Hau von Bernd Schroeder, 2006, Hanser1.) - 2.)

Hau.
Roman von Bernd Schröder (2006, Hanser).
Besprechung von Ursula März aus der Frankfurter Rundschau, 26.08.2006:

"Hau"
Bernd Schroeders kriminalistische Sittengeschichte

Im Sommer 1907 steht in Karlsruhe ein gewisser Karl Hau vor Gericht, er wird beschuldigt, fünf Jahre vorher in Baden-Baden seine Schwiegermutter auf offener Straße erstochen zu haben. Das unterstellte Motiv: Habgier. Dem jungen smarten Rechtsanwalt mit der dubiosen und ruinösen internationalen Geschäftskarriere wird vorgeworfen, im Hinblick auf das Erbe seiner Gattin deren Mutter ermordet zu haben. Der Fall Hau, den der Autor Bernd Schroeder in seinem am heutigen Samstag erscheinenden Dokumentarroman mit polizeilicher Akribie und literarischer Erzählintelligenz bearbeitet, ist berühmt geworden und noch immer unaufgeklärt und rätselhaft. Er gilt bis heute als einer der großen Indizienprozesse des 20. Jahrhunderts, in dessen Widersprüchen, Ungereimtheiten und ideologischen Reibungen sich historischer Zeitgeist verdichtet.

Karl Hau, zu Beginn der Erzählung noch Jurastudent, ist ein zwielichtiger, in widersprüchliche Teile zerfallender, kurzum: ein moderner Charakter. Enthemmter Erotomane, blasierter Schwindler und Hochstapler einerseits. Ambitionierter Akademiker, weltoffener Bildungsmensch andererseits. Schamloser Frauenheld und zwanghafter Kleinbürger in einem. Dieses undefinierbare Schillern einer Persönlichkeit, die sich überall anpasst und zugleich jeder Regel, jeder moralischen Vereinbarung entzieht, dürfte, unter anderem, Bernd Schroeder am Fall Hau gereizt haben.

Die Geschichte dieses Falls beginnt im Jahr 1901 in einem Urlaubsort auf Korsika. Drei aus Baden-Baden angereiste, dem soliden deutschen Bürgertum angehörende Damen befinden sich dort in Ferien: Frau Molitor - das spätere Mordopfer -, Witwe eines Medizinalrates, und zwei ihrer Töchter, beide unverheiratet, die 24-jährige, eher in sich ruhende Lina Molitor und ihre fünf Jahre jüngere, eher überspannte, dem Verfassen unsäglicher Gedichte verfallene Schwester Olga. Zwei typische Geschöpfe auf der Kulturschwelle zwischen Tradition und Emanzipation. Sie haben nichts zu tun, nichts vor im Leben, als auf eine Ehe zu warten.

Verzehrt nach einem Habenichts

Fünfzig Jahre früher hätten sie sich mit diesem Zustand in friedlichem Einverständnis befunden, zwanzig Jahre später ihn mit einer Ausbildung oder gar einem Universitätsstudium abgekürzt. So aber, im Jahr 1901, sind sie nur diffus unzufrieden, auf eine begrifflose Weise vom Leben frustriert, bevor es überhaupt begonnen hat, und doch nicht in der Lage, es in die Hand zu nehmen. Für Hau ist es ein Kinderspiel, Lina Molitor um den Finger zu wickeln, sie aus dem öden Baden-Baden buchstäblich zu entführen. Sie heiraten. Hau geht mit Lina Molitor nach Amerika, schlägt an der Universität Washington eine akademische Laufbahn ein.

Bernd Schroeder faltet das psychologische und soziokulturelle Ausgangsszenario des Gerichtsprozesses breit auf - ohne eine seiner Figuren zu diskreditieren. In dieser Erzählethik liegt eine der Qualitäten seines Buches. Denn natürlich wären die Damen Molitor, die sich auf Korsika nach einem 19-jährigen Habenichts verzehren und von ihm im Lauf der folgenden Jahre in den Abgrund reißen lassen, ein Fest der Satire.

Hau lügt ihnen über sein Vermögen, seine Herkunft, seine Aussichten das Blaue vom Himmel herunter und hat noch mit dem größten Blödsinn Erfolg bei den hungrigen Frauenherzen. Die gutgläubige Mutter, die naive Tochter und spätere Frau Hau, die sich jahrelang über das geschäftliche und geschlechtliche Doppelleben ihres Mannes täuschen lässt, in Washington, Paris oder London sitzt, auf den Gatten wartet, strickt und kocht, während Hau in Konstantinopel ihre Mitgift mit Mätressen durchbringt - solche Figuren wären Leckerbissen einer Humoreske. Hier, in der Obhut des Autors, sind sie vor allem eines: die traurigen Heldinnen einer Tragödie, an der ihr historisches Milieu kräftig mitwirkt.

Philosophie der Ratlosigkeit

Lina Molitor begeht Selbstmord, nachdem die gegen ihren Mann geführten Ermittlungen und deren Enthüllungen ihr Lebensbild verwüstet haben. Olga Molitor kommt am Ende sogar in den Verdacht, Haus Komplizin gewesen zu sein. Bei all dem aber handelt es sich um Spekulationen. Denn wer der Mann war, der im Herbst 1906 mit ungeschickter Perücke und angeklebtem Schnurrbart durch Baden-Baden hetzte, just zu dem Zeitpunkt, als Frau Molitor von einem Unbekannten erstochen wurde, und ob dieser Unbekannte identisch mit dem Maskierten und dieser eben Karl Hau war, das alles bleibt vernebelt.

Karl Hau wurde vom Schwurgericht Karlsruhe zum Tod verurteilt, dann zu lebenslanger Haft begnadigt. Im Jahr 1924 wird er aus dem Gefängnis entlassen, kahlköpfig und dick, nicht wieder zu erkennen. Das Charakterporträt, das Schroeder von diesem Karl Hau zeichnet, ist das melancholische Ambivalenzbild eines Mannes, der nicht zu verstehen ist. Auch darin liegt eine Art Tragödie; die Tragödie eines Mannes, der sich Leben nicht anders denn als Doppelleben vorstellen kann. Um Karl Hau herum aber hat der Autor ein illustres, episches Ensemble aus Nebenfiguren geschaffen.

Hau ist, was Justizerzählung im besten Fall sein kann: Sittengeschichte aus kriminalistischem Stoff. Die literarische Stärke von Schroeders Roman aber liegt in der dechronologisierenden Montagekonstruktion. Die Schauplätze und Zeitebenen der gesamten, über ein Vierteljahrhundert gedehnten Geschichte, vom Anbandeln auf Korsika über den Karlsruher Prozess bis zu Haus Haftentlassung und seiner Karriere als Buchautor in eigener Sache, mischt der Roman Kapitel für Kapitel wie ein Kartenspiel. So unterläuft er den eingleisigen, linearen Spannungsaufbau des konventionellen Thrillers und übernimmt das Regelwerk des Indizienprozesses als Methodik des Erzählens: Von allen Seiten kommen Fakten und Berichte.

Aber auch in der Summe ergeben sie kein verlässliches Wissen. Sie treffen sich in einem leeren Zentrum. So ist Schroeders Roman letzten Endes auch eine Studie über die Philosophie der Ratlosigkeit, die das 20. Jahrhundert gedanklich überwölbt und die in der Urteilsschwäche des Indizienprozesses ihr konkretes Paradebeispiel findet.

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Hau von Bernd Schroeder, 2006, Hanser2.)

Hau.
Roman von Bernd Schröder (2006, Hanser).
Besprechung von Britta Heidemann aus der WAZ vom 15.9.2006:

Er wars. Oder nicht
Bernd Schroeder hat einen spannenden Roman über einen bis heute zweifelhaften historischen Mordfall geschrieben

Sex und Verbrechen, vermengt mit dem wohligen Schauer historischer Realität: Bernd Schroeders Werk über den Juristen Karl Hau, der 1907 wegen Mordes zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt wurde, hat alles, was ein Bestseller braucht. Dass er auch glaubwürdige Porträts zeichnet und einen tiefen Einblick in deutsche Justizgeschichte gibt, schmälert die Spannung keineswegs.

War ers oder war ers nicht? Um diese Frage kreist Schroeder: Hat Karl Hau in Baden-Baden seine Schwiegermutter erschossen? Bis heute lautet die Antwort: vielleicht. In der Nähe war er, noch dazu mit falschem Bart und Perücke. Zu wenig Geld hatte er auch - und zu viel Leidenschaft für seine Schwägerin Olga. Geschickt, sehr geschickt verbindet Schroeder Briefe, Gerichtsprotokolle, Zeugenaussagen, Zeitungsartikel mit fiktionalen Szenen, die das Drama mit Leben füllen. Dabei schmückt er besonders die Dreiecksgeschichte zwischen dem Jüngling und den Schwestern aus, "die eine wie die andere einen tiefen Blick in seine blauen Augen wagen". Auch Hau schaut genau und sieht: in der um einige Jahre älteren Lina "die erwachsene Frau im heiratsfähigen Alter". In Olga entdeckt er das poetisch-verwirrte "Mädchen mit den gesammelten Reimen". Im Prozess sagt er, er sei nach Baden-Baden gereist, um Olga zu sehen. Lina ertränkt sich vor Prozessbeginn im Zürichsee.

"Diese Olga, die Hau auch später so sehr um allen Verstand gebracht hat, wäre doch für ihn die bessere Frau gewesen", folgert aus all dem der Papierfabrikant Wöhrle. Er war einst in Lina verliebt und gibt den klassischen Beobachter, ein kluger Kunstgriff: Wöhrle speist am Nebentisch, als Karl Hau Mutter und Schwestern schöne Augen macht, und fragt sich: "Sitzen die Damen Molitor nicht vielleicht einem Angeber und Hochstapler auf, zumindest einem mit vielen Wassern gewaschenen Schwadroneur?"

Diese Frage wird Wöhrle vor Gericht beantwortet. Er hört von Bordellbesuchen, von den Angebereien, der Verschwendungssucht, aber auch von der steilen wissenschaftlichen Karriere des jungen Juristen. Erfährt alles über die Geschäftsreisen nach Istanbul, bei denen Hau die Erbschaft seiner Frau verprasst, während sie mit der kleinen Tochter zu Hause bleibt. Und kommt zu dem Schluss: "Im Zweifel für den Angeklagten, und Zweifel sind reichlich vorhanden!" Ein Hochstapler und Frauenheld muss ja nicht gleich ein Mörder sein.

So wie er dachten viele. Nach dem Urteil kam es zu Tumulten. Als Hau 1924 vorzeitig entlassen wird, ist die Öffentlichkeit noch sehr interessiert. So sehr, dass die Justiz die "Beurlaubung" widerruft. Hau flieht. Im Februar 1926 stirbt er in Italien.

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