Haus ohne Hüter von Heinrich Böll, KiWi/dtv

Haus ohne Hüter.
Roman von Heinrich Böll (1954, Kiepenheuer & Witsch/dtv).
Besprechung von Hugo Ernst Käufer aus Lesezeichen, 2002, Grupello-Verlag:

Und mittendrin die Kinder ...
Zu Heinrich Böll: »Haus ohne Hüter« (1954)

Der 1917 in Köln geborene Heinrich Böll, der wohl begabteste Autor der »Gruppe 47«, legt uns mit seinem neuen Roman ein weiteres Zeugnis seines Talentes vor. Beim Erscheinen seines Buches »Und sagte kein einziges Wort« im vergangenen Jahr urteilte man, daß er mit diesem Werk sprachlich wohl die Spitze seines Könnens erreicht habe. Doch dem Rezensenten fällt es schwer, nicht enthusiastisch über das vorliegende Buch zu sprechen: Es ist subtiler in der Diktion; Klischees, die dem oben erwähnten Buch noch nachgesagt werden konnten, sind überwunden, und die Sprache ist meisterlich gestaltet. Mir ist seit William Goyens Buch »Haus aus Hauch« kein Werk begegnet, daß von dieser Gekonntheit gewesen wäre. Es drängt sich der Vergleich auf: Wenn wir uns heute über die gesellschaftliche Situation Frankreichs zu Anfang des 19. Jahrhunderts orientieren wollen und zu den Büchern Balzacs greifen, so werden spätere Generationen nicht zuletzt Bölls neuen Roman in die Hand nehmen, um sich mit dem Nachkriegsdeutschland, der Zeit nach 1945, zu beschäftigen. Auch wenn wir die Sätze von Graham Greene auf diesen Roman anwenden können: »Sehen Sie, es gibt nichts Schlimmeres für einen Autor, als wenn er seine Bücher schreibt, um Menschen zu bekehren«, so bleibt doch festzustellen, daß Böll kraft seiner Sprache die morschen Stellen unserer gesellschaftlichen Institutionen abfühlt, sie einreißt und so den wirklichen Grund unserer Gewissensentscheidungen freilegt. Kurzum: Es handelt sich um einen soziologischen Roman, der ein scheinbar alltägliches Thema, das Problem der »Onkel-Ehen«, auf die dichterische Ebene transponiert.
    Zwei elfjährige empfindsame Knaben, die in einer Stadt der Rheingegend aufwachsen, sind in den Mittelpunkt der Handlung gestellt. Da ist zunächst die Welt Martin Bachs, die sich nicht nur dadurch von der seines Freundes Heinrich Brielach unterscheidet, daß im Hause Martins das Geld reichlich vorhanden und der Eisschrank gut gefüllt ist; es ist auch der Unterschied zwischen Onkel Albert und Leo. Onkel Albert war der Freund seines Vaters, Raimund Bach, der 1942 in Kalinowka von einem Spähtrupp-Unternehmen nicht zurückgekehrt ist. Anlaß zu diesem sinnlosen Unternehmen war der Befehl eines jungen Leutnants, der feststellen wollte, »ob der Befehl eines Offiziers ausgeführt werden muß oder nicht«. Raimund Bach nahm Albert das Versprechen ab, sich um seinen Sohn zu kümmern. Albert wächst langsam in die Rolle eines unentbehrlichen Freundes hinein und ist so wie anderer Jungen Väter sind. Martins Mutter Nella ist durch den Tod ihres Mannes derart erschüttert, daß sie das Gefühl hat »zu schwimmen«. Sie läßt sich absacken in der Meinung, daß alles mehr oder weniger sinnlos geworden ist. Sie lehnt es ab, von Albert geheiratet zu werden und flieht in eine Scheinwirklichkeit. Doch sie ist bereit, die Geliebte Alberts zu werden, denn »als Geliebte werde ich dir treuer sein, als ich es als Frau sein könnte ... wozu dieser tödliche Ernst mit der Ehe ... vier Millionen von diesen feierlichen Verträgen werden durch einen Krieg zunichte gemacht«. Sie macht in »Snobismus«, trifft sich mit jungen Leuten, die albern sagen: »Es ist himmlisch, ins Zentrum des geistigen Lebens einzudringen«, fährt zu kulturellen Tagungen, wo »Schwätzer«, die während der Nazizeit über »Unser Führer in der modernen Lyrik« referierten, heute zum Thema »Das Verhältnis des geistig Schaffenden zu Kirche und Staat in einem technisierten Zeitalter« Stellung nehmen. In diesem Kreis der »Trichinenbeschauer der Kultur« trifft Nella Gäseler den Mörder ihres Mannes, aber bei seinem Anblick stellt sie resignierend fest: »Ein Profil, das sich für einen Werbefilm eignet. So sieht das Schicksal aus, so wie du: nicht düster, nicht grauenvoll, sondern langweilig.« Ausgerechnet er hält Referate wie: »Was haben wir von der Lyrik der Gegenwart zu erwarten?« Dazu zitiert er Gedichte Raimund Bachs, die dieser vor dem Krieg geschrieben hatte. Schon »die Nazis konnten wunderbare Reklame mit seinen Gedichten machen, weil sie so ganz anders waren wie der penetrante Dreck, der aus ihren Firmen kam; sie konnten damit hausieren gehen und beweisen, daß sie nicht einseitig seien ...«
    Positive Kritik ist berechtigt, sie muß sein. Böll selbst hat einmal gesagt: »Das Auge des Schriftstellers sollte menschlich und unbestechlich sein.« Mit diesen Nuancen der »Menschlichkeit« sind auch die anderen Personen gestaltet, die in Martins Welt eine Rolle spielen: Da ist die ältliche Bolda, die Kinoprogramme und Gesangbücher sammelt, Freundin der Großmutter seit der Jungmädchenzeit, als beide noch arm in einem kleinem Dorf der Eifel wohnten. Da ist Glum: kahlköpfig, zahnlos, mit seinem guten, eckigen Gesicht, der im KZ gesessen hat. Doch die farbigste und profilierteste Figur des Romans überhaupt ist die Großmutter Martins. Sie, die alle vier Wochen den »Rappel« bekommt und ihr Spiel »Blut im Urin« spielt, die schweres und reichliches Essen, fette Suppen, bräunliches, dickflüssiges Zeug, dessen Geruch in Martin Ekel verursacht, liebt und versucht, ihn zum »Fleischfresser« zu machen, ist derart meisterhaft gezeichnet, daß man Vergleichbares in der jüngeren deutschen Literatur vergebens sucht. In dieser Welt der labilen Stimmungen und scheinbaren materiellen Sicherheit wächst Martin auf, verstanden und gestützt eigentlich nur von Onkel Albert, der es ablehnt, der Geliebte Nellas zu werden, denn »für die Kinder bin ich irgend so etwas wie die letzte Stütze, es würde für sie ein Schlag sein, den sie nie überwinden, wenn auch ich aus der Onkel-Kategorie, in der ich jetzt bin, in die andere überwechselte«.
    Heinrich Brielach lebt in einer materiell gefährdeten Welt. Er wurde von der Stunde seiner Geburt an nicht geschont, trieb sich mit fünfeinhalb Jahren auf dem Schwarzmarkt umher, trug später die Lasten des spärlichen Haushalts und erlebte die verschiedenen »Onkel-Kategorien«, mit denen sich seine Mutter einließ. Nach dem Tode ihres Mannes blieben Frau Brielach nur »zerschlagene Knochen, ein bleiernes Hirn und die abendliche Wollust, die ihr lästig war«. Sie hat kein Geld, sich Zahnersatz zu kaufen, bricht schließlich das Verhältnis mit »Onkel« Leo, der ein »Schwein« ist und mit Heinrichs Mutter ein Kind hat, und wechselt hinüber zum Bäcker, bei dem sie arbeitet, der als fünfter »Onkel« der Onkelreihe erscheint und ihr materielle Sicherheit verspricht. Auf die Frage Martins: »Warum heiraten unsere Mütter nicht wieder?« antwortet Heinrich: »Wegen der Rente, Mensch. Wenn meine Mutter heiratet, bekommt sie keine Rente mehr.« Während des Umzuges zum Bäcker wird die ergreifende Armut der Familie offenbar. Der Satiriker Böll kommt zum Vorschein, wenn er eine ehemalige Tür, auf deren Schild »Finanzminister, Zimmer 542« steht, als Martins Bett erscheinen läßt. Der Umzug ist angefüllt mit Verzweiflung, so daß Heinrich traurig feststellt: »der einzige, der jetzt hätte helfen können, wäre der Vater gewesen ...« Im Hause stehen die Leute umher, weiden sich an der Verlorenheit Brielachs, und einer der Bewohner sagt: »Von einer Sünde in die andere.« Doch Böll schließt die Szene mit einem versöhnlich stimmenden Akzent. Onkel Albert erscheint, begreift die Not der Frau und Heinrichs Verlassenheit, so daß die Frau, als sie schon beim Bäker wohnt (diese Gestalt reizt förmlich zu einer eigenständigen psychologischen Betrachtung) noch von der Tröstung lebt, die sie dem Blick Alberts entnehmen konnte.
    Die Besprechung kann aber nicht abgeschlossen werden, ohne die ausgezeichnete psychologische Charakterisierungskunst zu würdigen, die Böll immer dann anwendet, wenn die beiden Jungen in erster aufkeimender Ahnung mit den Problemen des Geschlechtlichen zusammentreffen. So die Begegnung mit einigen Schulkameraden, die im Gebüsch »Unschamhaftes« getan haben, und so der Zusammenprall mit einem »dunklen« Wort, das Brielachs Mutter zum Bäcker gesagt hat. Dem Rezensenten trat die Charakterisierung des kleinen Hugh in Llewllyns Roman »So grün war mein Tal« wieder ins Bewußtsein. Aber dieser Vergleich kann nur annähernd gebraucht werden. Die Zeichnungen Bölls sind dichter in der Atmosphäre und angefüllt mit den Tiefen, die ein wirkliches Kunstwerk ausmachen. Böll ist aufrichtig als Katholik und durchdrungen von der Wahrheitsliebe eines Bernanos und Greene. Er bekämpft die Fassade, die leeren Worte und den Rummel der vorgetäuschten Frömmigkeit. Wir sollten mehr Autoren wie Böll haben; er wird seinen Weg gehen.

Leseprobe I Buchbestellung 0203 LYRIKwelt © Grupello