Hass von André Glucksmann, 2005, Nagel&KimcheHass.
Essay von André Glucksmann (2005, Nagel & Kimche - Übertragung Bernd Wilczek und Ulla Varchmin).
Besprechung von Ludger Lütkehaus in DIE ZEIT, 13.10.2005:

Ich hasse, also bin ich
André Glucksmann denkt über »die Rückkehr einer elementaren Gewalt« nach

Die »Antiquiertheit des Hassens« hat Günther Anders, bekannt geworden als der Philosoph des Atomzeitalters, vor drei Jahrzehnten diagnostiziert. Gemeint war, dass im Zeitalter der Bombe die Kriegführung immer mehr technische Arbeitsform annimmt. Die »Taten« werden immer indirekter; die »Täter«, die »Subjekte«, von ehedem immer mehr Funktionäre, Ingenieure des Schrecklichen, und die »Objekte«, die Opfer, sind immer weniger sichtbar. Gefühle, gar Leidenschaften sind da überflüssig: Wo hätten sie in vielfach vermittelten, depersonalisierten Prozessen ihren Ort?

Anders hatte Recht in Bezug auf die Psychologie der großen Vernichtungskriege. Auch, was sich heute chirurgical strike nennt, ist von diesem nüchternen, gefühlsfreien Typ: ein Computerspiel. Etwaiger Hass ist in die humanen »Kollateralzonen« verbannt. Aber sonst? Schwerlich gibt es derzeit Aktuelleres, weniger Antiquiertes als den Hass. Er regiert im Herzen des globalen Terrorismus, zwischen Ground Zero, Beslan, Falludscha, Madrid, London, aber auch in seiner angeblich nur defensiven Form in Guantánamo und Abu Ghraib. Die Renaissance ganzer fanatischer Religionen scheint von ihm bestimmt. Der militante Islamismus, das fundamentalistische Christentum, der hinduistische Nationalismus  sie alle frönen dem Hass. Und allen fehlt es nicht am »großen Satan«, gegen den sie zu Felde ziehen können, mag es der gottlose Westen, das »Reich des Bösen« oder irgendein anderer Dämon sein. Einem manichäisch gefärbten Dualismus kann es nicht an Kandidaten fehlen. In den »Hasspredigern« hat die Verbindung von fanatisierter Religion und Hass ihren rhetorischen Ausdruck gefunden.

André Glucksmann, einem der inzwischen in die Jahre gekommenen »Neuen Philosophen« in Frankreich, immer schon für pointierte Debattenbeiträge gut, wo es die böse Linke, die Meisterdenker oder Die Macht der Dummheit zu attackieren galt, ist also nur zuzustimmen, wenn er lakonisch konstatiert: »Es gibt Hass«; es gibt die »Rückkehr seiner elementaren Gewalt«. Diskussionsbedarf freilich besteht in der Frage, ob und gegebenenfalls wie der Hass motiviert und wie er zu bekämpfen, vielleicht sogar zu überwinden ist. Im Hintergrund steht mit dem Hass einmal mehr die Aufklärung mit ihrem Glauben an die Humanisierbarkeit des Menschen zur Diskussion.

Glucksmann lässt keinen Zweifel, auf welcher Seite er hier steht: Im Unterschied zu den guten Leuten, die immer noch nicht wissen, was die böse Stunde geschlagen hat, malt er sein Schwarz in Schwarz. Mit sozialer und psychologischer Ursachenforschung, mit dem Elan sozialarbeiterisch inspirierter Therapie kann man Glucksmann zufolge dem Hass nicht beikommen. Denn er ist ein »absolutes« Gefühl, »autonom« wie das Böse. Die Zerstörung will er um ihrer selbst willen. Und wenn er doch noch etwas anderes will, dann den Kult des absolut gesetzten Ichs, das aus allem nihilistisch nichts macht und sich so zum destruktiv allmächtigen Gott befördert. »Ich hasse, also bin ich«, lautet nicht eben originell das Selbstbekenntnis eines pseudocartesianischen Egos, das sich gerade nicht aus dem Zweifel, sondern aus fatalen absoluten Gewissheiten nährt.

Folgerichtig steht bei Glucksmann hinter dem Widerruf aufklärerischer Humanisierungsprogramme eine »Naturgeschichte des Hasses auf das Humane«. Therapie gibt es hier nicht, nur den entschlossenen Kampf, einschließlich Antiseuchenprogramm und Quarantäne. Denn der Hass pflanzt sich wie »eine ansteckende Krankheit« fort. Die triftigste Frage an diese Diagnose, die Satanisierung und Epidemiologie verbindet, stellt Glucksmann am Schluss sich selber  »Hasse ich den Hass?« , um sie freilich unverzüglich abzuweisen: Hat der Hass Ursachen, vielleicht sogar Gründe, die ihn keineswegs billigen, aber doch ansatzweise erklärbar machen? Auf jeden Fall operiert er nicht kontextfrei und absolut. Glucksmann selber zeichnet in instruktiven Kapiteln zum Judenhass, zum Frauenhass, zum Antiamerikanismus die Rationalisierungsgrundlagen nach, aus denen der Hass vorgibt, sich zu nähren. In einem vorzüglichen Montaigne−Kapitel, das der Auseinandersetzung mit dem damals wie heute dominierenden religiösen Hass gewidmet ist, wird der theologisch−politische Wahn, die Verbindung »allerhimmlischster Überzeugungen« mit »unterirdischen Sitten«, angemessen scharf umrissen. Die glänzend belesene Analyse einer literarischen Hass−Figur wie Medea und des von ihr inszenierten Theaters der Grausamkeit sieht freilich umso hartnäckiger von Medeas tiefer Verletzung ab, um desto besser über ihren »Furor« zu Gericht sitzen zu können. »Die Zwischentöne fehlen, die das Leben, die Prüfung der Verantwortung und die Wahrheit der Literatur ausmachen«: so Glucksmann unfreiwillig selbstkritisch.

Gewiss, nicht im Verhassten, sondern in dem Hassenden liegt die Erklärung für den Hass, wie Glucksmann mit berühmteren Ahnen, Sartre und Jankélévitch, feststellt. Aber was erklärt den Hassenden, seine wahnhafte Paranoia, den Hass als Abwehrmechanismus, der im anderen befehdet, was er an sich selbst nicht gelten lassen darf? Hassender und Verhasster sind unerkannte verfeindete Zwillinge. Pathologie jeder Form verlangt nach Erklärungen, wo Glucksmanns Nichtdiagnose abbricht, weil ihr Autor lieber kämpfen will.

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