Haus der Schildkröten von Annette Pehnt, 2006, Piper1.) - 2.)

Haus der Schildkröten.
Roman von Annette Pehnt (2006, Piper).
Besprechung von Angelika Overath aus der Neue Zürcher Zeitung vom 8.11.2006:

Das Drama der alten Kinder
Annette Pehnts beeindruckender Roman «Haus der Schildkröten»

Unsere Zukunft ist das Alter. Wenn uns die Götter nicht lieben. Und gut möglich, dass wir die letzten, unselbständigen Jahre in einem Seniorenheim verbringen. Wenn uns die Kinder nicht lieben. Aber so einfach ist es mit der Liebe nicht, denn Kinder sind keine Götter.

Annette Pehnts neuer Roman «Haus der Schildkröten» handelt vom Dilemma der Liebe in Zeiten des geistigen und körperlichen Verfalls. «Bevor ich ins Heim gehe, bringe ich mich um», fällt Ernst ein, wenn er an seinen Vater denkt, den Professor, der in selbstgenügsamer Demenz durch die Gänge von «Haus Ulmen» schlurft und unablässig Aufzeichnungen macht. Manchmal erkennt er seinen Sohn Ernst nicht, dann wieder begrüsst er ihn als einen geschätzten Kollegen, und wenn Ernst sich auf den Altersirrsinn des Vaters einstellt und etwa verspricht, ihm Anna, die verstorbene Ehefrau, wieder vorbeizubringen, die er mit Enkelin Lili verwechselt, kann es sein, dass der Professor seinen Sohn brillant beschämt: «‹Red keinen Unsinn›, sagte der Professor leise. ‹Anna ist seit Jahren unter der Erde.›»

Nachgetragene Liebe

Und Regina, die wie Ernst jeden traurigen Dienstag ins «Haus Ulmen» kommt, um dort ihre herrische Mutter, Frau von Kanter, zu besuchen, gesteht, dass sie für ihre Mutter eine Kerze angezündet und gebetet hat, gebetet, «dass sie stirbt. Ja. Dass sie tot umfällt. Auf der Stelle.» Daraufhin schauen sich Ernst und Regina an. «‹Verstehst du das?›, fragt Regina. ‹Es hat nicht geklappt›, sagt Ernst leise. Sie strecken gleichzeitig die Hände aus und halten sich an den Fingern.»

Auch Ernst und Regina sind hilflos und ausgesetzt. Erschöpft tragen sie den Eltern eine Liebe nach wie eine unverstandene Wiedergutmachung, eine letzte vergebliche Leistung: «Ich mache das freiwillig», redet sich Regina ein, «weil ich grosszügig sein will, grosszügiger als Mutter jemals zu mir gewesen ist.» Aber die alten Eltern wollen schützende Geborgenheit, dauernde Nähe; und genau das ist das Letzte, was die alten Kinder leisten können. Sie sind geschieden, wie Ernst, oder waren schon immer allein, wie Regina, und haben selbst Mühe, mit ihrem Leben jenseits der Jugend zurechtzukommen. Die Orangenhaut breitet sich aus, die Glatze und beschämt das noch einmal aufflammende Begehren. Heimlich holt sich Regina Zärtlichkeiten beim Friseur, der ihr Haar in feuchten Strähnen büschelweise hochnimmt und sanft gegen die Kopfhaut zieht. Und Ernst stürzt sich als Wochenend-Vater auf Tochter Lili, wo er scheitert, weil das Kind eine richtige Familie will. So gelingen auch die kleinen Fluchten nicht.

Das alles ist wunderbar erzählt. Annette Pehnt glückt in diesem schmalen Roman ein psychologisches Kleinod. Sie hält scheinbar wohlbekannte Alltagssplitter noch einmal gegen das Licht, wo sie irritierend, ja manchmal monströs aufblitzen. Spielerisch verknüpft sie Parallelwelten. Da ist das teure Alters-Etablissement «Haus Ulmen», das innerhalb seiner Grenzen mehr oder minder das Gute will und oft zwangsläufig das Böse schafft. Noch die gewöhnlichsten Verrichtungen führen hier ins Gruselkabinett unfreiwillig geteilter Intimität. In diesem Rahmen geraten dann gerade feierliche Ereignisse wie ein Erntedankfest zum Fegefeuer der Peinlichkeiten, wenn «Schwiegersöhne, Nichten und Enkel» bei der Tanzeinlage «Schwalbenschwanz» mitschunkeln und anklatschen «gegen die tiefe Traurigkeit der Darbietung», bis ein «verzweifelter Karneval» losbricht. Die Würde des Menschen ist antastbar.

Gegenzauber

Und da ist die Gegenwelt, die exklusive Ferienanlage in Malaysia, die sich als gespenstische Variante des Altersheims entdeckt. Ernst und Regina sind in die hermetische Exotik geflohen und wollen ihre Zufallsbekanntschaft vom Parkplatz vor «Haus Ulmen» stabilisieren. Aber trostlos klein ist der Schritt von der einen Anstalt zur anderen. Auch im Ferienresort handelt fremdes Personal kalt zuvorkommend, und der scheinbare Luxus kippt um in offensichtlich kindischen Blödsinn. Auch hier, am anderen Ende der Welt, in maximaler Entfernung zu der Altenhölle, gelingt es Regina und Ernst nicht, ihre alten Königskinderpflichten zu vergessen und zueinander zu kommen. Sie scheitern aufgeklärt und tapfer.

Aber wider alle Wahrscheinlichkeit schleicht sich der Gegenzauber der Liebe ins «Haus Ulmen». Zunehmend fühlt sich die ehemalige Kolumnistin Frau Hint hingezogen zu dem wie ein paralysiertes Tier vor sich hin stierenden Herrn Lukan. Frau Hint ekelt sich nicht vor seinem Sabbern und dem Geruch seines Kots. Sie placiert ihre Feuchttücher in seinem Badezimmer neben seine Windeln, damit sie, wenn nötig, ab- und aufwischen kann. «Es ist ihr einfach unausweichlich geworden, in Herrn Lukans weiches, breites Gesicht zu schauen, hinter den langsamen Augen nach etwas zu spähen, das nur ihr gilt, und sich, wenn es dunkel wird, seine warme, schlaffe Hand auf das Bein zu legen, aber dazu braucht Frau Hint einen kleinen Schluck oder zwei.» Dann spült sie der Sherry «Herrn Lukans Hand entgegen, und später gibt das eine samtige Müdigkeit, sie redet einfach weiter, leise, in Herrn Lukans Ohr, und lehnt den Kopf an die Nackenlehne seines Rollstuhls».

Annette Pehnt arbeitet behutsam und präzise wie mit einer Lupe, und so gelingt es ihr, unscheinbare Augenblicke zu seelischen Szenarien zu öffnen. Das Buch handelt nicht nur von den Abgründen der Liebe (zwischen Kindern und Eltern, Pflegenden und Gepflegten, Männern und Frauen), es ist auch mit einer hingebenden Aufmerksamkeit geschrieben, die genau diesen Namen verdient.

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Haus der Schildkröten von Annette Pehnt, 2006, Piper2.)

Haus der Schildkröten.
Roman von Annette Pehnt (2006, Piper).
Besprechung von Petra Kohse in der Frankfurter Rundschau, 7.3.2007:

Selbst die Blumen
Annette Pehnt hat mit "Haus der Schildkröten" einen Roman der Heillosigkeit geschrieben

Auf dem Umschlag ist ein weißes Häkeldeckchen zu sehen, das mit einer roten Wäscheklammer auf der Leine hängt. Ein ganz kleines weißes Häkeldeckchen, im Durchmesser gerademal doppelt so groß wie die Wäscheklammer. Ein Häkeldeckchen, das unter einen Kerzenständer passt. Oder unter eine Pillendose. Hier füllt es ein Viertel des Covers und ist rund um die Wäscheklammer scharf gestellt, während der weiße Hintergrund verschwimmt. Das sieht vorwurfsvoll aus. Man fokussiert das Alltägliche ja nur, um ihm Bedeutung zu geben. Seht her, auch Häkeldeckchen werden gewaschen!? Nein. Seht her, es gibt sie noch, die Häkeldeckchen!? Schon eher. Und manche sehen nur noch sie und sonst nichts!? Ja. Das ist der Vorwurf dieses Covers. Und obwohl anzunehmen ist, dass Annette Pehnt nichts mit der Gestaltung des Umschlags zu tun hatte, ist dies eine recht genaue Entsprechung der Tendenz ihres Romans.

Das titelgebende Haus der Schildkröten ist ein Altersheim. Eigentlich trägt es den Namen Haus Ulmen, aber mit den "Immergleichen", die in der verglasten Eingangshalle herumlungern und den Rest ihres Lebens verwarten, wirkt es wie ein Terrarium. Es ist ein Altersheim wie viele. Oder sogar ein wenig besser als viele. Keine Verwahrlosung, kein echter Pflegenotstand, alles gerade noch im Rahmen. Das Personal ruppig bis bemüht, die Tage durchaus noch gestaltet, die Bewohner noch nicht ganz abgekoppelt von ihrem früheren Leben, wenngleich nur mehr eingeschränkt kontaktfähig.

Es wird vom Heimalltag erzählt, von den Versorgungsabläufen und einzelnen Personen wie Frau Hint, die ihren komplett bewegungs- und kommunikationsberaubten Nachbarn zum Objekt ihrer späten Bindungswünsche gemacht hat.

Im wesentlichen aber geht es um Frau von Kanter und ihre Tochter Regina sowie Herrn Professor Sander und seinen Sohn Ernst. Zwei alleinstehende Alte aus dem bürgerlichen Milieu, die von ihren Kindern zufällig beide nicht sonntags wie die meisten anderen, sondern jeden Dienstag besucht werden. Diese Kinder sind jeweils Einzelkinder, selbst schon etwas in die Jahre gekommen und leben gleichfalls alleine, Regina schon immer und Ernst nach einer gescheiterten Ehe, der eine Tochter entstammt, Lili. Die Alten sind deutlich vermindert.

Naturgemäß gehen Regina und Ernst nicht gerne ins "Haus der Schildkröten", fühlen sich beide aber geradezu sklavisch in der Pflicht. Die Besuche sind ein einziges Sich-Wegducken unter der Frage, inwieweit Kontakt noch möglich ist, und die Erleichterung ist grenzenlos, wenn sie hinterher wieder auf dem Parkplatz stehen. In so einem euphorischen Moment kommen sie sich näher, die ältlichen Kinder, keine Schönheiten beide, keine Beziehungskünstler, im Gegenteil, aber sich ebenbürtig.

Die 39-jährige Annette Pehnt, deren dritter Roman dies ist, hat ein sicheres Gespür für Stimmungen und einen bohrenden Blick. "Im Zimmer füllt sie den Orangensaft in Frau von Kanters Schnabeltasse und schraubt den Deckel fest, sie hält ihn nur mit Daumen und Zeigefinger, als ekele sie sich. Hier Mama, das wird dir guttun. Frisch gepresst wäre noch besser, die Presse hast du ja zuhause, denkt Frau von Kanter und spitzt die Lippen, ein feuchtes Pusten, das Regina zusammenfahren lässt. Einige Sekunden hängt eine bange Stille über ihnen. Dann schüttelt Regina den Kopf, beinahe tadelnd, und plappert weiter (...)."

Der Versuch von Regina und Ernst, sich in den Armen des anderen sowie in einem gemeinsamen Urlaub von der jeweiligen Elternfessel zu befreien, gelingt nicht. Statt dessen scheint sich der Druck sogar zu verdoppeln. Das Haus der Schildkröten ist überall, wobei den Eltern dieser Triumph nicht hilft, haben sie sich doch unabwendbar bereits auf ihren je eigenen, einsamen Weg des Verschwindens gemacht.

Annette Pehnts Thema ist die Heillosigkeit. In jeweils zwei bis drei Seiten langen Abschnitten liefert sie Momentaufnahmen von Verhältnissen, die allseits und zunehmend verstrickt sind. Selbst Blumen welken immerzu in diesem Roman, dessen Rhetorik der Vergeblichkeit zwar elegant und in seiner wortfinderischen Schonungslosigkeit witzig, für eine echte Auseinandersetzung mit dem Geschilderten letztlich aber zu erwartbar ist. Anders als in Annegret Helds Roman Die letzte Dinge (2005), wo der Heimalltag mit warmherzigem, lebenszugewandtem Realismus beschrieben wird und immer vieles möglich scheint, wohnt man hier kaltem Vollzug bei. Der Beweisführung angekündigter und geradezu reglos konstatierter Aussichtslosigkeit.

Am Ende geht mit Regina von Kanter zwar noch eine Veränderung vor. Dass diese jedoch mit eigener Mutterschaft zu tun hat und sie trotz anderer Gefühlsentscheidung nun weiterhin an Ernst Sander gebunden bleiben wird, gibt zu keiner Hoffnung Anlass, sondern besiegelt die Alleinherrschaft der Depression. Tatsächlich gehört der letzte Absatz des Buches wieder den Schildkröten. Man feiert Silvester im Haus Ulmen. Der Herr Professor hat eine verwirrte Rede gehalten, woraufhin "ein beinahe stürmischer Jubel aus dem Speisesaal in die Eingangshalle strömt, in den Gängen widerhallt, in die Krankenzimmer sickert, wo die Pflegefälle ihre Köpfe drehen, und sich allmählich im Jaulen der Raketen verliert."

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