist? Ein Stern in einem Haufen Mist."
Heinrich Heine, aus "Neue Gedichte"
Seine erste Liebe - nach der Mutter - gilt seiner
Cousine Amalie, der Tochter seines reichen Onkels Salomon Heine in Hamburg, der
ihn bis ans Lebensende unterstützt. Doch die smarte Amalie zeigt dem 18-jährigen
Vetter die kalte Schulter. Das Ergebnis dieser Abfuhr mündet in Lyrik:
"Das Buch der Lieder", Heines erste Gedichtsammlung. "Aus meinen
großen Schmerzen mach ich die kleinen Lieder", so der junge Poet im
"Lyrischen Intermezzo".
In Frankreich, dem Exil des Dichters, begegnet er der Frau, die er nach siebenjährigem
Zusammenleben auch tatsächlich heiratet: die 18 Jahre jüngere Mathilde, bis zu
seinem Tod seine Geliebte, Gefährtin, Peinigerin. Eine Pariser Grisette vom
Land, ungebildet, Analphabetin, von üppiger Schönheit, mit einem
"herrlich dicken Hintern". Ein Paar, das sich gegensätzlicher nicht
denken lässt. Eine Frau, die er sich, wie er glaubt, à la Pygmalion bilden
kann.
Zunächst gibt er ihr, die eigentlich Augustine Crescence Mirat heißt, den
Namen Mathilde. Für Heine ein Synonym für Schönheit und Klugheit. In seinen
"Reisebildern" (1828) hatte er eine englische Lady, die er im
italienischen Lucca traf, so genannt. Edda Ziegler: "Mit der Überformung
Mathildes zur literarischen Figur schafft Heine zugleich ein idealisiertes öffentliches
Bild der Beziehung, hinter dem er die Wirklichkeit und damit auch das
gesellschaftlich wohl wenig repräsentative reale Vorleben der Geliebten
verschwinden lassen kann. An dessen Stelle soll - so der
patriarchalisch-narzisstische Anspruch - das von ihm selbst geschaffene Geschöpf
treten; Mathilde, Heines Besitz und weibliches Alter Ego."
"Wir männlichen Schriftsteller schreiben für oder gegen eine Sache, für
oder gegen eine Idee, für oder gegen eine Partei; die Frauen jedoch schreiben
immer für oder gegen einen einzigen Mann, oder besser gesagt, wegen eines
einzigen Mannes." Heinrich Heine, aus "Geständnisse"
Aber so, wie es sich der Dichter gedacht haben
mag, funktioniert es nicht. Mathilde erweist sich als nicht formbar. Und als
Heine die Schöne seiner vornehmen Familie in Hamburg präsentiert, kommt's zum
Eklat: Mathilde, einfach und unsensibel sowie des Deutschen nicht mächtig,
reist vorzeitig nach Paris zurück; er kommt später nach.
". . . da ich wohl wusste, dass Kinderzeugen nicht meine Spezialität
ist." Heinrich Heine über seine Ehe
Elise Krinitz ist die Frau, die Heinrich Heine die restlichen Monate seines
Lebens versüßt - "letzte Blume meines larmoyanten Herbstes". Selbst
nennt sie sich Margareth, für den maladen Dichter ist sie "die Mouche",
seine letzte Liebe. Eine junge deutsche Publizistin, die in Paris lebt. Die
Beziehung zum sie begehrenden, aber körperlich ohnmächtigen Heine dient ihr
dazu, Fuß zu fassen in den elitären Kulturkreisen der Seine-Stadt. Und Heine
stimulierte die rein psychische Hingabe der 30-jährigen Frau zu letzten Versen,
den Gedichten "An die Mouche". Sie gelten als seine einzigen persönlichen
Liebesgedichte. Dazu Heines von unverstellter Offenheit getragenen Briefe:
"Wäre ich noch ein Mann, diese Phase bekäme minder platonische Tornüre.
Aber ich bin nur noch ein Geist, was vielleicht Ihnen, aber nicht mir sonderlich
zusagt . . . Ein Todter, lechzend nach den lebendigsten Lebensgenüssen!"
Die letzten Lebenstage verwehrt Mathilde der Freundin den Zutritt zur Wohnung.
Am 17. Februar 1856 um 4. 45 Uhr stirbt Heinrich Heine. Die Wärterin weckt Frau
Mathilde nicht einmal auf.
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